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Unruhe bei Spaniens (un)bekanntem Modegiganten

Von Christoph Scherbaum
03.12.2021
, 11:24
Gehört zu Inditex - die bekannte Modekette Zara: Filiale im spanischen Bilbao,
Inditex galt viele Jahre als zuverlässiger Depotbestandteil für konservative Anleger. Nun wirbelt nicht nur Corona die Geschäfte durcheinander. Es ist auch ein Generationenwechsel, der den Modegiganten beschäftigt.
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Die Inditex-Aktie erlebte zuletzt eine deutliche Korrektur. Die Aktie kennen Sie nicht? Inditex steht für Industria de Diseño Textil S.A. und ist eines der größten Textilunternehmen der Welt mit Sitz in Arteixo, einem Vorort von A Coruña in Galicien. Firmenchef Amancio Ortega gründete 1975 ein Textilunternehmen und eröffnete dessen ersten Filiale. Der Name des Unternehmens: Zara – heute eine der bekanntesten Modeketten, die eigentlich in jeder größeren Stadt in Deutschland präsent ist.

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Im Jahr 1985 fasste Amancio Ortega seine ganzen Textil-Aktivitäten unter Inditex zusammen. Heute gehören zum Konzern unter anderem die Marken Pull & Bear, Massimo Dutti und Oysho. Der Spanier selbst gehört zu den reichsten Menschen der Welt, die Aktie des Konsum-Konzerns war für viele konservative Anleger in den vergangenen Jahren ein fester Bestandteil im Depot.

Personalwechsel an der Spitze

Aktuell herrscht Unruhe bei den Spaniern. Ein Grund dürfte der Umstand sein, dass derzeit die vierte Corona-Welle wütet und abermalige Beschränkungen für den Modeeinzelhandel befürchtet werden. Allerdings wurden die jüngsten Kursbewegungen auch durch einen Personalwechsel an der Spitze des Textilriesen ausgelöst.

Christoph Scherbaum
Christoph Scherbaum Bild: Christoph Scherbaum

Denn Marta Ortega Pérez, Tochter von Unternehmensgründer Amancio Ortega, wird vom 1. April 2022 an den Verwaltungsrat anführen. Dies war nicht die einzige angekündigte personelle Änderung. Óscar García Maceiras übernimmt den Posten des CEO und ersetzt Carlos Crespo. Dieser wird wieder COO. Das klingt bisher einfach nur nach einer gewöhnlichen Personalie. Doch im Mittelpunkt steht ein Generationenwechsel, der auch die Organisation der Unternehmensführung verändert. Bisher war Pablo Isla der starke Mann des Unternehmens und hatte Inditex zunächst als stellvertretender Vorsitzender und CEO seit dem Jahr 2005 und von 2011 an als Verwaltungsratschef geleitet. Ein solche Doppelfunktion ist in vielen Unternehmen in Spanien noch üblich. Unter ihm hat sich Inditex zum weltweit führenden Unternehmen seiner Branche entwickelt. Die Marktkapitalisierung kletterte zeitweise auf mehr als 90 Milliarden Euro.

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Nun ändert sich das Machtgefüge und Marta Ortega Pérez wird als eine Art Aufsichtsratschefin fungieren. Marktteilnehmer dürften sich nun fragen, ob der Wechsel an der Spitze schon nach zweieinhalb Jahren sein musste. Außerdem stellt sich die Frage, ob die neue Führungsgeneration an frühere Erfolge anknüpfen kann und einen der größten Modehändler wieder auf Kurs bringen kann.

Bilanz stimmt wieder

Die mehr als 6600 Geschäfte sind zwar in 96 Märkten zu finden, während Inditex inklusive seiner Online-Plattformen insgesamt in 216 Märkten tätig ist. Im Vorjahr mussten viele Geschäfte Corona-bedingt schließen. Dies hatte deutliche Umsatzeinbußen zur Folge.

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In diesem Jahr haben sich die Geschäfte schon wieder erholt gezeigt. Im zweiten Quartal des laufenden Geschäftsjahres 2021/22 (Ende Juli) erreichten Umsatz, EBITDA und das Konzernergebnis sogar neue Höchststände. Die Erlöse lagen währungsbereinigt um 7 Prozent über denjenigen im zweiten Quartal des Vorkrisenjahres 2019. Im ersten Halbjahr kletterten die Umsätze im Vorjahresvergleich währungsbereinigt um 53 Prozent auf 11,9 Milliarden Euro. Das EBITDA legte um 109 Prozent auf 3,1 Milliarden Euro zu, während der Nettogewinn bei 1,3 Milliarden Euro lag, nach einem Verlust von 195 Millionen Euro im Vorjahr.

Neben der Wiedereröffnung vieler Geschäfte profitierte Inditex zuletzt auch von dem immer stärker werdenden Online-Geschäft. Dabei hat die weltweite Pandemie den Ausbau dieses Bereichs beschleunigt. Im laufenden Geschäftsjahr soll das E-Commerce-Segment mehr als 25 Prozent der gesamten Umsätze ausmachen. Im ersten Halbjahr legten die Online-Umsätze währungsbereinigt um 36 Prozent gegenüber dem ersten Halbjahr 2020 zu, während das Plus gegenüber 2019 sogar bei 137 Prozent lag.

Darüber hinaus steht ein Großprojekt des Konzerns vor dem Abschluss. Laut Unternehmensangaben sei der Wechsel zur Inditex Open Platform (IOP) zu knapp 95 Prozent abgeschlossen. Dabei handelt es sich um ein konzernübergreifendes IT-System. Dieses soll nicht nur den Online-Handel stärken, sondern auch das E-Commerce-Geschäft mit dem stationären Handel besser verzahnen. So sollen Kunden Mode mit der Zara-App aussuchen sowie gleich kaufen und im Geschäft abholen können. Zudem sollen Reservierungen von Ankleidekabinen möglich sein, genauso wie die exakte Lokalisierung bestimmter Kleidungsstücke in den Geschäften.

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Kurshistorie täuscht ein wenig

Unter dem Strich sieht das Ganze – die aktuelle Bilanz – gut aus und die Pläne im Bereich E-Commerce klingen ebenfalls vielversprechend. Aktionäre könnten damit erst einmal zufrieden sein, wäre da nicht der mittelfristige Verlauf des Aktienkurses.

Nachdem die Aktie von Inditex im März 2020 auf 18,50 Euro zurückgeschlagen wurde, folgte eine volatile Aufhol-Rallye. Dabei ging es für die Notierungen bis zum Mai dieses Jahres bis an die 33 Euro-Marke nach oben, was das höchste Niveau seit dem September 2017 bedeutete. Doch nach dem steilen Anstieg wechselte die Aktie in einen volatilen Seitwärtslauf. Im Zuge der jüngsten Korrektur fiel der Kurs zuletzt knapp unter die bei 30 Euro verlaufende 200-Tage-Linie, womit die Trendpfeile aktuell eher nach unten zeigen.

Aus Sicht der Charttechnik würde es ungemütlich werden, wenn das das Juli-Tief bei 27,50 Euro unterschritten werden sollte. Es würde weiteres Korrekturpotenzial eröffnen. Auf der anderen Seite: Im Falle wieder steigender Notierungen würde sich das nächste Kursziel auf das bisherige 2021er-Jahreshoch vom Mai bei 32,60 Euro stellen. Oberhalb könnte mittelfristig das 2017er-Allzeithoch bei knapp 37 Euro angesteuert werden.

Analysten sind derweil bei Inditex eher skeptisch. Die Deutsche Bank rät Inditex-Aktien zu verkaufen, nennt ein Kursziel von 23 Euro. Auch Goldman Sachs ist verhalten, vergibt nur ein „Neutral“ mit einem Kursziel von 34 Euro. Betrachtet man die Kursentwicklung der vergangenen zehn Jahre, so ergeben sich dagegen schöne Daten. Im Durchschnitt legte die Inditex-Aktie um 8,6 Prozent jährlich zu. Das gute Ergebnis resultiert aus der starken Entwicklung zwischen 2011 und 2017. Denn im Anschluss verwandelte sich die Aktie in einen Seitwärtsläufer. Dafür war Inditex in den vergangenen Jahren in der Regel ein zuverlässiger Dividendenzahler – die aktuelle Dividendenrendite fällt mit 4,1 Prozent vergleichsweise hoch aus. Es dürfte spannend werden, wie sich der Generationenwechsel beim Modegiganten langfristig auswirkt, bei dem Firmengründer Amancio Ortega immer noch einen Aktienanteil von 59 Prozent besitzt und somit einer großer Ankeraktionär ist.

Quelle: F.A.Z.
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