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Standpunkt

Das Corona-Virus wird an den Märkten unterschätzt

Von Andreas Dombret
 - 17:27
Die Börse: Eigene Realität?

Die Coronavirus-Epidemie ist bei den Marktteilnehmern ein beherrschendes Thema. Die Frage aber ist: Ziehen sie die richtigen Schlüsse? Mittlerweile steht das Thema auch bei den Notenbanken auf der Tagesordnung und wurde beim G20-Treffen in Riad intensiv diskutiert. Die offizielle Zahl der Neuerkrankungen innerhalb und außerhalb Chinas wird täglich genauestens beobachtet und analysiert. Starke Schwankungen sind dabei häufig auf abrupte Änderungen im diagnostischen Ansatz zurückzuführen. Solche Entwicklungen beeinflussen also regelmäßig die Stimmung an den Aktien- und Anleihemärkten und führen immer wieder zu Kursschwankungen. Aussagen selbst über die nahe Zukunft sind momentan gleichwohl äußerst schwierig.

Wichtig für die Märkte ist allerdings nicht nur die kurze, sondern auch die lange Sicht. Niemand kann zur Zeit mit Gewissheit vorhersagen, wie die Entwicklung rund um das Virus weitergehen wird. Die jüngsten Entwicklungen in Südkorea und in Norditalien zeigen einmal mehr, dass die Bedrohung durch Covid-19 nicht nur auf China begrenzt ist. Es wird immer klarer: Die wirtschaftlichen Risiken sind eindeutig erkennbar.

Konjunkturelle Risiken sind groß

Mit Blick auf die Folgen des Coronavirus haben wir es mit einem klassischen Angebotsschock zu tun, dessen Potential schwer einzuschätzen ist. Erste Berichte von abgesagten Messen, von Lieferengpässen chinesischer Unternehmen und von Störungen in den globalen Liefer- und Wertschöpfungsketten liegen schon vor. All dies stellt eine potentielle Bedrohung für Handel und Wachstum dar. Am Ende des Tages hängt das Ausmaß der Auswirkungen davon ab, wie temporär dieser Schock bleibt. Die Märkte unterstellen eine zeitliche Begrenzung.

Sollte die Epidemie allerdings andauern und sich weiter ausdehnen, stellt sich zusätzlich zu den unterbrochenen Lieferketten die Frage, wie viel davon bei uns in Europa und in Deutschland als Nachfrageschock ankommt – schließlich tritt China nicht nur als Anbieter eigener, sondern auch als wichtiger Käufer unserer Produkte auf.

All dies führt zu Unsicherheit und ist der Grund dafür, warum das Coronavirus die offiziellen und inoffiziellen Gespräche beim Treffen der Finanzminister und Notenbankgouverneure in Riad in der vergangenen Woche so stark dominiert hat. Schließlich hat der Virus angesichts steigender Zahlen von Infizierten eine destabilisierende Wirkung auf die chinesische Volkswirtschaft. Und wenn sich das Wirtschaftswachstum in der zweitgrößten Wirtschaftsnation der Welt, die für fast 20 Prozent der weltweiten Nachfrage steht, stark verlangsamt, bedeutet dies automatisch das Aufziehen dunkler Wolken für das globale Wachstum und damit enorme Ansteckungsgefahren für die Weltwirtschaft.

Wettlauf der Indikatoren

Die Konjunktur bekommt durch das Virus also nicht nur kurz-, sondern möglicherweise auch mittel- und langfristig gehörigen Gegenwind zu spüren – und das in einer Phase, in der sich die Weltwirtschaft nicht gerade robust zeigt. Der Internationale Währungsfonds hat mit Bezug auf Corona – von den Märkten kaum beachtet – vor einer fragilen Konjunktur gesprochen. Mehr als ein Viertel der Unternehmen des S&P 500 warnte in den vergangenen Wochen schon vor negativen Auswirkungen auf ihre Gewinnaussichten.

Die G20 und viele Ökonomen sind daher um eine Einschätzung des wahren Ausmaßes des Corona-Schocks und seiner Folgen bemüht. Misstrauen gegenüber den offiziellen chinesischen Angaben führt dazu, das Hilfsindizes entwickelt werden und solche Proxies einen regelrechten Boom erleben. Eine große europäische Bank zählt inzwischen den physischen Schiffsverkehr in chinesischen Häfen, andere Marktteilnehmer analysieren den Energieverbrauch in China, um auf diese Weise eigene Informationen über den Einbruch der chinesischen Wirtschaftsleistung zu erheben.

Der allgemeine sorgenvolle Ausblick macht auch vor den Zentralbanken nicht halt. Vor dem Ausbruch der Epidemie hatte die amerikanische Notenbank noch wachsenden Optimismus signalisiert. Im jüngsten Protokoll der Fed wird das Coronavirus achtmal erwähnt. Philip Lane, der Chefvolkswirt der EZB, geht mit Blick auf das Virus zwar nicht von langfristigen, sehr wohl aber von „signifikanten kurzfristigen Effekten“ aus.

Abgekoppelte Aktienmärkte

Erste Kommentatoren gehen deutlich weiter. Sie befürchten schon eine globale Rezession und fordern eine noch lockere Geldpolitik als Antwort. Aber blindes Vertrauen auf die Geldpolitik ist verfehlt. Notenbanken sind nicht allmächtig; Geldpolitik kann und darf kein Allheilmittel sein.

Trotz all dieser besorgniserregenden Entwicklungen sind die Bewertungen an den Märkten allerdings kaum bis gar nicht zurückgegangen. Weltweit sind die Aktien hoch bewertet, und der Dax hat sogar jüngst einen neuen Höchststand erklommen. Die Aktienmärkte – auch wenn die Kurse am Montag nach unten rauschten – scheinen sich vom Coronavirus und der Realwirtschaft ein Stück weit abgekoppelt zu haben. Ein Rückgang der Wachstumsrate der Weltwirtschaft auf weniger als 3 Prozent im Falle eines schlagend werdenden Negativszenarios ist nämlich alles andere als ausgeschlossen. Eine Rezession in Deutschland und Europa in bestimmten, hoffentlich nicht eintretenden Fällen leider ebenfalls nicht. Wir wissen momentan einfach noch viel zu wenig über den weiteren Entwicklungspfad und die wirtschaftlichen Auswirkungen des Coronavirus, als dass wir uns entspannt zurücklehnen könnten, wie dies momentan die Mehrheit der Marktteilnehmer tut.

Alles in allem muss man feststellen, dass die Risiken für die Weltwirtschaft an den Märkten unterschätzt werden und noch nicht adäquat eingepreist sind. Zugegeben: Wir erleben schon seit einiger Zeit ein extrem niedriges Zinsniveau und sehr viel Liquidität am Markt mit wenig Anlagealternativen. Die risikofreien Zinsen stützen und treiben die Kursentwicklung und lassen die Sorge um eine mögliche Corona-Pandemie in den Hintergrund treten. Aber dieses Risiko darf nicht ausgeblendet, sondern muss ernst genommen werden. Ob die Auswirkungen zeitlich begrenzt bleiben oder nicht, kann zur Zeit nicht mit genügender Sicherheit vorhergesagt werden.

Über den Autor

Dr. Andreas Dombret war von 2010 bis 2018 im Vorstand der Deutschen Bundesbank. Inzwischen berät er international und unterrichtet unter anderem an der Columbia University.

Quelle: F.A.Z.
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