Komplexes Klima

Schwellenländer lassen sich nicht über einen Kamm scheren

Von Martin Hock
16.08.2018
, 15:04
Nicht alle Schwellenländer sind gleich: Indien gehört derzeit zu den besseren.
Die Krise in der Türkei belastet auch den südafrikanischen Rand - und schwört schon das Gespenst einer Schwellenländerkrise herauf. Doch die Wirklichkeit ist komplizierter.

Die Krise der türkischen Lira hat den Blick einmal mehr auf die Schwellenländer gelenkt. Befürchtungen werden geäußert, die türkische Krise könnte zu einer veritablen Schwellenländerkrise werden. Dies ist nicht von der Hand zu weisen, doch ist der Zusammenhang recht komplex.

Denn „Schwellenländer“ ist eigentlich eine künstlich geschaffene Gruppe von Ländern. Anders als die Europäische Union, die südostasiatische Asean oder Lateinamerikas Mercosur besteht sie aus Ländern, die häufig nur geringe wirtschaftliche Beziehungen miteinander pflegen. Zwischen der türkischen Hauptstand Ankara und Pretoria in Südafrika etwa liegen rund 10.000 Kilometer, das Handelsvolumen macht für die Türkei 0,4 und für Südafrika 0,8 Prozent aus.

„Schwellenland“ als Definitionsfrage

Zwischen Moskau und Rio de Janeiro liegen 11.500 Kilometer, der Handel zwischen beiden Ländern macht für Russland etwa ein Prozent aus, für Brasilien etwas mehr. In den vergangenen Jahren sind mehr und mehr Investoren zu der Überzeugung gelangt, dass „Schwellenländer“ nicht mehr ist als ein besseres Wort für „weiter entwickelte Nicht-Industrieländer“. Früher hätte man es vielleicht einmal „2. Welt“ genannt, wenn dieser Begriff nicht durch den sogenannten Ostblock besetzt worden wäre.

Schwierig und wechselnd ist auch, welche Länder der Gruppe zuzurechnen sind. Das betrifft beide Richtungen. Griechenland wurde von wichtigen Anbietern von Börsenindizes nach der Krise den Schwellenländern zugeschlagen. Doch auch Südkorea, wo das Pro-Kopf-Einkommen 60 Prozent höher ist als in Spanien wird oft noch der Gruppe zugerechnet. Auf der anderen Seite gilt Indonesien als Schwellenland, das etwas reichere Sri Lanka wird dagegen zu den „Entdeckermärkten“, der nächst-niedrigeren Stufe gezählt.

Die Zuordnung beruht nicht nur auf dem Einkommen, sondern auch auf qualitativen Kriterien wie der Entwicklung der Institutionen und dem Marktzugang. Bisweilen ist diese überholt und in jedem Fall letztlich eine Konvention. So hat sich in den vergangenen Jahren auch die Perspektive der Investoren verändert. Vermehrt werden Schwellenländer individuell betrachtet.

Eine Frage des Klimas

Nichtsdestoweniger haben Schwellenländer eines gemeinsam: Sie werden eben nicht zu den Industrieländern gezählt. Das wiederum bedeutet, Investitionen werden als risikoreicher eingestuft, unabhängig davon, ob das auch so zutrifft. Das bedeutet, dass eine negative Entwicklung der Weltwirtschaft oder der Stimmung an den Finanzmärkten sich grundsätzlich auch auf diejenigen Länder auswirkt, die zu den Schwellenländern gerechnet werden.

Dies ist schon seit längerer Zeit der Fall. Seit dem Auslaufen der Finanzkrise hat sich das Klima sukzessive verschlechtert, einfach weil das Risikobewusstsein der Investoren größer geworden ist. Seit einigen Jahren hat sich nun das weltpolitische Klima verschlechtert.

Hinzu kommen ökonomische Faktoren. So sind die Binnenmärkte der Schwellenländer im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung klein. Sie sind dadurch vom Export abhängig. Die Liberalisierung des Welthandels hat ihren Aufstieg ermöglicht, doch seit der Finanzkrise ist die Tendenz rückläufig – der aktuelle Handelskonflikt rund um die Vereinigten Staaten, für viele Länder einer der wichtigsten, wenn nicht der wichtigste Absatzmarkt, hat die Lage deutlich verschärft.

