Prognosen von Spitzenbänkern

Was weiß Goldman Sachs von der Zukunft?

Von Norbert Kuls, New York
Aktualisiert am 06.12.2017
 - 13:39
Goldman Sachs wurde 1869 gegründet und ist heute ein der mächtigsten Banken der Welt.
Die Banker von Goldman Sachs gelten als die cleversten der Wall Street. Aber mit ihren Prognosen und Investments liegen sie häufig daneben.

Der an der Wall Street vielgelesene Finanzblog Zerohedge, immer offen für bissige Kommentare und Verschwörungstheorien, stichelt gerne gegen Goldman Sachs. Die anonymen Schreiber des Blogs empfehlen in der Regel, genau das Gegenteil von dem zu tun, was Analysten von Goldman empfehlen. Denn ihre Kollegen, die Wertpapierhändler von Goldman, würden genauso agieren. Die naiven Kunden, darunter „Trottel sowie deutsche Witwen und Waisen“, würden dagegen in der Regel über den Tisch gezogen.

Diese Theorien gehen auf Vorwürfe des früheren Goldman-Mitarbeiters Greg Smith zurück, der vor einigen Jahren in einem aufsehenerregenden öffentlichen Kündigungsschreiben in der „New York Times“ behauptet hatte, Goldman steuere Kunden bewusst in Produkte, von denen sich die Bank selbst trennen wolle. Goldman weist diese Vorwürfe zurück, aber Zerohedge zieht diese Theorie immer heran, wenn sich eine der häufig schlagzeilenträchtigen Prognosen oder Anlagen von Goldman als Fehler herausstellt. Das ist in diesem Jahr mit den umstrittenen Anleihen des Pleitelandes Venezuela passiert. Die Vermögensverwaltungssparte von Goldman Sachs sitzt nach Schätzungen auf mehrstelligen Millionenverlusten.

Macht Goldman trotz der Venezuela-Pleite Gewinn?

Goldman-Fondsmanager Ricardo Penfold hatte im Mai nach übereinstimmenden Medienberichten einen großen Teil einer Anleihe der staatlichen venozolanischen Ölgesellschaft PDVSA erworben. Goldman zahlte für die Papiere im Nennwert von 2,8 Milliarden Dollar nur 865 Millionen Dollar, was das hohe Ausfallrisiko widerspiegelte. Goldman Sachs Asset Management hat seitdem einen Teil der Position wieder verkauft, war am Ende des dritten Quartals aber immer noch als größter Einzelgläubiger von PDVSA gelistet.

Die fragliche Anleihe mit einer Laufzeit bis 2022 hatte damals einen Nennwert von 1,3 Milliarden Dollar. Venezuela hatte im November angekündigt, die ausländischen Schulden restrukturieren zu wollen, woraufhin der Kurs der Anleihe weiter fiel. Nachdem die Regierung in dieser Woche eine Zahlungsfrist verstreichen ließ, belief sich der Verlust von Goldman auf dem Papier auf mehr als 100 Millionen Dollar, falls die Gesellschaft in der Zwischenzeit keine weiteren Anleihen veräußert hat. Es ist allerdings nicht ausgeschlossen, dass Goldman am Ende dennoch einen Gewinn macht.

Die Anlage war nicht nur verlustträchtig, sondern auch politisch umstritten. Der venezolanische Oppositionsführer Julio Borges schrieb einen Brief an Lloyd Blankfein, den Vorstandsvorsitzenden von Goldman Sachs, und warf ihm vor, „einen schnellen Dollar mit dem Leid des venezolanischen Volkes“ zu machen, weil Goldman damit das Regime von Präsident Nicolas Maduro unterstütze. Maduro hatte den Import von Medizin und Lebensmitteln beschnitten, um Devisen zu sparen und Staatsschulden zu bedienen. Bei Unruhen hatten mehr als 50 Menschen ihr Leben verloren. Der ehemalige venezolanische Planungsminister Ricardo Hausmann, der jetzt in Harvard lehrt, bezeichnete die Papiere angesichts der humanitären und wirtschaftlichen Krise in Venezuela als „Hunger-Anleihen“.

Die Euroschwäche trat nicht ein

Venezolanische Anleihen waren in diesem Jahr nicht die einzigen verlustträchtigen Investments von Goldman Sachs. Anfang des Jahres hatte Goldman noch eine starke Aufwertung des Dollars gegenüber Euro und britischem Pfund prognostiziert. Der damalige Chefdevisenstratege Robin Brooks avisierte für 2017 eine Parität des Euros zum Dollar, also für den Gleichstand der Währungen. Es war eine der Top-Investmentideen für 2017. Es passierte das Gegenteil, und schon im April änderte Goldman die Meinung. Die europäische Gemeinschaftswährung wertete nämlich aufgrund der wirtschaftlichen Erholung der Eurozone auf.

