<iframe src="https://www.googletagmanager.com/ns.html?id=GTM-WBPR4W&gtm_auth=3wMU78FaVR9TNKtaXLbV8Q&gtm_preview=env-23&gtm_cookies_win=x" height="0" width="0" style="display:none;visibility:hidden"></iframe>
Geldanlage

Her mit Coca-Cola

Von Helene Bubrowski
 - 10:56

Dass Aktienkurse fallen und sinken, ist ja nun wirklich kein Geheimnis. Wenn man Geld verliert, ist das natürlich trotzdem bitter. Das erste Mal ist mir das vor zwanzig Jahren passiert. Manfred Krug machte damals Werbung für die Telekom-Aktie. Ich habe ein paar hundert Mark investiert, zwei Jahre später sind daraus fast 3000 Euro geworden. Doch natürlich habe ich nicht verkauft, sondern gedacht, dass das so weitergeht. Ging es nicht. Zwei Jahre später waren meine Aktien gerade noch halb so viel wert wie beim Kauf. So ist das Leben.

Damals war ich noch Schülerin, aber meine Bank hat mir die Aktien auf meinen Wunsch gekauft. Heute habe ich viel mehr Erfahrung und ein bisschen mehr Geld, aber meine Bank will keine Aktien mehr für mich kaufen. Der Grund hat den Namen Mifid II. Das klingt nach einer Pilzkrankheit. Und die Banken haben so großen Respekt davor, als ob es das auch wäre. In Wahrheit ist Mifid II ein Gesetz, am Mittwoch ist es in Kraft getreten. Bankkunden finden in diesen Tagen dicke Umschläge mit Infomaterial im Briefkasten, Dutzende eng bedruckte Seiten. Das Gesetz namens Mifid II macht Kreditinstituten neue, strengere Auflagen bei der Anlageberatung. Die Rechtstexte belaufen sich auf 20 000 Seiten. Die geprellte „Lehman-Oma“ soll es in Zukunft nicht mehr geben.

Anlageberatung ist heute was für Leute mit viel Zeit

Ich gehe zu meiner Bank, einer deutschen Bank mit Tradition, weil ich gehört habe, dass Coca-Cola-Aktien eine gute und sichere Sache sein sollen. Aber meine Beraterin will ihre Einschätzung dazu nicht abgeben. Sie hat anderes mit mir vor. In ihrem Terminkalender hat sie vorsorglich zwei Stunden für mich geblockt. Anlageberatung ist heute was für Leute mit viel Zeit. Wir klicken uns auf ihrem Computer durch den Fragenkatalog des neuen Anlageberatungsprogramms.

Es gibt da wenig, was die Bank nicht wissen will. Und wenig Antworten, mit denen die Beraterin zufrieden ist. Unbefristeter Arbeitsvertrag ist okay, Beamter wäre natürlich besser. Keine Schulden, allerdings auch keine eigene Immobilie. Jetzt wird es schon kritisch. So richtig viele Sicherheiten habe ich ja nicht, meint die Beraterin. Und da könnte sie mir nicht empfehlen, große Risiken einzugehen. Denken Sie ans Alter, Ihre Familie und so.

Die Gefahr meines eigenen Ruins sehe ich nicht so richtig. Ich bin wahrlich keine Zockerin. Es geht um wenige tausend Euro, die ich anlegen will. Ich komme auf Coca-Cola zurück. Das ist doch bestimmt sicher, sage ich. Donald Trump trinkt es literweise, sogar Kleinkinder lieben es, es wird immer Leute geben, die Cola trinken. Doch die Bankberaterin kann noch nichts dazu sagen. Wir müssen erst meine Geeignetheitsprüfung abschließen. Seiten über Seiten muss ich angeben, mit welchen Risikoklassen von Wertpapieren ich schon welche Erfahrungen gemacht habe. Ich erzähle meine Telekom-Geschichte und sage, dass ich ja weiß, dass es in Finanzfragen nie Sicherheit gibt.

