Milliardengewinne

Warum amerikanische Banken so viel mehr verdienen als deutsche

Von Hanno Mußler
Aktualisiert am 15.10.2020
 - 16:15
An der Wall Street steigen die Gewinne.
Amerikas größtes Geldhaus erzielt mittlerweile ähnlich viel Gewinn wie Apple. Die Deutsche Bank ist auf dem Weg der Besserung – aber weit abgeschlagen. Das hat mehrere Gründe.

Bevor die Deutsche Bank am 28. Oktober ihre Geschäftszahlen für das dritte Quartal vorlegt, rechnen bei weitem nicht alle Analysten damit, dass es für Deutschlands größte Bank für einen Quartalsgewinn reichen wird. In den Vereinigten Staaten dagegen berichteten in dieser Woche viele Banken, als neueste am Donnerstag Morgan Stanley, über Milliardengewinne. 2,6 Milliarden Dollar, 25 Prozent mehr als im Vorjahresquartal, verdiente Morgan Stanley zwischen Anfang Juli und Ende September 2020. Das ist der zweithöchste Gewinn, den Morgan Stanley jemals in einem Quartal erreichte.

Am Vortag hatte schon Wettbewerber Goldman Sachs über den höchsten Quartalsgewinne seit dem Jahr 2010 berichtet. Und die Großbank JP Morgan erreichte mit 9,4 Milliarden Dollar eine Gewinndimension, wie man sie meist nur von Technologiegiganten wie Apple oder Micorsoft kennt.

Während in Deutschland Eigenkapitalrenditeziele für Banken von 8 Prozent fast utopisch erscheinen, schafft Goldman in diesem Jahr mehr als 17 und JP Morgan immerhin 15 Prozent. Die Schwäche der europäischen, allen voran der deutschen Banken ist immer wieder überraschend. Und die Stärke der amerikanischen Banken auch.

Deutsche Bank auf dem Sprung

Dabei ist die Deutsche Bank sogar erkennbar auf dem Weg der Besserung. Im Juli 2019 hat der Vorstandsvorsitzende Christian Sewing eine radikale Rosskur verkündet mit der Einstellung des globalen Aktienhandels und dem Abbau von 18.000 Mitarbeitern. Jetzt erscheint es möglich, dass die Deutsche Bank erstmals seit fünf Jahren ausgerechnet im Jahr der Corona-Krise Gewinn macht. Im ersten Halbjahr standen immerhin mehr als 300 Millionen Euro Gewinn zu Buche.

Doch Goldman Sachs verdiente im jüngsten Quartal nicht 300 Millionen, sondern umgerechnet 3 Milliarden Euro – übrigens doppelt so viel wie vor einem Jahr. Ein Schlüssel für diesen Erfolg: Die New Yorker Bank verdient ihr Geld nicht mit Kreditgeschäft, sondern mit dem Kapitalmarktgeschäft.

Hier sprudeln die Einnahmen aller Banken, bei Goldman allerdings besonders. Um satte 49 Prozent kletterten Goldmans Erträge etwa im Anleihehandel, das auch die Deutsche Bank zu ihren Stärken zählt. Morgan Stanley nahm im Geschäft mit Anleihen immerhin 22 Prozent mehr ein.

Das Kapitalmarktgeschäft boomt – dank Corona

Warum aber boomt ausgerechnet in der Corona-Krise das Kapitalmarktgeschäft? Vielen Unternehmen brechen die Umsätze weg, sie benötigen Liquidität. Sie suchen deswegen Hilfe von Banken, um Anleihen über den Kapitalmarkt an Anleger zu verkaufen. Hinzu kommen die starken Kursverwerfungen an den Börsen in diesem Jahr – erst der tiefe Fall im März, dann in den vergangenen Monaten die von vielen unerwartet weit reichende Erholung. Diese Schwankungen am Aktien- und Anleihemarkt locken oder zwingen Anleger zum Wertpapierhandel. Beides lässt die Kassen von Investmentbanken klingeln. Auch die der Deutschen Bank.

