Rüstungskonzern Hensoldt

Mit Kriegsgerät an die Börse

Von Dennis Kremer
Aktualisiert am 27.09.2020
 - 17:39
Thomas Müller, Vorstandschef von Hensoldt, vor der Börse.
Ausgerechnet ein Rüstungskonzern wagt sich in Frankfurt aufs Börsenparkett. Was sind das für Leute, die Hensoldt-Aktien kaufen?

Einen gestandenen Soldaten kann so schnell nichts erschüttern. Als Thomas Müller, keinesfalls zu verwechseln mit dem berühmten Fußballspieler, am Freitag die Börsenglocke läutete, schauten selbst erfahrene Händler hoch, so freudig ging der stämmige Mann dieser Tätigkeit nach. Auch eines Mikrofons hätte es nicht bedurft, denn der Vorstandsvorsitzende des Rüstungskonzerns Hensoldt und frühere Chef einer Panzerkompanie hat eine Stimme, bei der selbst Zivilisten stillstehen: „Wir gehen heute an die Börse und sind darauf sehr stolz. Es gibt keinen besseren Zeitpunkt für den Börsengang – als jetzt.“

Das freilich kann man auch anders sehen. Denn die Aktie des Rüstungskonzerns (5400 Mitarbeiter, Jahresumsatz rund 1,1 Milliarden Euro) gab nach dem Eröffnungskurs von zwölf Euro deutlich nach. Die Nachfrage der Anleger war am ersten Handelstag äußerst verhalten. Enttäuschend ist das auch für den bisherigen Eigentümer, den amerikanischen Finanzinvestor KKR, der nun einen Teil seiner Anteile abgibt. KKR hatte die Firma 2017 dem Airbus-Konzern abgekauft und daraufhin in Hensoldt umbenannt. Eine Reminiszenz an Moritz Carl Hensoldt (1821-1903), einen der ersten Optiker, und zugleich aus Unternehmenssicht ein geschickter Schachzug. Denn an Rüstungsproduktion denkt bei diesem Namen niemand. An ausgefeilte Technik schon eher.

Abenteuer Börsengang

Der Börsengang war aus mehreren Gründen ein Wagnis. Zuallererst ist der Zeitpunkt ungünstiger als gedacht. Die Investoren sind sensibel, ein starker Rückgang des Dax zum Wochenanfang hatte ihnen die Stimmung verdorben. In solchen Zeiten haben auch Profianleger genug damit zu tun, sich um die Aktien zu kümmern, die bereits in ihrem Portfolio sind. Dies hat neben Hensoldt auch der Wohnmobilhersteller Knaus Tabbert zu spüren bekommen. Obwohl seine Wohnmobile derzeit reißenden Absatz finden, galt dies für die Aktien des Unternehmens nicht. Genau wie im Falle von Hensoldt kamen sie am Mittwoch zu einem Preis am untersten Ende der Spanne auf den Markt.

Allerdings sind Wohnmobile populär, was man von Rüstungselektronik nicht eben behaupten kann. Genau die aber stellt Hensoldt her – wenn auch keine Waffen, wie das Unternehmen betont. Sondern vor allem Sensoren und Radare, die aber beispielsweise Kampfflugzeugen dabei helfen, potentielle Ziele besser zu identifizieren.

Normalerweise präsentieren Börsenneulinge zum Start gern ein paar angesagte Produkte aus dem eigenen Haus auf dem Parkett, bei Hensoldt hat man dies verständlicherweise unterlassen. Nur auf den großen Plakaten, die überall im Handelssaal aufgehängt wurden, ließen sich dezent Kampfflugzeuge und Marineschiffe erkennen. Das ist der zweite Grund, der diesen Börsengang als ein Wagnis erscheinen lässt. In Zeiten, in denen sich immer mehr Großanleger der Nachhaltigkeit verschreiben, wirkt es wie eine schlechte Idee, die Investoren ausgerechnet von militärischen Mitteln überzeugen zu wollen.

Und zu guter Letzt findet Hensoldts Börsendebüt inmitten einer weltweiten Pandemie statt, die es verhindert, dass sich Vorstand und potentielle Investoren im Vorfeld auch einmal von Angesicht zu Angesicht begegnen. Macht es das nicht viel schwieriger, Anleger für eine Aktie zu finden?

Wer will schon in Rüstungskonzerne investieren?

