Finanzstabilitätsbericht

EZB sorgt sich um Immobilienmarkt

25.05.2022
, 13:31
Sonnig ist der Ausblick der EZB auf den Finanzmarkt nicht.
Die Europäische Zentralbank sieht höhere Risiken für die Finanzstabilität – nicht zuletzt rechnet sie mit fallenden Immobilienpreisen. Unterdessen wird öffentlich eifrig über Zinserhöhungen diskutiert.
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Der Krieg in der Ukraine belastet nach Einschätzung der Europäischen Zentralbank (EZB) die Finanzstabilität im Euroraum. Höhere Energie- und Rohstoffpreise infolge des russischen Angriffs stellten eine Gefahr für das Wirtschaftswachstum und die Inflationsentwicklung dar, heißt es in dem am Mittwoch veröffentlichten Finanzstabilitätsbericht der Zentralbank. „Der schreckliche Krieg in der Ukraine hat unermessliches menschliches Leid verursacht“, sagte EZB-Vizepräsident Luis de Guindos. „Er hat auch die Risiken für die Finanzstabilität erhöht, da er sich auf praktisch alle Aspekte der Wirtschaftstätigkeit und die Finanzierungsbedingungen auswirkt.“ Die Reaktion der Finanzmärkte auf den Kriegsausbruch seien weitgehend geordnet verlaufen, stellte die Notenbank fest. Allerdings seien die Preise für Rohstoffe und Energie weiterhin schwankungsanfällig.

Fallende Preise bei Vermögenswerten seien nicht auszuschließen. Falls der Konflikt in Osteuropa weiter eskalieren oder die Weltwirtschaft schwächeln sollte oder aber die Zinszügel stärker als erwartet angezogen werden müssten, könne es zu weiteren Korrekturen an den Finanzmärkten kommen. Neben dem Krieg bärgen auch die erwartete Normalisierung der Geldpolitik, eine mögliche Verschärfung der Corona-Krise und eine mögliche schwäche Entwicklung der chinesischen Wirtschaft weitere Gefahren.

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Sorgen um den Häusermarkt

Nicht zuletzt könne es im Zuge abrupt steigender Hypothekenzinsen eine Preiskorrektur am überhitzten Häusermarkt geben. Laut dem Finanzstabilitätsbericht sind Häuser im Euroraum aktuell um durchschnittlich fast 15 Prozent überbewertet, in einigen Ländern sogar um bis zu 60 Prozent. Der Boom am Immobilienmarkt war auch von der Niedrigzinspolitik der Zentralbank lange unterstützt worden, indem die Baufinanzierungskosten niedrig blieben.

Mit der rasant steigenden Inflation sind die Marktzinsen aber schon jetzt deutlich gestiegen, noch bevor die EZB voraussichtlich im Juli eine Zinswende einleiten wird. Die EZB geht davon aus, dass die Häuserpreise inflationsbereinigt stets um rund 1 Prozent fallen werden, wenn die Hypothekenzinsen um 0,1 Prozentpunkte steigen.

In manchen Mitgliedsstaaten bestehe die Gefahr, dass sich am Häusermarkt mit sich gegenseitig hochschaukelnden Immobilienpreise und Hypothekenvergabe eine Blase gebildet habe. In der Slowakei, Estland und Litauen seien stark steigende Immobilienpreise und eine zugleich deutliche Zunahme der Hypothekendarlehen zu verzeichnen.

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Zugleich sei in einigen Staaten die Verschuldung der Haushalte im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung hoch - allen voran in den Niederlanden, in Zypern und Griechenland. Die EZB bekräftigte ihre Aufforderung, dass Banken entsprechend ihrem Engagement im Immobiliensektor mehr Kapital vorhalten sollten.

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Im Unternehmensbereich sei die Inflation speziell für Unternehmen ein Problem, die sich nie deutlich von den Corona-Maßnahmen erholt haben, so etwa Luftverkehrsgesellschaften, Hotelbetreiber und die Getränkeindustrie. „Diese Anfälligkeiten werden durch die Aussicht auf strengere Finanzierungsbedingungen verschärft, die sich insbesondere auf die Schuldendienstfähigkeit von Unternehmen mit niedrigerem Rating negativ auswirken würden”, heißt es im EZB-Bericht. Auch hoch verschuldete Unternehmen könnten mit steigenden Kreditzinsen in Schwierigkeiten geraten. Für europäische Banken haben sich die Gewinnaussichten nach Einschätzung der EZB eingetrübt.

Unterdessen gehen die öffentlichen Diskussionen von Zentralbankern um Zinserhöhungen weiter. EZB-Direktor Fabio Panetta sprach sich für eine eher vorsichtige Straffung aus. Die Notenbank sehe sich derzeit mit einer beispiellosen Abfolge ökonomischer Schocks konfrontiert, sagte Panetta am Mittwoch in Frankfurt. „Wie andere große Zentralbanken stehen wir vor der Aufgabe, die Geldpolitik zu einem alles andere als normalen Zeitpunkt zu normalisieren.“ In dieser schwierigen Situation sei eine graduelle Straffung zu empfehlen.

Uneinigkeit um Zinserhöhung

Auch das finnische Ratsmitglied Olli Rehn sprach sich für einen kleinen Zinsschritt im Juli aus. Der Einlagensatz sollte um 0,25 Prozentpunkte auf minus 0,25 Prozent angehoben werden, sagte Rehn am Mittwoch bei einem Online-Auftritt im Rahmen einer Veranstaltung der Notenbank von Finnland. Die Normalisierung sollte angesichts der hohen Unsicherheit in der Wirtschaft als Folge des Kriegs in der Ukraine schrittweise erfolgen. Bis zum Herbst sollte der Einlagensatz für Geld, das Geschäftsbanken bei der EZB parken, auf 0 Prozent steigen, sagte Rehn weiter.

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Der Notenbankpräsident von Finnland folgte damit Aussagen von EZB-Präsidentin Christine Lagarde, die sich am Montag in einem Blogbeitrag für eine eher vorsichtige Straffung ausgesprochen hatte. Dagegen wollen andere Ratsmitglieder einen größeren Zinsschritt um 0,5 Prozentpunkte nicht ausschließen oder treten sogar für einen solchen Schritt ein, so etwa das lettische Ratsmitglied Martins Kazak, der am Montag in einem Interview in Riga sagte, eine Erhöhung um 50 Basispunkte sei eine Sache, die man diskutieren könne. Auch der Niederländer Klaas Knot und der Österreicher Robert Holzmann plädierten zuletzt dafür, auf diese Weise der amerikanischen Notenbank zu folgen. Das französische Ratsmitglied Francois Villeroy de Galhau bezeichnete einen solchen Schritt wiederum nicht als Teil des Konsenses im EZB-Rat.

Dem Euro tun die Diskussionen nicht gut. Dessen Dollarkurs fiel am Mittwoch deutlich um auf zuletzt 1,0668 Dollar.

Quelle: mho./dpa/Reuters
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