Investmentbanking

Das Milliardengrab der Deutschen Bank

Von Hanno Mußler
24.07.2019
, 12:34
Die Einstellung des Aktienhandels treibt die Sanierungskosten. Deshalb fällt der Quartalsverlust höher aus als erwartet. Doch schwächelt ausgerechnet auch ein Geschäft, das sogar ausgebaut werden soll. Ein Anlass für tiefer gehende Sorgen.

Um die jüngsten Geschäftszahlen der Deutschen Bank zu interpretieren, braucht es mindestens drei Blickwinkel: Vom ersten und dritten Standpunkt aus betrachtet fallen die am Mittwochmorgen veröffentlichten Zahlen für das zweite Quartal 2019 enttäuschend schlecht aus. Vom zweiten Standpunkt (dem der Bank) aus gesehen, relativiert sich das Ganze (nur) etwas.

Die Reaktion der Börse kann daher nicht überraschen. Die Deutsche-Bank-Aktie startete am Mittwochmorgen mit einem Kursminus von 6 Prozent. Am späten Vormittag lag die Aktie mit 7,10 Euro noch 4 Prozent tiefer als am Vortag und war größter Tagesverlierer im Dax.

Warum sehen die am Mittwoch veröffentlichten Geschäftszahlen der Deutschen Bank auf den ersten Blick schlecht aus? Nun, der Verlust ist im zweiten Quartal mit 3,1 Milliarden Euro höher ausgefallen als die Deutsche Bank noch am 7. Juli erwartet hatte. Damals hatte die Deutsche Bank gewarnt, dass die Einstellung des Aktienhandels und der Abbau von 18.000 Stellen im abgelaufenen Quartal statt dem bis dahin für 2019 erwarteten Gewinn einen Verlust von 2,8 Milliarden Euro verursachen werde.

Warum ist der Quartalsverlust nun um rund 300 Millionen Euro größer ausgefallen? Das liegt ganz wesentlich an den Sanierungskosten – etwa nicht mehr nutzbare steuerliche Verlustvorträge oder zuvor als Vermögen angesetzte Software, die nicht mehr benötigt wird. Hier relativiert nun die Deutsche Bank. Die mit insgesamt 7,4 Milliarden Euro veranschlagten Kosten für die Sanierung bis 2022 hätten sich seit 7. Juli nicht verändert, sondern nur das Buchungs-Timing. Man habe in Absprache mit dem Wirtschaftsprüfer schon mehr von den Sanierungskosten im zweiten Quartal 2019 berücksichtigen können als anfangs gedacht.

Somit würden die Belastungen aus der Sanierung in künftigen Quartalen geringer. Schon mit 900 Mitarbeitern, überwiegend im Aktienhandel, seien die Trennungsgespräche geführt. Die Deutsche Bank, so die Botschaft, treibt die Sanierung entschlossen voran. Klar ist aber schon jetzt: Den Verlust im ersten Halbjahr von 2,9 Milliarden Euro wird die Deutsche Bank bis Jahresende nicht aufholen. 2019 wird sie den dritten Milliardenverlust in vier Jahren hinnehmen müssen.

Warum sind die Quartalszahlen auch nach einem vertieften (dritten) Blick schwach? Kurz gesagt, weil das Investmentbanking nicht nur in den Geschäftsfeldern mit Ertragsrückgängen kämpft, aus denen sich die Deutsche Bank zurückziehen will. Dass die Erträge im Aktienhandel im zweiten Quartal um 32 Prozent deutlich zurückgegangen sind, juckt kaum noch jemanden, denn den Aktienhandel will die Deutsche Bank ja ohnehin komplett einstellen. Aber die Erträge im Aktienemissions- und Beratungsgeschäft etwa mit Börsengängen und Kapitalerhöhungen brachen auch um 32 Prozent ein.

Dabei hatte Konzernchef Christian Sewing noch Anfang Juli erwartet, dass das Beratungs- und Emissionsgeschäft unabhängiger vom Aktienhandel geworden sei und die Deutsche Bank dort eben künftig auch ohne eigenen Aktienhandel wachsen könne. Im zweiten Quartal hat sich die Hoffnung nicht erfüllt – im Gegenteil. Die Befürchtung von Analysten, dass durch den Rückbau des Investmentbankings die Erträge schneller sinken als die Kosten hat sich ein Stück bewahrheitet. Allerdings muss man zur Ehrenrettung der Deutschen Bank auch sagen: Das besonders lukrative Geschäft mit Börsengängen auf dem deutschen Heimatmarkt liegt 2019 mangels börsenreifer Unternehmen am Boden. Hier schafft es mit Traton, der Nutzfahrzeugssparte von VW, nur ein großes Unternehmen an die Deutsche Bank, und da war die Deutsche Bank immerhin unter den beratenden Banken dabei.

Trotz weiterer kleiner Erfolge – etwa Marktanteilsgewinne im Währungshandel, Konzernkosten unter Kontrolle - ist festzuhalten: Mit einem Verlust von 907 (Vorjahresquartalsgewinn: 475) Millionen Euro vor Steuern arbeitete die Sparte Unternehmens- und Investmentbank auch im zweiten Quartal defizitär, es ist das dritte Quartal nacheinander mit Verlusten.

Selbst dann, wenn man die Sanierungskosten von 810 Millionen Euro, die der Sparte direkt zuzuordnen sind, als „Einmalaufwendungen“ etwa für zuvor als Vermögen angesetzte und nun nicht mehr benötigte Software abzieht, würde die Unternehmens- und Investmentbank die Gewinnschwelle nicht überschreiten.

Dabei sind ihr de facto sogar noch viel mehr Sanierungslasten zuzurechnen. Von den im zweiten Quartal gebuchten Sanierungskosten von 3,4 Milliarden Euro entfallen nur 560 Millionen Euro auf das Privat- und Firmenkundengeschäft. Neben den ihr klar zugeordneten 810 Millionen Euro stehen somit weitere rund 2 Milliarden Euro im engen Zusammenhang mit dem Investmentbanking.

Denn hier handelt es sich um zuvor in Amerika gemachte Verluste, die die Deutsche Bank bisher als Verlustvortrag steuerlich nutzen wollte - falls mal wieder Gewinn anfällt, wollte sie diese Gewinne gegen die zuvor gemachten Verluste verrechnen und damit ihre Steuerlast drücken.

Da aber der Aktienhandel jetzt ein für alle Mal eingestellt wird und sich damit die Hoffnung auf hohe Gewinne in den Vereinigten Staaten weitgehend in Luft auflöst, muss die Deutsche Bank ihre als Vermögen gebuchten steuerlichen Verlustvorträge einkassieren. Damit wird das Investmentbanking, das der Bank in den vergangenen Jahren schon hohe Verluste und viele Rechtsstreitigkeiten eingebracht hat, auch beim Rückbau noch einmal zu einem Milliardengrab.

Dagegen können sich die passabel schlagenden anderen Geschäftsfelder wie das Privat- und Firmenkundengeschäft, das wegen der 560 Millionen Euro an Sanierungskosten ebenfalls mit einem Quartalsverlust von 241 (Vorjahresquartalsgewinn: 262) Millionen Euro abschnitt und die Vermögensverwaltung mit einem Gewinn vor Steuern von 89 (Vorjahresquartal: 93) Millionen Euro gar nicht „anverdienen“.

Auch wenn diese „stabileren Geschäftsfelder“ einschließlich der noch zur Unternehmens- und Investmentbank gehörenden „Transaktionsbank“ inzwischen 65 Prozent zu den Konzernerträgen der Deutschen Bank liefern. Ob die Bank in den nächsten Quartalen endlich wieder Gewinn macht, wird weiterhin entscheidend vom Investmentbanking abhängen.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Mussler, Hanno
Hanno Mußler
Redakteur in der Wirtschaft.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot