Finanzmarktbericht

Ein scharfer Kurswechsel ist unter Bernanke nicht zu erwarten

Von Claus Tigges, Washington
30.10.2005
, 19:19
Bernanke und Greenspan: Gleicher Stil, gleiche Richtung?
Die Federal Reserve wird den Leitzins in dieser Woche abermals erhöhen. Das ist fast sicher. Wahrscheinlich ist, daß Greenspans Geldpolitik in der von Bernanke fortleben wird. Der Bericht vom internationalen Finanzmarkt.

Die erste Reaktion der Börsianer war schon fast ein wenig überschwenglich: Kräftige Kursgewinne an der Wall Street und anderswo folgten am vergangenen Montag auf die Nachricht aus Washington, daß der amerikanische Präsident George Bush seinen Wirtschaftsberater Ben Bernanke als Nachfolger von Alan Greenspan an der Spitze der Federal Reserve ausgewählt hat.

Die spontane Freude der Anleger war nicht zuletzt Ausdruck der Erleichterung darüber, daß Bush jemanden ausgewählt hat, dessen Name schon seit langem als einer der aussichtsreichsten Kandidaten herumgereicht worden war, und dessen fachliche Eignung für das bedeutende Amt unbestritten ist. An den Anleihemärkten wurden die anfänglichen Kursverluste der Vermutung zugeschrieben, daß Bernanke womöglich den Kampf gegen die Inflation nicht ganz so energisch führen wird wie Greenspan.

Ruf als Hüter einer stabilen Währung verschaffen

Die Marktstrategen haben die vergangenen Tage damit zugebracht, sich etwas genauere Vorstellungen davon zu machen, was von einem Chairman Bernanke an der Spitze der Federal Reserve zu erwarten ist. Ein scharfer Kurswechsel, darin sind sich die Fed-Beobachter weitgehend einig, steht aus einer Reihe von Gründen nicht bevor. Zum einen gilt die Stoßrichtung der Geldpolitik, die angesichts des jüngsten Inflationsschubs auf die Verknappung der Liquidität gerichtet ist, als notwendig und angemessen. Zum anderen wird Bernanke zu Beginn seiner Amtszeit alles dafür tun, sich möglichst schnell einen Ruf als Hüter einer stabilen Währung zu verschaffen.

Darum dürfte Bernanke den Eindruck zu vermeiden suchen, er nehme den Kampf gegen die Inflation nicht ganz so ernst - selbst wenn er davon überzeugt sein sollte, daß die Gefahr einer weiteren Beschleunigung des Preisauftriebs geringer ist als vielfach befürchtet. Zweifel an Bernankes Entschlossenheit in diesem Zusammenhang führen Fed-Beobachter auf das Jahr 2003 zurück: Damals warnte der Ökonom, der zu dieser Zeit Mitglied des Direktoriums der Fed war, besonders laut vor den Gefahren eines dauerhaften, die Wirtschaft lähmenden Rückgangs des allgemeinen Preisniveaus, einer sogenannten Deflation. „Das Gerede von der Deflation war angesichts der Verfassung der amerikanischen Wirtschaft überzogen“, sagt Ian Shepherdson, Amerika-Volkswirt der unabhängigen Analysegesellschaft High Frequency Economics. In den Augen all jener Investoren, die davon verunsichert worden seien, müsse sich Bernanke seine Sporen erst verdienen.

Größere Transparenz in der Geldpolitik

Als sicher unter den Fed-Beobachtern gilt, daß der neue Chairman, auf seinen akademischen Arbeiten aufbauend, weitere Schritte zu einer größeren Transparenz in der Geldpolitik unternehmen wird. Über kurz oder lang, so sagt neben Shepherdson auch der Chefvolkswirt der Ratinggesellschaft Standard & Poor's, David Wyss, werde die Fed weitere Elemente eines direkten Inflationsziels übernehmen. Bernanke plädiert seit langem dafür, die Notenbank solle eine numerische Definition dessen vorgeben, welche Inflationsrate sie mittelfristig für wünschenswert hält. Er hat einen Anstieg der Kerninflationsrate, sie ist um schwankungsanfällige Energie- und Lebensmittelpreise bereinigt, von 1 bis 2 Prozent als erstrebenswert bezeichnet. Wyss rechnet damit, daß Bernanke die Fed behutsam in diese Richtung steuern wird und zunächst keinen Grund haben wird, den Leitzins weiter anzuheben: „Greenspan wird den Leitzins bis zum Wechsel auf ein ,neutrales Niveau' schleusen, so daß der neue Chairman erst einmal nichts ändern muß, solange sich an den Aussichten für die amerikanische Wirtschaft nichts ändert.“

Dieser Wechsel, so Bernanke vom Senat bestätigt wird, steht in der Tat noch einige Monate in der Ferne. Bis dahin wird Greenspan noch drei Sitzungen des geldpolitischen Rates der Fed leiten, die erste davon schon an diesem Dienstag. An den Märkten gilt es als ausgemacht, daß die Fed den Zielzinssatz für Tagesgeld, mit dessen Hilfe sie das Zinsniveau auf dem Geldmarkt steuert, abermals um einen Viertelprozentpunkt auf dann 4 Prozent anheben wird. Es wird die zwölfte Zinserhöhung in Folge seit Sommer 2004 sein. Die amerikanische Wirtschaft, das haben die Wachstumszahlen für das dritte Quartal gezeigt, hat dem Wirbelsturm „Katrina“ widerstanden. Darum haben sich die Anleger darauf eingestellt, daß die Straffung der Geldpolitik auch auf dem Treffen im Dezember und in der letzten Sitzung unter Greenspans Führung am 31. Januar fortgesetzt wird. Die Fed hat beschlossen, das ursprünglich auf zwei Tage angesetzte Treffen zu verkürzen, damit es nicht von zwei unterschiedlichen Chairmen geleitet werden muß: Der 31. Januar 2006 wird Greenspans letzter Arbeitstag sein.

Quelle: F.A.Z., 31.10.2005, Nr. 253 / Seite 26
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