Gleichzeitig zeichnete sich ab, dass der frisch gewählte amerikanische Präsident Trump Schwierigkeiten hatte, seine im Wahlkampf gemachten wirtschaftspolitischen Versprechen, darunter staatliche Investitionen in Infrastruktur und Steuersenkungen, einzulösen. Brooks verließ Goldman Anfang März, und sein Nachfolger Zach Pandl verabschiedete sich von der Prognose zunehmender Euroschwäche.

„Obwohl die Analysten ihre Wachstumsprognosen für die Vereinigten Staaten angehoben hatten, waren die Veränderungen bescheidender als für andere Wirtschaftsregionen, darunter Großbritannien und die Euroregion“, schrieb Pandl im April. Eine Woche vorher hatte Trump geklagt, dass der Dollar „zu stark“ werde. Kurz vor dem Jahresultimo kostet ein Euro 1,19 Dollar.

Tempo bei der Ölförderung falsch eingeschätzt?

Auch mit der Einschätzung des Ölpreises taten sich die Analysten von Goldman – zumindest kurzfristig – schwer. Im vergangenen Juni korrigierten sie ihre Prognosen für die kommenden drei Monate von 55 Dollar je Barrel (159 Liter) auf 47,50 Dollar nach unten – nachdem die Preise auf unter 43 Dollar gefallen waren. Die Analysten der Bank erläuterten, dass sie das Tempo falsch eingeschätzt hatten, mit der Förderer von Schiefergas die Produktion in Reaktion auf die zuvor gestiegenen Ölpreise hochfahren konnten – was zu einem höheren Angebot führte.

Die Preise hatten zunächst mit Aufschlägen auf die Produktionskürzungen der Opec-Länder reagiert. Zunächst blieb Goldman trotz der gesenkten Prognosen aber grundsätzlich optimistisch. Damit behielten die Analysten diesmal recht, weil die Ölpreise angesichts robuster Nachfrage besonders in Indien und China seither wieder angezogen haben. Der Preis für die amerikanische Sorte West Texas Intermediate (WTI) liegt derzeit bei fast 60 Dollar je Barrel.

Dabei lagen die Goldmänner allerdings nicht so krass daneben wie im Jahr 2008, als der damalige Ölanalyst Arjun Murti beim Stand von 130 Dollar je Barrel einen Preis von 200 Dollar für WTI-Öl avisierte. Der Preis sackte danach angesichts der sich ausweiteten Finanz- und Wirtschaftskrise schließlich bis auf 40 Dollar ab.

Sensationelle Prognosen in der Vergangenheit

Nun sind Analysten von Goldman nicht die einzigen Auguren an der Wall Street, deren Prognosen nicht aufgehen. In diesem Jahr haben praktisch alle Aktienmarktstrategen den kräftigen Anstieg des Dow Jones unterschätzt. Die meisten Analysten hatten zudem die positive Marktreaktion auf die Wahl von Trump unterschätzt. Aber die Prognosen von Goldman werden möglicherweise stärker beachtet, weil Goldman die führende Investmentbank ist und angesichts eines harten Auswahlprozesses als die Bank mit den klügsten Mitarbeitern gilt.

Goldman-Analysten scheuen sich auch nicht vor sensationellen Prognosen in Bereichen, die wie Öl im Jahr 2008 ein prominentes Thema geworden waren. Analyst Murti, der Goldman vor drei Jahren verlassen hatte und seitdem unter anderem Aufsichtsratsmandate beim Ölkonzern Conoco Phillips bekleidet, war bekannt geworden, weil er 2005 einen Anstieg des Ölpreises über 100 Dollar prognostiziert hatte – was dann auch tatsächlich eingetreten war. Allein diese Prognose hatte Schockwellen im Markt ausgelöst und Spekulationen beflügelt, dass die Händler von Goldman möglicherweise davon profitierten. Auf der Hauptversammlung nahm der damalige Goldman-Vorstandschef Henry Paulson Murti in Schutz. „Unsere Händler waren genau so überrascht wie alle anderen“, sagte Paulson. Die Analyseabteilung agiere völlig unabhängig von der Handelssparte.

Eine der Top-Handelsempfehlungen von Goldman für 2018 ist eine Wette auf fallende Kurse von Staatsanleihen in Amerika. Goldman rechnet angesichts eines robusten Arbeitsmarktes mit vier Leitzinserhöhungen der Federal Reserve im kommenden Jahr. Dazu prognostiziert Goldman eine Aufwertung des Euros gegenüber dem japanischen Yen und weiteren Kursgewinne für den Schwellenländer-Aktienindex MSCI Emerging Markets. Der Blog Zerohedge hat sich mit bissigen Kommentaren dazu bislang zurückgehalten – wohl auch, weil die Empfehlungen für 2017 nicht ganz so miserabel ausgefallen waren wie 2016. Aber die Wette gilt. Sollte Goldman danebenliegen, werden wieder die Verschwörungstheorien bemüht – und die deutschen Witwen und Waisen.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Kuls, Norbert (nks.)
Norbert Kuls
Freier Autor in der Wirtschaft.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot