Zinserhöhungen

Notenbanken ziehen nach

Von Martin Hock, Philip Plickert, Johannes Ritter, Patrick Welter
22.09.2022
, 20:19
Hektische Betriebsamkeit auf dem Börsenparkett in Chicago nach der Entscheidung der amerikanischen Notenbank.
Nach der amerikanischen Fed haben auch die Schweiz und die Bank of England die Zinsen erhöht. In Japan sieht man dazu keinen Anlass.
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Die abermalige Erhöhung der Leitzinsen um 0,75 Prozentpunkte durch die amerikanische Notenbank hat dem Auftrieb des Dollars weitere Kraft verliehen. Der Dollar-Index, der den Kurs zu wichtigen Währungen widerspiegelt, stieg am Donnerstag bis auf 111,79 Punkte und damit auf den höchsten Stand seit 20 Jahren. Anfang des Jahres 2002 hatte der Index bei mehr als 120 Punkten gelegen. Dies war der bisher letzte Höhenflug der wichtigsten Weltwährung gewesen, der 1995 begonnen und 2002 geendet hatte. Seinen höchsten Stand seit dem Zusammenbruch des Systems fester Wechselkurse von Bretton Woods in den Siebzigern hatte der Dollar Mitte der Achtziger Jahre bei mehr als 165 Punkten verzeichnet.

Im Gegenzug wertete der Euro bis auf 0,981 Dollar ab, dies war der niedrigste Stand seit Oktober 2002. „Was sonst als den Dollar kann man derzeit kaufen“, fragte rhetorisch Sally Auld, Chef-Anlegerin des Vermögensverwalters JB Were. „Die Fed wird ihre Zinserhöhungen auf absehbare Zeit nicht beenden.“ Dies hatte die Notenbank am Vorabend deutlich gemacht. Andere Börsianer verwiesen zusätzlich auf die Attraktivität des Dollars als „sicheren Anlagehafen“ vor dem Hintergrund der drohenden Rezession in Europa, der schwächelnden chinesischen Wirtschaft und des anhaltenden Ukrainekriegs. Der Dollar sei das einzige Spiel in der Stadt, heißt es auch von TD Securities. Der deutsche Aktienmarkt eröffnete am Donnerstag wie erwartet mit deutlichen Abschlägen.

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Auch die Schweiz erhöht

In der Schweiz endet nach fast acht Jahren die Zeit der Negativzinsen. Die Schweizerische Nationalbank (SNB) erhöht von diesem Freitag an die Leitzinsen um 0,75 Prozentpunkte auf 0,5 Prozent. „Damit wirken wir dem erneut gestiegenen Inflationsdruck entgegen und erschweren ein Übergreifen auf bisher von der Teuerung weniger betroffene Waren und Dienstleistungen“, sagte der SNB-Präsident Thomas Jordan. „Es ist nicht auszuschließen, dass weitere Zinserhöhungen nötig sein werden, um die Preisstabilität in der mittleren Frist zu gewährleisten“, fügte Jordan hinzu.

Die Inflation in der Schweiz betrug im August 3,5 Prozent. Das ist zwar deutlich weniger als in der Eurozone, aber immer noch klar oberhalb des Zielkorridors von 0 bis 2 Prozent, der für die SNB Preisstabilität bedeutet. Bereits im Juni hatte die Nationalbank den Leitzins, der seit Anfang 2015 rekordtiefe minus 0,75 Prozent betragen hatte, um einen halben Prozentpunkt erhöht. Die SNB rechnet für das vierte Quartal 2022 jetzt mit einer Teuerung von 3,4 Prozent.

Einer der Gründe für die vergleichsweise geringe Inflation ist die Stärke der Schweizer Währung. Für einen Euro bekommt man aktuell nur noch 0,96 Franken. Der starke Franken verbilligt die Importe in die Schweiz und bremst so die Teuerung. Zudem profitiert die Schweiz davon, dass sich ein großer Teil des Stroms aus der heimischen Wasser- und Atomkraft speist.

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Die britische Notenbank hat unterdessen am Donnerstag den Leitzins „nur“ um 0,5 Prozentpunkte angehoben. Am Kapitalmarkt hatten zuvor viele mit einer aggressiveren Zinserhöhung um 0,75 Punkte gerechnet, um die Inflation von derzeit rund 10 Prozent zu bekämpfen. Drei der neun Mitglieder des geldpolitischen Komitees der Bank of England (BoE) stimmten für einen größeren Zinsschritt. Die Mehrheit von fünf Mitgliedern, darunter BoE-Gouverneur Andrew Bailey und Chefvolkswirt Huw Pill, waren für den halben Prozentpunkt. Am Devisenmarkt bewegte sich das Pfund nach der Entscheidung kaum. In den Wochen zuvor hatte die britische Währung wegen Rezessionssorgen deutlich abgewertet. Die Notenbank warnte, um die Inflation unter Kontrolle zu bringen, seien „weitere, kraftvolle“ Zinsschritte in den nächsten Monaten nötig. Ihre Ökonomen sehen das Land schon ab Herbst in einer Rezession, die aber etwas schwächer ausfällt als zuvor befürchtet. Die neue Regierung von Premierministerin Liz Truss hat große Hilfspakete beschlossen, um Haushalte und Unternehmen von hohen Energiepreisen zu entlassen. Die Preisdeckel kosten den Staat jedoch Zig-Milliarden Pfund und werden mit hohen Defiziten erkauft.

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Japan interveniert

In Japan hat zum ersten Mal seit 1998 gegen die Schwäche des Yen im Devisenmarkt interveniert, nachdem die Bank von Japan am Donnerstag ihre geldpolitische Ausnahmerolle und Negativzinspolitik bestätigt hatte. Der Yen wertete nach dem geldpolitischen Entscheid weiter ab und wurde zeitweise mit 145,9 Yen je Dollar gehandelt. In weniger als einer Stunde drückten die japanischen Dollar-Käufe den Wechselkurs dann auf bis zu 140,7 Yen je Dollar. Später kostete der Dollar um 142 Yen. Zum Euro wertete der Yen um fast 4 Yen auf rund 140 Yen je Euro auf. Seit Jahresbeginn hat der Yen zum Dollar um rund 20 Prozent abgewertet.

Masato Kanda, der für die Währungspolitik zuständige Beamte im japanischen Finanzministerium, sprach von einem entschiedenen Eingriff. Über das Ausmaß der Dollar-Käufe schwieg die Regierung sich aus. Marktanalysten vermuteten, dass die Bank von Japan allein und ohne Beistand anderer großer Notenbanken in den Markt eingegriffen habe.

Nach der Zinsanhebung der Schweizerische Nationalbank ist die Bank von Japan die einzige Notenbank der Welt, die mit minus 0,1 Prozent noch an kurzfristigen Negativzinsätzen festhält und auch eine weitere Lockerung nicht ausschließt. Notenbankgouverneur Haruhiko Kuroda bestätigte vor Journalisten, dass die Zentralbank auf absehbare Zeit nicht an eine Zinserhöhung denkt. „Ich kann Ihnen versichern, dass es derzeit keine geldpolitische Straffung geben wird,“ sagte Kuroda. Die Inflationsrate in Japan hat zuletzt rund 3 Prozent erreicht.

Quelle: F.A.Z.
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