Greenpeace-Studie

Klimawandel treibt die Inflation

Von Christian Siedenbiedel
09.09.2021
, 08:51
Ahrtal
Wissenschaftler untersuchen im Auftrag von Greenpeace die Folgen von Extremwettereignissen auf die Preise. Sie kommen zu interessanten Ergebnissen.
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Der Klimawandel lässt die Inflationsrate nicht unbeeindruckt. Wissenschaftler haben jetzt im Auftrag der Umweltschutzorganisation Greenpeace nach eigenen Angaben erstmals für den Euroraum einen signifikanten Zusammenhang zwischen Extremwetterereignissen und der Entwicklung des allgemeinen Preisniveaus belegt. Allerdings sind die Auswirkungen der einzelnen Ereignisse vergleichsweise gering. Das geht aus der Studie „Der Preis des Zögerns“ hervor, die Greenpeace am Mittwoch zusammen mit dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin und der SOAS University of London vorgestellt hat.

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Diesmal geht es nicht um teures Benzin

Die Studie beschränkte sich dabei auf „physische“ Risiken durch den Klimawandel wie vermehrte Stürme und Fluten. Die „transitorischen“ Risiken, also etwa Folgen der Klimapolitik wie der CO2-Bepreisung oder des Kohleausstiegs, die möglicherweise noch stärker auf die Inflation wirken, waren nicht Gegenstand dieser empirischen Untersuchung.

Betrachtet wurden Extremwetterereignisse und Naturkatastrophen aus der Zeit zwischen 1996 und 2021. Dazu wurden Daten zu Ereignissen und Schäden aus der Datenbank EM-DAT des Centre for Research on the Epidemiology of Disasters der Universität Löwen verwendet. Für knapp 25 Jahre finden sich dort 227 Naturkatastrophen im heutigen Euroraum. Diese wurden mit der Entwicklung des Harmonisierten Verbraucherpreisindex (HVPI) der europäischen Statistikbehörde Eurostat verglichen.

Untersucht wurde, wie sich die monatlichen Inflationsraten nach den Ereignissen entwickelten, zudem wurde noch einmal nach einzelnen Ländern und nach den Preisen für bestimmte Produktgruppen differenziert. Statistisch wurde dabei versucht, die Auswirkungen der Extremereignisse von anderen Faktoren, die auf die Inflationsrate einwirken, zu isolieren.

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Auswirkungen auf Ernte oder Transportwege

Heraus kam der Studie zufolge eine signifikante Korrelation zwischen den Ex­tremwetterereignissen und der Veränderung der Inflationsrate. Allerdings mussten die Schäden recht hoch sein, damit die Folgen deutlich wahrnehmbar waren. Bei einem Schaden von einem Prozent des Bruttoinlandsprodukts – das entspreche in der Größenordnung dem Volumen des Aufbaufonds für die Schäden der Überschwemmungen im Ahrtal – würde die Inflation annualisiert um 0,376 Prozentpunkte steigen, führte Greenpeace aus. Wenn man davon ausgehe, dass der Klimawandel die Extremwetterereignisse häufiger werden lasse, werde dieses Phänomen an Bedeutung gewinnen.

Dabei gibt es den Wissenschaftlern zufolge zwei Mechanismen, wie die Ex­tremwetterereignisse auf die Inflation wirken – die gegenläufig sein können. Zum einen könnten Unwetter beispielsweise die Ernte zerstören und damit den Preis für Getreide hochtreiben. Fluten und Stürme können auch Transportwege wie Straßen und Bahnstrecken unpassierbar machen und damit die Transportkosten steigen lassen.

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Zum anderen können Naturkatastrophen aber auch das Vermögen von Menschen in den betroffenen Regionen vernichten, ihre Häuser und sonstigen Besitztümer, wie zuletzt bei der Flut im Ahrtal geschehen. Wenn die Haushalte dann weniger Geld haben und nicht Versicherungen und Staat in großem Stil einspringen, kann das anschließend die Nachfrage der Haushalte belasten – und die Inflationsrate eher drücken.

Steigende Preise für Nahrungsmittel

Für den Euroraum insgesamt dominierten in den betrachteten knapp 25 Jahren der Studie zufolge allerdings die preistreibenden Effekte der Extremwetterereignisse. Unterschiede gab es, wenn man einzelne Länder betrachtete. So stiegen beispielsweise in Frankreich und Spanien die Preise nach den Naturkata­strophen überdurchschnittlich. Deutschland hingegen war das einzige Land, in dem die Preise als Folge solcher Extremwetterereignisse im Durchschnitt sogar gesunken sind. Solche Divergenzen der Entwicklung in den verschiedenen Euroländern könnten die europäische Geldpolitik in Zukunft noch vor Herausforderungen stellen, hieß es.

Auffälligkeiten gab es auch bei einzelnen Produktkategorien: Vergleichsweise starke Preiseffekte auf Extremwetterereignisse zeigten sich beispielsweise bei dem HVPI-Subindex „Nahrungsmittel und Getränke“.

Greenpeace wirbt dafür, dass die Europäische Zentralbank den Klimawandel stärker in ihrer Politik berücksichtigen soll. Die zuletzt vorgelegten Pläne der Notenbank für ein „Greening“ seien ein Schritt in die richtige Richtung, reichten aber nicht aus. Insbesondere der Zeitplan sei nicht ambitioniert genug. Die Studie soll zeigen, dass der Klimawandel auch das Kerngeschäft der Notenbank, die Preisniveaustabilität, durchaus berührt.

Quelle: sibi.
Christian Siedenbiedel - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Christian Siedenbiedel
Redakteur in der Wirtschaft.
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