Technische Analyse

Konsolidierungen sind Teil der Hausse

Von Achim Matzke
24.09.2021
, 14:11
Symbol für die Hausse: der Bulle vor der Frankfurter Börse
Wie steht es um die Entwicklung der großen Indizes? S&P 500, DAX und Euro Stoxx 50 verlieren an Aufwärtsdynamik. Die Eintrübungen verfestigen sich.
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Nach 18 Monaten – seit dem Corona-Kurstief im März 2020 – mit sehr ausgeprägten Kursgewinnen an den internationalen Aktienmärkten verfestigen sich die technischen Eintrübungen. Hier finden sich die schwächeren Konjunkturerwartungen, die erhöhten Inflationsdaten und besonders die Tapering-Diskussion der US-Notenbank, die den sehr langsamen Einstieg in den Ausstieg der ultralockeren (US-)Geldpolitik vorbereitet, wieder.

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Die damit verbundene Verschlechterung der Marktbreite bei den Sektoren und bei den Standardwerten in vielen Aktienindizes si­gnalisiert, dass sich das Aufwärtsmomentum deutlich abschwächen wird. Als Konsequenz ist der S&P 500 zuletzt aus den beschleunigten Aufwärtstrends der letzten Monate zur Seite herausgelaufen, sodass mit Blick auf den Rest des Jahres das technische Kursziel von 4400 bis 4450 nicht mehr verändert werden sollte. Der Nikkei 225 hat seine mittelfristige „Flagge“ zuletzt in Richtung 30.000 bis 31.000 verlassen, jedoch sollte die mittelfristige relative Schwäche im internationalen Index-Vergleich bestehen bleiben. Im Euro Stoxx 50 deutet sich ein Verlassen des sehr steilen 18-monatigen Hausse-Trends an, sodass das Kursziel von 4200 für 2021 ebenfalls unverändert bleibt. Im Dax ist der Versuch, sich über 16.000 nach oben abzusetzen, nicht gelungen. Ohne neues technisches Kaufsignal bleibt es bei der technischen Zielzone von 15.500 bis 16.000 für den Rest des Jahres 2021.

Gesamtkursanstieg von +340 Prozent beim Nikkei

Der S&P 500, ein Kursindex, befindet sich seit März 2009 (Start bei 666,6) in dem aktuellen und nicht beendeten technischen Hausse-Zyklus. Aufgrund des neuen Allzeithochs bei 4545,85 (Anfang September 2021) liegt ein – auch von Aktienrückkäufen unterstützter – Gesamtkurszugewinn von 582 Prozent vor. Zusätzlich gibt es noch eine jährliche (Brutto-)Dividendenrendite von zurzeit ungefähr 1,5 Prozent. Aus mittelfristiger technischer Sicht bewegt sich der S&P 500 seit dem Corona-Zwischenbaisse-Tief bei 2192 (März 2020) in einer Hausse. Diese ist ab Juni 2020 (Ausgang bei 2951) in einen mittelfristigen Aufwärtstrend hineingelaufen, der jetzt bei 4000 Punkten liegt und leicht unterhalb der steigenden 200-Tage-Linie (zurzeit bei 4115) verläuft. Seit November 2020 (Start bei 3600) hatte sich ein weiterer – parallel nach oben verschobener – Aufwärtstrend (Aufwärtstrendlinie bei 4400) herausgebildet, der den Index auf neue Allzeithochs, aber auch in eine mittelfristig deutlich überkaufte Lage geführt hat.

Aufgrund der Eintrübungen bei der Marktbreite von vielen US-Standardwerten (mit einem Schwerpunkt bei konjunktursensitiven Aktien) überrascht es nicht, dass der S&P 500 diesen Aufwärtstrend zur Seite verlassen hat. Damit stehen die technischen Anzeichen an der Wall Street auf Konsolidierung unterhalb der Widerstandszone im Bereich um 4540 bis 4550. Da der Abbau der mittelfristig überkauften Lage einige Wochen in Anspruch nehmen sollte, fehlen jetzt die überzeugenden technischen Argumente, um die technische Kurszielzone von 4400 bis 4450 für 2021 mit Blick auf den Rest des Jahres noch anzupassen.

Infografik S&P 500: Geringere Aufwärtsdynamik
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Der japanische Nikkei 225 (ein Kursindex) startete seinen Hausse-Zyklus im Oktober 2008 bei 6995. Mit dem Jahreshoch bei 30.795 (September 2021) ist hier bisher ein Gesamtkursanstieg von +340 Prozent entstanden. Aus mittelfristiger technischer Sicht steckte der Index – nach Aufwärtsrally zum Jahresanfang bis auf 30.714 – viele Monate in einer Seitwärts-/ Abwärtskonsolidierung („Flaggen-Konsolidierung“). Zuletzt war der Index – mit der Fantasie auf neue wirtschaftliche Impulse nach der Parlamentswahl Ende November 2021 – mit einen Kaufsignal aus der Flagge nach oben losgelaufen, jedoch konnte der Nikkei 225 auch hierdurch nicht die mittelfristige, relative Schwäche im Indexvergleich im Jahr 2021 aufarbeiten. Als Konsequenz sollte es nicht überraschen, wenn der Index in den kommenden Wochen unterhalb der Widerstandszone von 30.500 bis 31.000 in einer neuen Seitwärtsbewegung beziehungsweise Konsolidierung festhängen wird.

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Ein „mentaler Sicherungsstopp“ für den Dax bei 14.750

Der Euro Stoxx 50, ein Kursindex, hat in seinem – nicht beendeten – Hausse-Zyklus seit März 2009 (Start: 1765,5) bisher „nur“ einen Kursanstieg bis auf 4252,8 (September 2021) und damit einen Zugewinn von +141 Prozent erreicht. Dieser Hausse-Zyklus wird weiterhin durch seinen zentralen Hausse-Zyklustrend (jetzt bei 2800) begrenzt. Seit dem Zwischenhoch um 3836 (im Jahr 2015) etablierte sich eine sechsjährige Seitwärtspendelbewegung (Widerstandszone 3836 bis 3867), sodass der Hausse-Zyklus eine mehrjährige Pause durchlief. Ausgehend vom Corona-Baissetief bei 2302 (März 2020), haben sich zwei technische Tendenzen ergeben.

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Zunächst etablierte der Index einen neuen, mittelfristigen, von hoher Aufwärtsdynamik geprägten Hausse-Trend, wobei dessen Hausse-Trendlinie zuletzt bei ungefähr 4130 lag. Zweitens konnte der Index die sechsjährige Seitwärtspendelbewegung mithilfe dieses Hausse-Trends und neuen Kaufsignalen im März 2021 nach oben verlassen und damit den Hausse-Zyklus wieder aufnehmen. Hierbei deutete sich als technisches Etappenziel der Bereich um 4200 für 2021 an. Nach den sehr ausgeprägten Kursgewinnen in den letzten Monaten sorgen jetzt die überkaufte Lage und die Eintrübung der Marktbreite für ein Verlassen des steilen mittelfristigen Aufwärtstrends. Damit steht auch beim Euro Stoxx 50 eine Konsolidierung unterhalb der neuen Widerstandszone von 4240 bis 4250 auf der technischen Tagesordnung. Eine Veränderung des technischen Kurszieles für 2021 ist deshalb aktuell nicht sinnvoll.

Der Dax, ein Performance-Index, bei dem die (Brutto-)Dividendenzahlungen der einzelnen Indexmitglieder anteilig in (Index-)Kurszuwächse umgerechnet werden, startete seinen Hausse-Zyklus im März 2009 bei 3589. Aufgrund des letzten Allzeithochs von 16.030,3 (August 2021) liegt damit in dem Hausse-Zyklus bisher ein Gesamtanstieg von +347 Prozent vor. Der Index hatte im Zuge der „Post-Corona-Hausse“ die gestaffelte, seit 2017 vorliegende Widerstandszone (13.600 bis 13.800) zum Jahresanfang 2021 mit einem übergeordneten Kaufsignal überwunden und eine weitere Klettertour etabliert, die eine technische Etappenzielzone von 15.500 bis 16.000 andeutete. Seit Mai 2021 war diese Klettertour in einen moderaten Aufwärtstrendkanal gemündet, wobei zuletzt mehrere Versuche, sich über 16.000 festzusetzen, nicht gelangen.

Als Konsequenz ist der Dax in eine Handelsspanne mit der Widerstandszone um 16.000 und der Unterstützungszone von 14.800 bis 15.000 hineingelaufen. Dort ist auch die steigende 200-Tage-Linie (jetzt bei 14.940) angekommen. Die technische Gesamtlage deutet an, dass der Dax zunächst in dieser Handelsspanne verbleiben sollte. Dies bedeutet, dass mit Blick auf den Rest des Jahres 2021 das technische Kursziel für 2021 nur noch angehoben wird, wenn der Index mit einem neuen (Investment-)Kaufsi­gnal nachhaltig über die Widerstandszone um 16.000 hinausläuft. Andererseits sollte ein „mentaler Sicherungsstopp“ bei 14.750 gesetzt werden. Denn fällt der Dax aus dieser Handelsspanne nach unten heraus, steht eine technische Korrektur auf der Tagesordnung, und die moderate relative Schwäche des Dax im internationalen Indexvergleich sollte sich noch verfestigen.

Der Autor leitet den Bereich Technische Analyse und Index Research der Commerzbank.

Quelle: F.A.Z.
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