Neuer Deka-Chef im Interview

Kein Sparkassenkunde kommt an unseren Fonds vorbei

Von Hanno Mußler
30.10.2020
, 16:57
Seit Anfang 2020 ist Georg Stocker Vorstandschef der Deka. In seinem ersten Interview berichtet er über den boomenden Fondsverkauf, über Fusionen, Personalabbau und Digitalisierung. Und wie die Deka mit CO2-senkenden Investments für sich und andere klimaneutral werden will.

Herr Stocker, ist der Fonds- und Zertifikateabsatz der Deka nach dem guten ersten Halbjahr 2020 angesichts der Unsicherheit durch Corona wie bei manchem Wettbewerber zum Erliegen gekommen?

Nein, ganz im Gegenteil. Wir haben im Juli und August weitere 10 Milliarden Euro abgesetzt, so dass wir per Ende August einen Nettoabsatz von nun 25 Milliarden Euro haben. Damit liegen wir so gut wie selten in den vergangenen Jahren. 2 von den 10 Milliarden entfallen dank der guten Beratung durch die Sparkassen auf das Privatkundengeschäft, damit haben wir den Nettoabsatz im Privatkundengeschäft auf 9 Milliarden Euro in diesem Jahr gesteigert. Das ist sehr erfreulich. Noch besser lief es im Geschäft mit institutionellen Kunden wie Versicherungen und Pensionskassen. Hier konnten wir auch durch den Gewinn eines großen Mandats allein im Juli und August 8 Milliarden Euro an Wertpapieren absetzen.

In der Vergangenheit haben Sparkassen-Kunden oft im falschen Moment Aktien gekauft, nämlich dann, wenn eine Euphorie unter Anlegern die Kurse schon weit nach oben getrieben hatte. Wenn dagegen die Unsicherheit groß ist, verkauften Sparkassen-Kunden oft nahe dem Tiefpunkt. Was ist in dieser Corona-Krise anders?

Gegen Unsicherheit hilft Information, und die haben wir vielfältig geliefert: über zahlreiche Telefonkonferenzen an die Sparkassen-Berater, damit sie gegenüber ihren Kunden sprechfähig sind. Und auch die institutionellen Kunden direkt mit Informationen versorgt – zu Corona, aber etwa auch zu unserer Sicht, warum die Zinsen noch sehr lange niedrig bleiben werden. Das hat dazu beigetragen, dass nur wenige Sparkassen-Kunden ihre Aktienfonds verkauft haben, vielmehr haben etliche sogar im Frühjahr zugekauft. Und das Schöne ist: Es hat sich für diese besonnenen Sparkassen-Kunden ausgezahlt, durchzuhalten. Die Kurse sind wieder deutlich gestiegen.

Warum sind Sie zuversichtlich, dass Sparkassen-Kunden auch in einer längeren Krisenphase durchhalten werden?

Ein gutes Indiz dafür liefern Sparpläne, weil sich damit jemand dauerhaft zum Sparen über Wertpapierfonds entscheidet. Sparkassen-Kunden haben bei uns 2020 in den ersten sechs Monaten 356 000 neue Sparpläne abgeschlossen, per Ende August stehen wir sogar bei 500 000 neuen Sparplänen, so dass der Bestand auf 5,6 Millionen Deka-Fonds-Sparpläne angewachsen ist.

Damit klingeln Dekas Kassen, denn 80 Prozent ihrer Einnahmen kommen aus dem Wertpapiergeschäft. Allerdings werden Zertifikate beliebter, und mit denen verdient Deka nur einmal: beim Verkauf. Mit Fonds dagegen streicht sie auch jährlich Verwaltungsgebühren ein. Versucht die Deka deshalb, Sparkassen-Kunden eher Fonds als Zertifikate zu verkaufen?

Als Wertpapierhaus der Sparkassen wollen und müssen wir die gesamte Bandbreite der Anlagen bieten: Aktien-, Immobilien- und Rentenfonds, Zertifikate und Vermögensverwaltung inzwischen sogar mit Einzeltiteln. Damit richten wir uns nach den Kundenwünschen. Wir sehen auch keine Kannibalisierung zwischen Fonds und Zertifikaten. Vielmehr haben viele Sparkassen-Kunden beides, passend zur ihrer Anlagestrategie. Von bisher 9 Milliarden Euro Wertpapierabsatz im Privatkundengeschäft in 2020 entfielen auf Zertifikate 3 Milliarden Euro.

