Niedriger Benzinabsatz

Tankstellen verkaufen 12 Prozent weniger Sprit

Von Christian Siedenbiedel
04.06.2021
, 17:06
Benzinpreis
Der Benzinabsatz lag im ersten Vierteljahr 2021 deutlich unter dem Vorjahreszeitraum. Offenbar ist aber weder der stark gestiegene Preis, noch ein gestiegenes Umweltbewusstsein der Hauptgrund.

Der Verkauf von Benzin an den Tankstellen liegt in diesem Jahr bislang erheblich unterhalb der Vorjahreswerte. Das geht aus Zahlen hervor, die der Mineralölwirtschaftsverband am Freitag veröffentlicht hat. Demnach lag der Absatz aller Mineralölprodukte in Deutschland im ersten Quartal dieses Jahres immerhin 17 Prozent unter den Vorjahreswerten, er sank von 32,5 auf 26,9 Millionen Tonnen. Zum Vergleich: Im gleichen Zeitraum 2019 betrugt der Gesamtabsatz 34,1 Millionen Tonnen.

Der Verbrauch von Benzin sank um 12 Prozent, der von Diesel um 14 Prozent. Der Absatz an Flugkraftstoff ging um 48 Prozent zurück. Die Heizölverkäufe nahmen sogar um 51 Prozent ab. Lediglich Rohbenzin, das als Ausgangsstoff in die chemische Produktion eingeht, verzeichnete von Januar bis April 2021 ein Plus von 25 Prozent – ein Indikator für eine verbesserte Industriekonjunktur.

Der Verband machte dafür offenbar in erster Linie Folgen der Corona-Krise verantwortlich, nicht den hohen Preis. „Die Auswirkungen der Corona-Pandemie hatten sich vor Jahresfrist erst wenig ausgewirkt“, schreibt der Verband zu dem starken Unterschied zwischen dem ersten Quartal 2020 und dem ersten Quartal 2021. „Von Januar bis April 2021 ist der Absatz an Mineralölprodukten gegenüber den ersten vier Monaten des Vorjahres deutlich zurückgegangen, erholt sich jedoch schrittweise.“ Für den niedrigen Heizölabsatz macht der Verband Vorzieh-Effekte aus dem vorigen Jahr verantwortlich.

Reagieren die Autofahrer auf höhere Benzinpreise?

Die Frage, wie stark Autofahrer eigentlich in ihrem Verhalten auf höhere Spritpreise reagieren, ist vor dem Hintergrund der Debatte um den Klimaschutz interessant. Die Kanzlerkandidatin der Grünen, Annalena Baerbock, hat eine Verteuerung von Benzin um 16 Cent je Liter ins Gespräch gebracht. Unter anderem SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz sprach sich dagegen aus. Das sorgte für lebhafte Diskussionen.

Es geht dabei um eine weitere Verteuerung von Benzin. Der jüngste Preisanstieg ist nicht so ganz gut dafür geeignet, die Wirkung höherer Spritpreise zu analysieren. Wie stark die Autofahrer auf den Preisanstieg reagieren, ist jetzt wegen der Überlagerung mit Pandemie-Effekten nicht so ganz leicht zu isolieren. Es gibt aber Analysen aus dem teuren Tank-Herbst 2018, als Benzin mehr als 1,50 Euro kostete. In die Richtung zumindest bewegen sich die Kraftstoffpreise mittlerweile wieder.

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Seit Jahresbeginn hat die Einführung eines CO2-Preises Benzin und Diesel in Deutschland um jeweils etwa 7 bis 8 Cent verteuert. Dieser CO2-Preis soll in den nächsten Jahren weiter steigen, um Anreize für einen geringeren Benzinverbrauch aus Gründen des Klimaschutzes zu setzen. Viele Autofahrer haben allerdings den Eindruck, sie würden jetzt schon viel stärker von diesen Maßnahmen getroffen. Auf Jahressicht haben sich Kraftstoffe in Deutschland um mehr als 25 Prozent verteuert.

Teurer Tank-Herbst 2018

Dabei spielte aber der Wiederanstieg des Rohölpreises eine zentrale Rolle. Rohöl war im Vorgriff auf die Belebung der Wirtschaft nach der Pandemie und wegen der künstlichen Verknappung der Förderung durch das Ölkartell Opec in diesem Jahr deutlich gestiegen. Im vorigen Frühjahr kostete Öl der Nordseesorte Brent zeitweise rund 20 Dollar je Barrel (Fass zu 159 Liter). Amerikanisches Öl notierte zeitweise sogar zu negativen Preisen. Jetzt steht Brent bei mehr als 71 Dollar, amerikanisches Öl bei knapp 70 Dollar.

Im teuren Tank-Herbst 2018 mit Preisen über 1,50 Euro je Liter wurde in Deutschland durchaus weniger Benzin verkauft als sonst. Der Zusammenhang scheint aber nicht sehr zuverlässig zu sein.

Wenn man sich die amtlichen Mineralöl-Daten des Bundesamtes für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle betrachtet, dann wurde im Oktober und November 2018 in Deutschland weniger Kraftstoff verkauft als in denselben Monaten des Vorjahres. So wurden im Oktober 1,53 Millionen Tonnen Benzin verkauft und 3,28 Millionen Tonnen Diesel. Im Vorjahresmonat waren es 1,54 Millionen Tonnen Benzin und 3,31 Millionen Tonnen Diesel gewesen.

Preiselastizität der Ölnachfrage von etwa 0,04

Allerdings: Der Mineralölwirtschaftsverband, der die Ölunternehmen vertritt, gab damals zu bedenken, dass der Verkauf von Sprit in Deutschland mehr oder minder das ganze Jahr 2018 über niedriger gewesen sei als im Vorjahr – nicht nur in der Phase, als das Benzin besonders teuer war. Das könnte dafür sprechen, dass die geringere Benzinnachfrage eher mit anderen Entwicklungen zusammenhängen könnte als unmittelbar mit dem Preis, beispielsweise mit dem geringeren Verbrauch von Fahrzeugen aufgrund technischen Fortschritts.

Zwischen den Monaten September und Oktober 2018, als die extrem hohen Preise an Deutschlands Tankstellen einsetzten, ist der Kraftstoffabsatz jedenfalls nicht gefallen, sondern sogar leicht gestiegen. Stark gesunken ist hingegen der Absatz von Diesel im Dezember 2018, allerdings war der Kraftstoff da schon zumindest nicht mehr durchgängig so teuer.

Die Variable, mit der Ökonomen die Reaktionen von Verbrauchern auf höhere Öl- und Benzinpreise beschreiben, ist die sogenannte Preiselastizität der Nachfrage. Sie gibt an, um wie viel sich auf eine Preisänderung von Öl und Benzin die nachgefragte Menge ändert. Die Internationale Energieagentur (IEA) hat versucht, solche Elastizitäten zu ermitteln:

Für die Ölnachfrage in aller Welt liege diese Elastizität bei minus 0,04. Das bedeutet, bei einer globalen Ölnachfrage von knapp 100 Millionen Barrel (Fass zu 159 Liter) je Tag führt ein Preisanstieg um 10 Prozent bei sonst gleichen Bedingungen zu einer Verringerung der Ölnachfrage um 400 000 Barrel am Tag. Die Preiselastizität der Nachfrage nach Benzin in Deutschland liege bei minus 0,4, meinte Manuel Frondel, Professor vom Wirtschaftsforschungsinstitut RWI in Essen. Dieser Wert gelte aber „eher langfristig“.

Unterschiede lang- und kurzfristig

Auch andere Benzinfachleute etwa vom ADAC sagen aus den Erfahrungen der Vergangenheit, dass der Benzinverbrauch kurzfristig eher wenig auf den Preis reagiert, längerfristig aber schon. Man kann sich das so vorstellen: Viele Leute brauchen ihr Auto, weil sie damit zur Arbeit fahren oder etwa die Kinder in die Schule bringen. Eine Wahlmöglichkeit haben sie vor allem, wenn ein neues Auto angeschafft wird, oder wenn sie die Entscheidung treffen, ob sie tägliche Wege mit dem Auto oder dem öffentlichen Nahverkehr zurücklegen. Auch die Entscheidung über das für den Urlaub gewählte Verkehrsmittel könnte preisabhängig sein.

Für Unternehmen dagegen bedeuten höhere Kraftstoffpreise höhere Kosten für ihre Produktion oder Dienstleistung - hier lässt sich beispielsweise in wirtschaftlichen Krisen beobachten, dass weniger Diesel-Kraftstoff verbraucht wird. Zwar reagieren die Unternehmen auch auf höhere Kraftstoffpreise, das hängt aber offenbar sehr davon ab, um wie viel teurer der Kraftstoff wird und wie lange eine solche Hochpreisphase anhält. In den Ölkrisen der siebziger Jahre beispielsweise waren erhebliche Reaktionen von Unternehmen auf das teure Öl zu beobachten - im teuren Tank-Herbst 2018 weniger.

Der Preisanstieg fiel damals nicht so stark aus wie in den Ölkrisen, und die Konjunktur zeigte sich relativ robust. Gleichwohl hieß es zum Beispiel vom Paketdienst DHL, dass die Fahrer häufiger tanken und Benzin bunkern sollten, weil zeitweise nicht alle Tankstellen alle Kraftstoffsorten anboten. Auch sonst waren sie angehalten, keinen Kraftstoff zu verschwenden - von Anweisungen, wegen des teuren Benzins grundsätzlich weniger zu fahren, war aber nichts zu hören.

Quelle: F.A.Z.
Christian Siedenbiedel - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Christian Siedenbiedel
Redakteur in der Wirtschaft.
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