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Wertpapierhandel

„Finanzmärkte unterschätzen Klimarisiken“

Von Markus Frühauf
 - 14:02
Eine Ölplattform im Gandsfjord bei Stavanger (Norwegen): Auch die Ölbranche wird betroffen sein.

Der Klimawandel wird immer mehr zu einem Risiko der Finanzmärkte. Die von den Vereinten Nationen unterstützte Investoreninitiative Principles for Responsible Investment (PRI) erwartet durch verstärkt politische Maßnahmen zum Klimaschutz Bewertungsabschläge im MSCI-Weltaktienindex (MSCI All Countries World Index) bis zum Jahr 2025 von 3,1 bis 4,5 Prozent. Das entspreche einem Volumen von 1,6 Billionen bis 2,3 Billionen Dollar.

Die PRI-Initiative ist die größte Interessenvertretung für professionelle Investoren im Bereich nachhaltiger Anlagen. Ihr sind 2700 Finanzdienstleister angeschlossen, die insgesamt 90 Billionen Dollar an Vermögen verwalten. Erst am Donnerstagabend haben sich der EU-Ministerrat, die Kommission und das Europäische Parlament auf einen gemeinsamen Kriterienkatalog für nachhaltige Anlagen geeinigt. Auch wenn die strittige Frage um die Atomkraft ausgeklammert wurde, wissen nun Banken, Versicherer und Fondsgesellschaften endgültig, dass Investitionen in Kohle in Zukunft mit einem regulatorischen Makel behaftet sind, wie die F.A.Z. in ihrer Samstagsausgabe berichtet hatte.

Große Herausforderungen

Noch mehr aufsichtsrechtliche Vorgaben zum Klimaschutz werden in der PRI-Studie angesichts der bislang mäßigen Erfolge im Klimawandel kurz- und mittelfristig angenommen. Diese würden in die Märkte eingreifen. Auf die damit verbundenen einschneidenden Veränderungen sei die Finanzwirtschaft bislang nicht vorbereitet. „Unsere Analyse verdeutlicht, inwieweit die Märkte das Risiko des Klimawandels unterbewerten“, sagt die PRI-Vorstandsvorsitzende Fiona Reynolds. Jedes fünfte der wertvollsten Unternehmen in der Welt ist ihren Angaben zufolge von Bewertungsveränderungen in Höhe von mindestens 10 Prozent in beide Richtungen betroffen. Vor den größten Herausforderungen stünden Energie, Automobilbau, Versorgung, Mineralien und Agrarwirtschaft.

In ihrer Auswirkungsstudie nimmt die Investoreninitiative der Vereinten Nationen ein Verbot von Verbrennungsmotoren bis zum Jahr 2035 an, was zu einem Nachfragerückgang nach fossilen Brennstoffen führen und sich auf Preise sowie Margen auswirken werde. Die CO2-Bepreisung und höhere Kosten würden emissionsintensive Unternehmen belasten. Die Umstellung der Stromerzeugung auf kohlenstoffarme Energieerzeugung werde den Versorgungssektor durcheinanderwirbeln. Ähnlich sieht es für die Automobilindustrie aus.

Es gibt aber auch Gewinner im Klimawandel. Dazu können Automobilhersteller zählen, die sehr stark in Elektrofahrzeuge investieren. Die Unternehmen mit den höchsten Investitionen könnten ihren Wert um 108 Prozent steigern, erwarten die Verfasser der Studie. Vielversprechend sind auch die Aussichten für Energieversorger mit einer zukunftsfähigen Strategie für erneuerbare Energien. Sie könnten ihre Bewertung verdoppeln, während die Kurse der Nachzügler um zwei Drittel fallen könnten.

Nach der PRI-Studie dürften die 100 am negativsten betroffenen Unternehmen aus dem MSCI-Index 43 Prozent ihres aktuellen Börsenwertes einbüßen, was Kursverlusten von 1,4 Billionen Dollar entspricht. Die 100 am stärksten profitierenden Unternehmen könnten um ein Drittel zulegen. Das wären Kursgewinne von 0,7 Billionen Dollar. Zu den Verlierern zählt die PRI-Studie die größten, börsennotierten Kohleunternehmen mit Wertverlusten von 44 Prozent. Die Kurse der zehn größten Unternehmen aus dem Öl- und Gassektor würden um 31 Prozent fallen. Auf der Verliererseite dürften auch Rindfleischproduzenten oder Gesellschaften stehen, die in der Abholzung von Wäldern tätig sind. Dagegen sieht PRI Agrarunternehmen auf der Gewinnerseite, wenn sie einen hohen Anteil an nachhaltigen Biokraftstoffen aufweisen oder nicht mit Rindfleisch verbundene Proteinquellen herstellen.

Verkaufsverbote für Benziner

Gerade in Deutschland stehen die Automobilhersteller VW, Daimler und BMW derzeit unter großem Druck, den Übergang in den E-Antrieb erfolgreich zu gestalten. Der PRI-Studie zufolge wird der Absatz von Fahrzeugen mit Verbrennungsmotoren rapide zurückgehen und im Jahr 2050 vollständig wegfallen. Dagegen dürften elektrische Fahrzeuge bis zum Jahr 2040 fast 70 Prozent aller Personenkraftwagen (Pkw) ausmachen. Diese Entwicklung werde getrieben durch das Verkaufsverbot für Verbrennungsmotoren bis zum Jahr 2035 in Westeuropa und China sowie bis zum Jahr 2040 in den Vereinigten Staaten, Japan und anderen Regionen.

Nur 2 Prozent der PRI-Charta hätten sich bislang mit den Herausforderungen aus den unvermeidlichen politischen Maßnahmen auseinandergesetzt, darunter einige der größten Anleger der Welt. Die PRI-Vorstandsvorsitzende Reynolds rät deshalb zu einem raschen Handeln. Investoren müssten sich jetzt auf den regulatorisch bedingten Wandel an den Märkten einstellen, um signifikante Branchenrisiken zu minimieren und von braunen zu grünen Anlagen zu wechseln.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Frühauf, Markus
Markus Frühauf
Redakteur in der Wirtschaft.
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