Wie haben Sparkassen-Kunden überhaupt die verkaufsfördernden Informationen der Deka erhalten – schließlich gehen viele Leute in Corona-Zeiten eher ungern aus dem Haus und dann nicht unbedingt in eine Sparkassen-Filiale?

Ich bin 30 Jahre im Bankgeschäft, und eine solche Krise habe ich noch nicht erlebt. Es ist eine riesige Herausforderung, die Deka zu führen, wenn 90 Prozent der Mitarbeiter im Homeoffice arbeiten. Es ist uns aber nicht nur gelungen, den Normalbetrieb aufrechtzuerhalten, wir haben es sogar geschafft, gemeinsam mit den Sparkassen die Kunden über neue, nämlich die gerade besonders gefragten Online-Kanäle zu erreichen. Obwohl wir mit der Digitalisierung im Branchenvergleich früh gestartet sind, mussten wir dafür noch mal Gas geben: Ende April waren wir dann bereit, unsere neue S-Invest App freizuschalten.

Ist diese Wertpapier-App ein eigenes Smartphone-Programm oder Teil der normalen Sparkassen-App?

Da haben wir uns davon leiten lassen, was am effizientesten und komfortabelsten für die Sparkassen-Kunden ist. Das Ergebnis ist: Die App für das Wertpapiergeschäft ist in die Sparkassen-App integriert, muss aber einmal aktiviert werden. Derartige Downloads sind inzwischen schon 350.000 Mal erfolgt. Wir werden nun die App ausbauen: Zunächst haben wir sie genutzt, um Sparkassen-Kunden mit Informationen zu Finanzmärkten und Wertpapieren zu versorgen. Inzwischen können die Nutzer nicht nur ihre bei Sparkassen geführten Depots, sondern auch Fremddepots bei anderen Banken einsehen – wenn sie denn wollen und natürlich ohne dass wir als Deka Einblick in diese Fremddepots erhalten. Und die Sparkassen-Kunden können über die App für ihr Sparkassen-Depot Wertpapiere kaufen und verkaufen.

Das heißt doch: Sparkassen-Kunden brauchen für das Wertpapiergeschäft keine Sparkasse mehr, sondern können direkt über die Deka gehen!

Nein, die Kunden bleiben Kunden der Sparkassen. Daran ändert sich nichts. Bankkunden erwarten aber im Netz den Komfort, den sie aus anderen Branchen kennen, und den müssen wir liefern. Gleichwohl gilt auch in der Corona-Zeit: Für 85 Prozent aller Bankkunden ist ein Ansprechpartner sehr wichtig, nur 15 Prozent sind Selbstentscheider. Sparkassen bieten diesen von der großen Mehrheit gewünschten Ansprechpartner: online, am Telefon oder mit Abstand in der Filiale.

Die Sparkassen als Eigner haben der Deka vorgeschrieben, ihre Kosten im Jahr 2022 auf 1 Milliarde Euro zu begrenzen. Im ersten Halbjahr 2020 aber stiegen sie um 8,6 Prozent auf fast 600 Millionen Euro. Wackelt das Kostenziel?

Nein, ich bin sicher: Wir schaffen die Milliarde im operativen Aufwand. Der Kostenauftrieb im ersten Halbjahr lag auch daran, dass wir bereits Restrukturierungskosten verarbeitet haben. Wir arbeiten an den Personal- und an den Sachkosten. Wir müssen aber auch die Erwartungen der Kunden erfüllen: Sie verlangen schnellere und flexiblere Prozesse. Darin investieren wir. Dann werden wir den Kostenauftrieb begrenzen können, indem manuelle Routinetätigkeiten künftig vermehrt durch Software-Roboter erledigt werden, etwa im Depotservice, um Daten aus Formularen in die Systeme zu übertragen. Mitarbeiter werden auch entlastet, weil wir Künstliche Intelligenz dazu nutzen, um mit Begriffserkennung E-Mails zu sortieren und schneller zu bearbeiten. Bot-Funktionen werden eingesetzt in Chats, damit Berater schneller das nötige Formular finden. Es gibt nicht die eine Technologie, sondern viele Facetten, um die Effizienz zu steigern.

Sie haben im April 2019 angekündigt, 400 der 4200 Stellen im Deka-Konzern abzubauen. Wie kommen Sie voran?

