Bridgewater-Chef Ray Dalio

Rücksichtslos, superschlau, superreich

Von Dennis Kremer
19.02.2018
, 09:59
Ray Dalio ist Chef des führenden Hedgefonds der Welt. Sein Erfolg beruht auf der totalen Kontrolle seiner Angestellten. Jetzt warnt der Bridgewater-Chef vor einem Kurssturz.

Wer den Absturz der Aktienkurse vorhersagt, macht sich in der Börsenwelt keine Freunde. So jemand gilt schnell als Spielverderber, als skrupellos gar: Verdient er doch womöglich Geld, wenn die Kurse fallen und alle anderen Verluste erleiden.

Ray Dalio, dem Chef des erfolgreichsten Hedgefonds der Welt, sind solche Bedenken herzlich egal. Bridgewater, so heißt seine Firma, soll in jeder erdenklichen Marktphase Gewinne machen, völlig unabhängig davon, ob die Kurse gerade steigen oder fallen. Das ist der Anspruch jedes Hedgefondsmanagers: Wer schlau genug ist und die richtigen Finanzinstrumente einsetzt, kann immer Geld verdienen.

Es ist eine Disziplin, in der niemand Ray Dalio etwas vormachen kann. Seit der Gründung seiner Firma im Jahr 1975 haben der heute 68-Jährige und seine Mitarbeiter durch geschickte Geldanlage das Vermögen ihrer Kunden um 50 Milliarden Dollar vermehrt. Nicht einmal der legendäre Investor George Soros kann da mithalten. Mit rund 44 Milliarden Dollar muss er sich Dalio klar geschlagen geben.

Dalio wettet auf Kurssturz in Europa

Nie hatte der Bridgewater-Gründer mehr Aufmerksamkeit als in diesen Tagen. Dies hat nicht allein mit dem Erfolg seines Unternehmens zu tun, das im beschaulichen Connecticut vor den Toren New Yorks rund 1500 Mitarbeiter beschäftigt. Sondern mehr mit einer furchterregenden Prognose – und mit einem lesenswerten Buch.

Um mit dem Furchterregenden zu beginnen: Vor einigen Tagen wurde bekannt, dass Dalio im großen Stil auf einen Kurssturz am europäischen Aktienmarkt wettet. Für die stolze Summe von 22 Milliarden Dollar ist er sogenannte „Short“-Spekulationen eingegangen, an denen der Investor dann verdient, wenn die Kurse sinken. Besonders deutsche Unternehmen hat Dalio im Visier. Die größte Wette läuft gegen Siemens, aber auch der Versicherungskonzern Allianz, BASF und die Deutsche Bank sind auf seiner Liste. In einem Internet-Eintrag erklärt Dalio, woher dieses Misstrauen kommt. Der Hedgefondsmanager glaubt nicht, dass sich Europas Konjunktur so gut entwickeln wird, wie von vielen angenommen: Der hohe Kurs des Euros im Vergleich zum Dollar ist aus seiner Sicht ein Problem für Europas Firmen. Tiefer ins Detail geht Dalio zwar nicht. Aber angesichts seiner beeindruckenden Erfolgsbilanz kann einem bei diesen Aussichten ganz schön Angst und Bange werden.

Keine wilden Spekulationen

Nun ließe sich einwenden: Wie oft haben vermeintliche Crash-Propheten schon den Absturz ausgerufen und am Ende doch nicht recht behalten! Doch im Falle von Ray Dalio ist die Sache anders gelagert. Denn zum einen ruft Dalio nie pauschal den Untergang aus, sondern sagt stets sehr konkret, welche spezielle Anlageklasse ihm gerade Sorgen bereitet. Und zum anderen wissen viele Profi-Anleger auf der ganzen Welt sehr genau, auf welch fundierter Basis Dalio üblicherweise zu seinen Schlussfolgerungen kommt.

Dies hat mit einem Buch zu tun, das der Hedgefondsmanager im Herbst 2017 veröffentlicht hat und das auch in Europas Finanzszene ein Erfolg ist. Viele Fondsmanager verschlingen es regelrecht – ganz so, wie normale Menschen einen spannenden Krimi nicht zur Seite legen können. Der Titel des 567-Seiten-Werkes: „Principles“ (zu Deutsch: Prinzipien; bislang nur auf Englisch im Verlag Simon & Schuster erschienen).

Fragwürdige Methoden

Dalio hat darin seine Lebensgeschichte aufgeschrieben, aber auch die Grundsätze, nach denen er seine Firma führt und nach denen er Geld anlegt. Es gibt in der Finanzszene kein vergleichbares Buch. Das erklärt, wie es in so kurzer Zeit Kultstatus erreichen konnte. Denn Dalio erzählt nicht nur spannend, sondern gewährt dem Leser auch eine beispiellose Offenheit: Er beschreibt detailliert, wie man ein Unternehmen wie Bridgewater aufbaut, und empfiehlt dieses Vorgehen ganz unbescheiden auch anderen Gründern zur Nachahmung – mögen sie nun an den Finanzmärkten oder in einer ganz anderen Branche tätig sein. „Ich bin in einer Phase meines Lebens, in der ich lieber anderen dabei helfe, Erfolg zu haben, als selbst noch erfolgreicher zu werden“, schreibt Dalio dazu. Das klingt selbstbewusst, aber auch selbstlos.