Gleichzeitig sind die Preise vieler Rohstoffe, die eine hohe Bedeutung für die Ausfuhren vieler Schwellenländer haben, deutlich zurückgegangen. Mitte der 2000er Jahre hatten viele Preise nie gesehene Höchststände erreicht. Zink etwa wurde zu seinem Höhepunkt zum 2,6fachen des 30-Jahres-Durchschnitts gehandelt, Zucker zum Dreifachen, ähnliches gilt etwa für Reis, Kaffee oder Aluminium.

Seit einigen Jahren beginnen sich zudem die Zinsdifferenzen zuungunsten der Schwellenländer zu verschieben, nachdem die Niedrigzinsphase in den Vereinigten Staaten zu Ende gegangen ist. Das hat zur Folge, dass Kapital verschoben wird – von den Schwellenländern nach Amerika. Dadurch wird der Dollar stärker, was zwar die Exporte der Schwellenländer vergünstigt. Andererseits bringt es die Währungen der Schwellenländer unter Druck und erhöht über die Importschiene die Inflation. Das zwingt zu Zinserhöhungen, die wiederum das Wirtschaftswachstum beeinträchtigen. Das Laufenlassen der Inflation ist – wie die Türkei zeigt – keine Alternative.

Viele Einzelgründe

Hinzu kommen individuelle Faktoren in zahlreichen Ländern. Russland leidet unter den Sanktionen infolge des Konflikts in der Ukraine. In Südafrika verfestigt sich spätestens seit der Affäre um Verbindungen zwischen der Industriellenfamilie Gupta und dem mittlerweile zurückgetreten Staatspräsidenten Jacob Zuma der Eindruck eines verfilzten Systems rund um den seit 24 Jahren regierenden ANC. Brasilien hinterlässt spätestens seit der Fußballweltmeisterschaft 2014 nur noch den Eindruck von Korruption und Misswirtschaft.

Besser ist die Haltung gegenüber China und Indien. Chinas jüngstes Abweichen vom Kurs der Liberalisierung wird von vielen Beobachtern teils positiv interpretiert, teils als nicht gravierend eingeschätzt. Mehr Sorgen machen da die schwachen Bilanzen von Staatsbetrieben und Banken sowie die periodischen Blasenbildungen bei Aktien und Immobilien.

In Indien ist der als Hoffnungsträger angetretene Staatspräsident Modi mittlerweile umstritten. Viele Beobachter schenken ihm weiter Vertrauen, anderen missfallen nationalistische Töne ebenso wie die umstrittene Bargeldreform. Die Häufung einzelner negativer Faktoren gemeinsam mit einer allgemein ungünstigen Stimmungslage belasten die Stimmung hinsichtlich des Schwellenländersegments.

Unterschiedliche Aktienmärkte

Dabei darf man dies nicht mit Krisen verwechseln. Im laufenden Jahr etwa gehört die indische Börse zu denen, die – wenn auch bescheidene – Kursgewinne zu verzeichnen haben. Auch Südafrikas Markt liegt nur knapp im Minus. Beide sind damit besser als die deutsche Börse. Am anderen Ende der Rangliste aber finden sich etwa die Aktienmärkte von Brasilien, China, aber auch von Ungarn, Polen oder den Philippinen.

Auf die Zeit von vier Jahren betrachtet liegt Südafrika an der Spitze, aber auch Ungarn und Vietnam sind vorn mit dabei – noch vor Wall Street. Am anderen Ende findet sich neben Nigeria und Sambia die Türkei, aber auch Brasilien und Mexiko.

Am Außenwert der Währungen lassen sich die Nachteile, die die Schwellenländer derzeit haben, am besten festmachen. Auf Sicht von vier Jahren haben nur vier Währungen weltweit überhaupt gegen den Dollar aufgewertet: neben der isländischen Krone noch drei Exotenwährungen wie der guatemalische Queztal. Die höchste Abwertung haben türkische Lira, argentinischer Peso und natürlich der venezolanische Bolivar hinter sich.

Betrachtet man nur die Schwellenländerwährungen, so gehören auch der brasilianische Real und der russische Rubel zu denen, die seit 2014 massiv gegen den Dollar verloren haben, nämlich zwischen 40 und 75 Prozent. Der südafrikanische Rand schlug sich lange Zeit noch passabel, verzeichnet aber im laufenden Jahr deutliche Verluste - allerdings kein Vergleich zur Lira und dem argentinischen Peso.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Hock, Martin
Martin Hock
Redakteur in der Wirtschaft.
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