Die Formulierung war damals „bis zu 400 Stellen“. Inzwischen haben wir mit 210 Mitarbeitern Vereinbarungen, zum Großteil sind das Vorruhestandsregelungen, getroffen oder sind kurz vor Abschluss. Weitere 50 Kollegen haben Interesse signalisiert. Wie viele Stellen am Ende genau wegfallen, werden wir sehen.

Muss die Deka größer werden, um Mitarbeiter und IT besser auszulasten?

Wir haben uns zumindest in unserem Kerngeschäft auf weiteres Wachstum eingestellt. Wegen der Corona-Krise werden die Zinsen niedrig bleiben. Um eine vernünftige Rendite zu erzielen, kommt kein Sparkassen-Kunde an unseren Fonds vorbei.

Könnten Sie sich auch vorstellen, Kreditgeschäft hinzuzukaufen?

Im Wertpapiergeschäft, unserem Kerngeschäft, sind wir offen für Gelegenheiten, zuzukaufen. Unser Fokus liegt aber auf internem Wachstum. Wir verwalten inzwischen mehr als 300 Milliarden Euro, vor fünf Jahren waren es noch über 60 Milliarden Euro weniger. Unser Kreditgeschäft ist Teil unseres integrierten Geschäftsmodells. Hier streben wir keine wesentliche Ausweitung der Kreditbestände etwa in Immobilien, Schiffen und Flugzeugen an.

Davon hat Ihr wahrscheinlicher Fusionspartner Helaba ja auch genug...

Schöner Versuch. Wie Sie wissen, pausieren die Anfang des Jahres gestarteten Fusionsgespräche wegen Corona. Jeder muss sich jetzt darauf konzentrieren, mit seinen Kunden durch die Krise zu kommen. Wann die Pause-Taste gelöst wird, entscheiden die Eigentümer. Mein Fokus liegt jetzt darauf, unser Geschäftsmodell als Wertpapierhaus der Sparkassen weiterzuentwickeln. Wir fokussieren dabei insbesondere auf die beiden Trends, die sich durch Corona beschleunigen: Digitalisierung und Nachhaltigkeit.

Über Nachhaltigkeit redet derzeit jeder in der Finanzwelt. Deshalb auch Sie?

Nein, wir reden nicht, wir tun etwas. Wir bieten unseren Kunden inzwischen eine Vermögensverwaltung mit Einzeltitelinvestments, die nach ESG-Kriterien ausgewählt werden. Seit dem Sommer haben wir auch fünf Indexfonds (ETFs) im Angebot, die auf den Nachhaltigkeitskritierien Umwelt (E), Soziales (S) und Unternehmensführung (G) beruhen. Und jetzt gehen wir in unserer Produktoffensive noch einen Schritt weiter und bieten für unsere beiden Flaggschifffonds Deka-Dividendenstrategie und Deka Global Champions auch eine ESG-Variante an. Das heißt: Aktien von Unternehmen, die gegen Nachhaltigkeitskritieren verstoßen, werden aus diesen Fonds ausgeschlossen. Wir haben damit für jede Assetklasse ein passendes Nachhaltigkeitsprodukt im Angebot – egal ob Aktien, Renten, ETFs, Zertifikate oder Vermögensverwaltung.

Und wie grün ist die Deka selbst?

Das wissen wir ziemlich genau, denn seit 2009 veröffentlichen wir einen zertifizierten Nachhaltigkeitsbericht. Demnach verbraucht die Deka derzeit rund 10.000 Tonnen CO2 im Jahr. Da wir klimaneutral sein wollen, kompensieren wir diese 10.000 Tonnen, indem wir in Projekte investieren, die CO2 reduzieren.

Könnte die Deka daraus nicht ein Geschäft auch für andere machen?

Wir werden in der Tat von Januar 2021 an Sparkassen und institutionellen Kunden anbieten, ihren CO2-Verbrauch über einen Partner von uns messen zu lassen. Und wir werden auch CO2-senkende Investitionsprojekte für Kunden anbieten, damit sie ihren CO2-Verbrauch kompensieren können. Allerdings: Nachhaltigkeit gehört zu unserem Selbstverständnis. Wir wollen deshalb damit kein Geld verdienen, sondern CO2-Messung und Investitionsprojekte kostendeckend anbieten.

Quelle: FAZ
Autorenporträt / Mussler, Hanno
Hanno Mußler
Redakteur in der Wirtschaft.
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