Es wäre jedoch falsch, den Hedgefondsmanager deswegen für einen Menschen zu halten, der sich stets für andere einsetzt. Sein persönliches Vermögen von sagenhaften 16 Milliarden Dollar hat er nämlich auf eine Art und Weise verdient, die selbst in seiner hartgesottenen Branche zu einigen Irritationen geführt hat. Sein Erfolg beruht auf einer ungewöhnlichen Anlagestrategie in Kombination mit einer rücksichtslosen Form der Unternehmensleitung. Nicht wenige sagen, Dalio sei mitunter zum Fürchten.

Radikale Ehrlichkeit und radikale Transparenz

Bei den seltenen öffentlichen Auftritten des Milliardärs deutet wenig darauf hin. Dann zeigt er sich oft mit einem Lächeln im Gesicht und wirkt in seiner gemütlichen Strickjacke wie ein freundlicher Großvater. Doch in Wahrheit herrscht in seinem Unternehmen ein anderer Umgangston. Nicht, dass Dalio zu lautstarken Beleidigungen neigt. Aber viele Jahre mussten sich neue Bridgewater-Mitarbeiter an ihren ersten Arbeitstagen ein Video ansehen, das nichts für sanfte Gemüter ist. In dem Mitschnitt stellen Dalio und andere Führungsleute immer wieder die Investmentidee einer Managerin in Frage. Dies geht so lange, bis die Frau in Tränen ausbricht. Ziel des Videos: neuen Mitarbeitern zu zeigen, was Dalios Konzept der „radikalen Ehrlichkeit“ und der „radikalen Transparenz“ in der Praxis bedeutet.

Zwar wird das Video heute nicht mehr gezeigt. Für den Firmengründer selbst hatte es aber nie etwas Anrüchiges. Um Erfolg zu haben, ist Dalio überzeugt, darf niemand mit seiner Meinung hinterm Berg halten, ganz egal, wie unangenehm das für andere auch sein mag. Nur so lässt sich aus seiner Sicht das Idealbild verwirklichen, das der Bridgewater-Gründer anstrebt: Sein Unternehmen soll eine „Ideen-Meritokratie“ sein, in der sich stets die besten Ideen durchsetzen. Jeder müsse sich darum trauen, einerseits seine Ideen zu äußern und andererseits die Ideen anderer rücksichtslos zu kritisieren. „Radikale Ehrlichkeit bedeutet, die eigenen Gedanken nicht zu filtern“, schreibt Ralio in seinem Buch. Wer nicht offen spreche, verhindere, dass die bestmögliche Investmentidee entstehe.

Totale Überwachung der Mitarbeiter

Dies führt zu einer bizarren Form des Miteinanders: Mit Hilfe einer firmeneigenen Software und unter Einsatz von iPads geben sich alle Mitarbeiter während der Besprechungen ständig Feedback und bewerten die Wortbeiträge der anderen. Alles gipfelt in einer Abstimmung, bei der jedoch die Stimmen erfahrener Manager mehr Gewicht erhalten. Alle wichtigen Anlageentscheidungen bei Bridgewater werden so getroffen. Nicht wenige neue Mitarbeiter kommen mit dieser Art des Austauschs nicht zurecht, zumal sie mit einer weiteren Ungeheuerlichkeit umgehen müssen: Dalio lässt jedes Gespräch in den Firmenräumen aufzeichnen, damit niemand hinter dem Rücken über andere reden könne. „Schleimige Betrüger“ nennt Dalio solche Menschen. In Wahrheit lässt sich dieses Vorgehen nur als totale Überwachung bezeichnen. Die Kündigungsquote bei Bridgewater liegt in den ersten 18 Monaten bei 25 Prozent.

Alle aber, die freiwillig bleiben, hat Dalio reich gemacht. Man mag seine Methode als brutal ansehen – im Ergebnis funktioniert sie. Auch seine Kunden, zu denen viele Pensionskassen zählen, stören sich nicht daran. Erfolgreich Geld anzulegen bedeutet, „mit Erfolg gegen die allgemeine Überzeugung aller anderen Investoren zu wetten“, lautet das Credo des Bridgewater-Gründers. An den Märkten kann sich nur derjenige vor allen anderen auszeichnen, der eine unerwartete Kursbewegung voraussieht. Zu Beginn seiner Karriere ist Dalio solche Wetten oft auf eigene Faust eingegangen, Anfang der 1980er Jahre lag er aber einmal furchtbar falsch und stand vor der Pleite. So erklärt sich, warum er riskante Wetten wie die aktuelle Spekulation gegen europäische Unternehmen heute nur nach intensiver Diskussion mit seinen Leuten eingeht.

Dalios Investmentansatz ist unter dem Namen „Risk Parity“ bekannt geworden: Idealerweise geht er dabei unter Berücksichtigung von Inflations- und Wachstumserwartungen viele verschiedene, weitgehend voneinander unabhängige Investments ein, die unter keinen Umständen alle gleichzeitig an Wert verlieren dürfen. Kommt es doch zu Wertverlusten, greift die Formel, in der sich Ray Dalios gesamtes Weltbild verdichtet. Sie spielt in seinem Buch eine wichtige Rolle und lautet: „Schmerz + Reflexion = Fortschritt“. Sollte Dalios 22-Milliarden-Dollar-Wette gegen Europa nicht aufgehen, darf man sicher sein: Die Schmerzen werden enorm sein.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Kremer, Dennis
Dennis Kremer
Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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