Um mit Letzterem zu beginnen: Dass Thomas Müller in seiner Bundeswehrzeit schon manches Mal Ausdauer beweisen musste, dürfte dem Mann nun zugutegekommen sein. Denn auch wenn das Werben um Investoren (in der Sprache der Börse „Roadshow“ genannt) wegen Corona nur rein virtuell stattfand, waren seine Arbeitstage trotzdem lang: das erste Video-Meeting um neun Uhr morgens meistens mit Fondsmanagern aus dem asiatischen Raum, das letzte gegen 22 Uhr, dann mit Investoren von der amerikanischen Westküste. Andere Weltregionen fanden dazwischen ihren Platz.

Nichts sei an solchen Tagen wichtiger als gute Stühle, lautet eine der prägendsten Erfahrungen der Hensoldt-Vorstände nach ihren stundenlangen Videokonferenzen. Und natürlich leichtes Essen: vormittags Brezeln, mittags Salat und Fingerfood, abends auch.

Um Anleger aus aller Welt für sich zu gewinnen, reichen bequeme Stühle aber selbstredend nicht aus. Das Ziel einer möglichst persönlichen Gesprächsatmosphäre hat Hensoldt mit Hilfe eines Tricks erreicht. Drei Kameras leuchteten Firmenboss Müller und seinen Finanzvorstand Axel Salzmann während der Gespräche möglichst günstig aus, ein Mitarbeiter übernahm die Bildregie. Logisch ist aber auch: Solche Feinheiten mögen zwar eine bessere Gesprächsatmosphäre schaffen, aber eines lässt sich auch damit nicht übertünchen – Hensoldt stellt Kriegsgerät her. Womit wir bei der eigentlichen Frage wären: Wer um alles in der Welt will so eine Aktie im Portfolio haben?

Vor allem für deutsche Investoren ist das ein Reizthema. Vielfach ist zu hören: So eine Investition überlege man sich zweimal, schließlich könne sie der eigenen Reputation schaden. Für die meisten Fonds, die ihren Schwerpunkt auf Nachhaltigkeit legen, scheidet die Hensoldt-Aktie darum als Investment aus. Auch wenn Hensoldt, gemessen an traditionellen Nachhaltigkeitskriterien, verrückterweise gar nicht mal schlecht abschneiden würde. Dem Weltklima jedenfalls setzen andere Industrien deutlich mehr zu.

Konventionelle Fonds aus Deutschland dürfen die Aktie dagegen gemäß der eigenen Anlagerichtlinien kaufen und haben dies zum Teil auch getan. Allerdings macht Hensoldt kein Geheimnis aus der Tatsache, dass für alle Investorengespräche eine einfache Regel galt: Je weiter man sich virtuell von Deutschland aus in Richtung Westen bewegte, umso interessierter waren die Anleger. Die Begründung, die das Unternehmen dafür gefunden hat, lautet: In Großbritannien und den Vereinigten Staaten habe man nun einmal ein viel unverkrampfteres Verhältnis zum Militär als hierzulande.

Der besondere Reiz des Militärgeschäfts

Dies mag stimmen. Aber entgegen aller politischen Korrektheit hat das Kriegsgeschäft eben für Investoren auch seinen ganz eigenen Reiz. Konflikte gibt es nun mal, seitdem die Menschheit existiert – ergo gibt es auch immer etwas zu verdienen. Zudem lässt sich ein hochspezialisierter Rüstungskonzern nicht mal so eben über Nacht aufbauen, die Konkurrenz ist überschaubar. Auch die Kunden sind alte Bekannte: 40 Prozent seines Umsatzes macht Hensoldt in Deutschland, also vor allem mit dem Verteidigungsministerium.

Das ist es aber zugleich auch, was selbst manch hartgesottenen Investor vom Kauf der Aktie zurückschrecken lässt. Das Rüstungsgeschäft ist hochpolitisch und in manchen Weltgegenden äußerst korruptionsanfällig. Seit Corona wachsen zudem die Zweifel, wie viel Geld die Staaten in Zukunft für Rüstung ausgeben werden. In Deutschland geht die Abhängigkeit von der Politik sogar so weit, dass die Bundesregierung für die Zeit nach dem Börsengang ein Vorkaufsrecht für bis zu 25,1 Prozent der Aktien hat. Womöglich kommt also der Staat mit an Bord, wovon Anleger längst nicht immer profitieren. Man denke nur an das Beispiel der Commerzbank oder der Lufthansa.

Vorstandschef Thomas Müller kennt all diese Bedenken, mochte am Freitag aber nichts davon hören. Tapfer wiederholte er nach dem mäßigen Börsenstart vor allem einen Satz: „Das Beste kommt noch.“ Dabei nahm der frühere Soldat Haltung an – Schultern gerade, Augen geradeaus. Gelernt ist eben gelernt.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Kremer, Dennis
Dennis Kremer
Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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