Doch die Deutsche Bank ist nicht wie Goldman Sachs und auch Morgan Stanley auf das Kapitalmarktgeschäft spezialisiert. Die beiden amerikanischen Investmentbanken suchen zwar nach einem ausgewogeneren Geschäftsmodell. Als weiteres Standbein wollen sie aber nicht etwa das Kreditgeschäft stärken, sondern die Vermögensverwaltung. Dafür kaufte Morgan Stanley gerade für 7 Milliarden Dollar den Bostoner Vermögensverwalter Eaton Vance. Der Vorteil: Ähnlich wie im Kapitalmarktgeschäft lassen sich die Banken für die Vermögensverwaltung mit Gebühren entlohnen und gehen keine eigenen Risiken in der Bilanz ein.

Die zwei Flanken des Kreditgeschäfts

Breiter aufgestellte Universalbanken, die wie die Deutsche Bank aber auch wie die größte amerikanische Bank JP Morgan oder die Bank of America neben dem Kapitalmarktgeschäft und der Vermögensverwaltung vor allem Kreditgeschäft betreiben, haben in diesen Monaten zwei offene Flanken: Die Niedrigzinsen schlagen ins Kontor, und wegen der steigenden Insolvenzen in der Corona-Krise können mehr und mehr Kunden ihre Kredite nicht zurück zahlen.

Während in Amerika die beliebten Kreditkartenschulden den Banken angesichts von 12 Millionen Arbeitslosen Sorgen bereiten, sind es in Europa noch stärker als in Amerika die Zinsen, die hierzulande von der EZB ins Negative gesetzt wurden.
Doch anscheinend fiel bei den amerikanischen Banken der Höhepunkt des Risikovorgebedarfs für faule Kredite im zweiten Quartal an. JP Morgan etwa hatte im zweiten Quartal 10,5 Milliarden Dollar an Risikovorsorge für faule Kredite zurück stellen müssen, die Risikvorsorge der Wettbewerberin Citigroup war auf 15 Milliarden Dollar hochgeschnellt.

Im dritten Quartal nun hat sich die Lage für JP Morgan und Citi im Kreditgeschäft spürbar stabilisiert. Für faule Kredite bildete JP Morgan eine Risikovorsorge von 611 Millionen Dollar, das ist sage und schreibe fast eine Milliarde weniger als im dritten Quartal 2019, als von einer Corona-Krise noch niemand ahnte. Und Citi musste nach dem letzten Horrorquartal nur noch 1,9 Milliarden Dollar an Risikovorsorge zurück stellen, kaum mehr als im dritten Quartal 2019. Gleichwohl überwogen bei Citi – anders als bei JP Morgan – die negativen Effekte im Kreditgeschäft die überaus positiven des Kapitalmarktgeschäftes. Citigroup verdiente im dritten Quartal 2020 rund 34 Prozent weniger als vor einem Jahr, mit 3,2 Milliarden Dollar aber immer noch mehr als erwartet.

Der abnehmende Risikovorsorgebedarf der Banken in Amerika hat wohl auch damit zu tun, dass einige Kunden ihre Kreditschulden durch Anleiheverkäufe ablösen konnten. Hier zeigt sich ein Vorteil Amerikas gegenüber Europa: Die Tiefe und hohe Liquidität der Kapitalmärkte. Ein anderer Vorteil der amerikanischen Banken gegenüber deutschen Banken dürfte der etwas schwächere Wettbewerb um Privat- und Unternehmenskunden sein, der hierzulande auch durch Sparkassen und VR-Banken hochgehalten wird.

In Amerika sind daher die Margen für die Banken höher. Ein weiterer Punkt ist der Investitionsbedarf in die Digitalisierung. Hier sind die Deutschen Banken im Hintertreffen. Dies mögen Gründe sein, warum es die Deutsche Bank nur mühsam und wenn dann nur dank ihres Kapitalmarktgeschäftes über die Gewinnschwelle schafft, während die amerikanischen Banken die höchsten Gewinne seit Jahren einstreichen.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Mussler, Hanno
Hanno Mußler
Redakteur in der Wirtschaft.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot