Lebensversicherungen

Versicherer streiten sich mit Vermittlern

Von Philipp Krohn, Berlin
02.10.2017
, 13:26
Lebensversicherungs-Reform: Gesetz wird geprüft
Bald wird der Gesetzgeber das Gesetz zur Reform der Lebensversicherung überprüfen. In der Branche wächst die Nervosität.
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Nach außen ist der jährliche Versicherungstag der deutschen Assekuranz eine harmonische Veranstaltung. Haben sie die Gremiensitzungen des Vortags hinter sich gebracht, nehmen sich viele Vorstände die Zeit, anregenden und oft etwas wesensfremden Vorträgen von Wissenschaftlern und Politikern zu lauschen. Diesmal sind es der australische Historiker Sir Christopher Clark und Altkanzler Gerhard Schröder. Beide sind auf ihre Weise Fachleute für Umbrüche – dem Begriff, der dem Versicherungstag sein Motto und der Branche ihre Herausforderung eingebracht hat. Deshalb tagt man dieses Mal in einem ehemaligen Postverteilzentrum in Berlin-Kreuzberg, das nun ein schmuckes Tagungszentrum ist. Doch im Inneren brodelt es. Die selbständigen Vermittler, die für vertriebliche Schlagkraft in der Fläche sorgen, sind in vielerlei Hinsicht von den Versicherern enttäuscht. Zudem büßt die Branche in der Altersvorsorge allmählich ihre Ausnahmestellung ein. Immerhin aber hat man durch Millionen-Investitionen in der Digitalisierung aufgeholt.

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Eine der Aufgaben, welche die neue Bundesregierung von ihrer Vorgängerin geerbt hat, steht unmittelbar bevor: Das vor drei Jahren eingeführte Gesetz zur Reform der Lebensversicherung soll im kommenden Jahr evaluiert werden. „Es ist wichtig, dass wir die Erwartungen des Gesetzgebers erfüllen, was Transparenz und die Vertriebskostenentwicklung angeht“, sagt Alexander Erdland, der scheidende Präsident des Branchenverbands GDV, dem am Mittwoch Wolfgang Weiler nachgefolgt ist.

In dem Gesetz war festgeschrieben worden, die kalkulatorischen Abschlusskosten zu senken. Ein höherer Anteil der Vergütung von Vermittlern sollte auf die Laufzeit der Verträge verteilt werden, um Anreize für eine Folgeberatung zu setzen. Aus Erdlands Sicht ist die Branche gut vorangekommen – wenn auch mit Zeitverzögerung. „Die Vergütungen sinken, aber wir brauchten Zeit, weil wir Vereinbarungen mit den Vermittlern hatten“, sagt er. Die Politik habe dem Wunsch der Branche entsprochen, das umstrittene Provisionssystem aufrechtzuerhalten. „Wir brauchen deshalb Resultate“, sagte Erdland.

In der Vermittlerschaft herrscht dagegen ein anderer Eindruck vor. „Die Versicherer haben ihre Hausaufgaben nicht gemacht“, sagt Ulrich Zander, Vizepräsident des einflussreichen Bundesverbands Deutscher Versicherungskaufleute, der 40.000 Vertreter und Makler vertritt und mit seinen Positionen immer wieder Gehör in den Regierungsfraktionen findet. „Wir befürchten, dass das den Vermittlern auf die Füße fällt“, sagt Zander.

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Zähmen Sie Ihren Regulierungswillen!

In einer Umfrage hat der BVK herausgefunden, dass die zwangsweise Herabsetzung des kalkulatorischen Abschlusskostensatzes von vier auf 2,5 Prozent der Beitragssumme das Vergütungsniveau der Vermittler signifikant verringert habe: zwischen 0,15 und 0,7 Prozentpunkten. Überdies hätten viele Versicherer die Stornohaftzeit für ihre Vertriebspartner über die gesetzlich verlangten fünf Jahre gehoben: Im Durchschnitt liege sie jetzt bei sechs Jahren. Das heißt, so lange können die Versicherer noch Teile der Provision zurückverlangen, wenn der Kunde nachträglich kündigt – auch aus Gründen, für die der Vermittler nichts kann.

Wer den Vertretern des BVK lauscht, gewinnt den Eindruck, dass es hier nicht um kurzfristige Befindlichkeiten, sondern mehr um die partielle Entfremdung einer wichtigen Vertriebsgruppe von ihren Produktgebern geht. Der Verband erweckt den Eindruck, dass alle Kosteneinsparungen durch das Gesetz längst durch höhere Abschlusskosten innerhalb der Unternehmen aufgefressen wurden. „Sie sollen nicht noch einmal scheinheilig zum Gesetzgeber laufen und behaupten, sie bekämen die Kosten nicht in den Griff“, warnt Michael Heinz. Dass einige Branchenvertreter vor fünf Jahren gegenüber Abgeordneten einen Provisionsdeckel in der Privaten Krankenversicherung verlangt haben, der dann auch kam, ist nicht vergessen. „Wir werden die zuständigen Bundestagsabgeordneten rechtzeitig mit Zahlen und Informationen versorgen“, kündigt Heinz an.

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Die Auseinandersetzung ist ein Zeichen dafür, dass sowohl für Versicherer als auch Vermittler der Regulierungsdruck existenziell wird. Für die kleinen selbständigen Vertreter-Betriebe zählt die Bewältigung der Dokumentations- und Beratungspflichten neben den komplexer werdenden Arbeitsprozessen zur größten Herausforderung. Die Versicherer müssen gleichzeitig das neue Aufsichtsrecht Solvency II, die neue Versicherungsvertriebs-Richtlinie und die europäische Datenschutzverordnung umsetzen. „Das ist vom Aufwand kaum zu schaffen“, klagt der bisherige GDV-Präsident Erdland. An die Gesetzgeber in Berlin und Brüssel formuliert er deshalb eine klare Bitte: „Zähmen Sie Ihren Regulierungswillen.“ Die Wirkung neuer Regeln solle schon vor Einführung getestet werden, solche Regeln, die nicht der Sicherheit dienten, sollten abgeschafft werden. Zudem dürften Regeln keine ungewollten Wirkungen entfalten.

Das wichtigste Beispiel für eine solche Regel stammt ebenfalls aus der Sparte Lebensversicherung, die wegen der Niedrigzinsen in Existenznot ist. Hier verlangt der Gesetzgeber von den Unternehmen, dass sie wegen der Zinssituation zusätzliches Geld als Reserve zurücklegen, um die Auszahlungen aus Hochzins-Policen der neunziger Jahre abzusichern. Das stellt manchen Anbieter vor erhebliche Schwierigkeiten. Anfang des Jahres betrug die gesamte Zinszusatzreserve 44 Milliarden Euro, bis Ende dieses Jahres dürften es 60 Milliarden, bis 2025 könnten es sogar 180 Milliarden Euro sein. „Das ist ein Konstruktionsfehler. Die Bundesregierung muss sich diesem Thema widmen“, verlangt Erdland.

All diesen schwierigen Themen zum Trotz kann sich die Branche über Stabilität freuen: Für dieses Geschäftsjahr erwartet der GDV ein Beitragswachstum von 1,2 Prozent, das vor allem aus der Schadenversicherung kommen dürfte. Selbst in der Lebensversicherung erwartet er nur moderate Einbußen, die kleiner als im Vorjahr ausfallen. Dieser stetige Einnahmenzufluss ermöglicht es der Branche, der Digitalisierung mit Beharrlichkeit und Kapitaleinsatz zu begegnen. Zudem könnte sie von der wachsenden Angst vor Konflikten profitieren. „Wir leben in einer Zeit, in der Unsicherheit relevant wird“, ruft Altkanzler Schröder den Vorständen und Gremienmitgliedern vom Podium aus zu. „Das muss ja nichts Schlimmes für Versicherer sein.“

Quelle: F.A.Z.
Philipp Krohn  - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Philipp Krohn
Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.
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