Übrigens auch nicht bei Immobilien. Da muss es gar nicht so weit kommen, dass man ein Haus kauft und plötzlich die eine Seite absackt oder beim Sturm ein Baum durchs Dach schlägt. Das Wertpapier in meinem Depot, das mit Abstand am schlechtesten lief, war ein Immobilienfonds, der mir als besonders sicher empfohlen worden war. Doch ein paar Monate nach dem Erwerb wurde der Fonds geschlossen, seitdem bekomme ich hin und wieder mal 50 Euro überwiesen, weil die Immobilien nach und nach verscherbelt werden. Das meiste werde ich wohl nie wiedersehen.

Dann spuckt der Computer das Ergebnis aus

Dann spuckt der Computer endlich das Ergebnis aus: Coca-Cola kommt nicht in Frage. Aktien seien für mich generell nicht geeignet, die Beraterin dürfe sie mir nicht empfehlen. Und wenn ich sie ohne Empfehlung kaufen will? Sie könne das trotzdem nicht für mich tun, sagt die Beraterin. Beziehungsweise erst dann, wenn ich eine Summe von ein paar tausend Euro, die der Computer genau festlegt, in Renten investieren würde. Will ich nicht. Ich will Coca-Cola kaufen.

COCA COLA

-- -- (--)
  • 1T
  • 1W
  • 3M
  • 1J
  • 3J
  • 5J
Zur Detailansicht

Ich versuche es noch einmal: Es hindert mich doch auch niemand daran, ein paar hundert Euro für ein Hilfsprojekt in Afrika zu spenden, meine Verwandtschaft in ein Sternelokal einzuladen oder aus Geldscheinen Zigaretten zu drehen. Sie müssen mich doch nicht vor mir selbst schützen, sage ich. Ich weiß doch, was ich tue. Und ich weiß auch, dass man jetzt nicht wissen kann, ob sich die Coca-Cola-Aktie irgendwann als Fehlinvestition herausstellt. Ich würde sogar unterschreiben, dass es mir völlig bewusst ist, dass es sein kann, dass die Leute irgendwann nur noch Wasser und Möhrensaft trinken. Doch das ist alles zwecklos. Immerhin empfiehlt sie mir noch, ein Depot ohne Beratung einzurichten. Da könne ich dann tun, was ich will. Und was wird dann aus ihr?

Die digitale F.A.Z. PLUS
F.A.Z. Edition

Die digitale Ausgabe der F.A.Z., für alle Endgeräte optimiert und um multimediale Inhalte angereichert

Mehr erfahren

Klar ist nun jedenfalls, dass die Bank sich nicht wirklich Sorgen um mich macht, sondern um sich selbst. Wenn die Aktien sich nicht so entwickeln wie erhofft, hat sie Angst, dass ich sie verklage. Würde ich wahrscheinlich nicht tun. Aber viele andere Anleger haben es getan. Und die Gerichte haben vielen von ihnen recht gegeben. Der Bundesgerichtshof erwartet von Anlegern nicht, dass sie sich selbst große Gedanken machen.

Das sollten sie aber, denn es geht ja um ihr eigenes Geld. Und das geht am besten, wenn man gut informiert ist. Dafür braucht man einen Finanzberater, der über die Chancen und Risiken ehrlich Auskunft gibt. Und das können Berater nur dann, wenn sie nicht von den Anbietern der Finanzprodukte abhängig sind. Da liegt wohl eher das Problem. Denn die Banken bekommen für viele Produkte, die sie verkaufen, eine Provision vom Anbieter. Das hätte Mifid II abschaffen sollen – statt der Beratung für Privatanleger.

Quelle: F.A.S.
Helene Bubrowski
Politische Korrespondentin in Berlin.
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenMifid IIGeldanlageManfred KrugAktienkursT-Mobile