Finanzmarktbericht

Ernüchterung nach dem IWF- und Weltbank-Treffen

Von Bettina Schulz, London
03.10.2004
, 19:06
Die Zentralbankchefs Trichet und Greenspan in Washington
Der hohe Ölpreis und die politische Unsicherheit lähmen die Investoren. Die internationalen Gipfeltreffen können daran kaum etwas ändern. Der Bericht vom internationalen Finanzmarkt
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Die Finanzmärkte werden sich nicht täuschen lassen. Zwar gab es auf der IWF- und Weltbank-Tagung eingehende Erklärungen zum Weltwirtschaftswachstum, zu Chinas Wechselkursanbindung an den Dollar und zum Ölpreis. Aber die Politiker und Notenbanker der G-7-Länder zeigten auch, wie wenig sie kurzfristig ausrichten können, wenn politische Unsicherheiten, Krieg, Angst vor Reformen und ein drastisch gestiegener Ölpreis die Weltwirtschaft belasten.

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Aber viel hatten sich die Märkte ohnehin nicht von dem Washingtoner Treffen versprochen: Die Chinesen mögen sich zwar höflich angehört haben, daß es eigentlich opportun wäre, die künstliche Abwertung des Yuan gegenüber dem Dollar aufzugeben.

Aber sie wissen, daß der Appell des amerikanischen Finanzministers kurz vor der Wahl auch die amerikanischen Produzenten beruhigen soll, die sich über den massiven Handelsbilanzüberschuß der Chinesen mit Amerika grämen. Und so äußerten sich die Chinesen auch dieses Mal nicht zu einem Zeitplan, wann denn China daran denke, die Wechselkursbindung abzuschaffen.

Überhitzung auch durch Überkapazitäten

"Solange nicht klar ist, daß China wirtschaftlich eine sanfte Landung schafft, hat es für die Chinesen gar keinen Sinn, die Wechselkursbindung, von der sie seit zehn Jahren profitieren, aufzugeben", heißt es in der Londoner City, zum Beispiel bei der Barclays Bank. Zudem liegt die Überhitzung der chinesischen Konjunktur auch an zu hohen Investitionen und Überkapazitäten.

Eine Aufwertung des Yuan würde den Import von ausländischen Investitionsgütern beschleunigen. "China wird sich frühestens in der zweiten Hälfte des nächsten Jahres von der Wechselkursfixierung trennen", erwartet daher Barclays Capital.

Forderung nach höherer Ölförderung müßig

Auch die Aufforderung der G-7-Länder, die ölproduzierenden Länder sollten ausreichende Fördermengen bereitstellen, so daß der Ölpreis nachgebe, ist müßig, da mit Ausnahme Saudi-Arabiens ohnehin fast alle produzierenden Länder ihre Kapazitäten voll ausgeschöpft haben.

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Da lenkt der Fingerzeig mancher Politiker, auch Spekulationen seien an dem hohen Ölpreis schuld, nur von dem wirklichen Dilemma ab: Es gibt zuwenig freie Kapazitäten in der Ölproduktion, die angesichts der politischen Unruhen in vielen Ländern und der Angst der Marktteilnehmer vor Produktionsausfällen die Gemüter beruhigen könnten, auch wenn die derzeitige Nachfrage gedeckt wird.

Anders ausgedrückt: "Es mag genug Essen auf dem Tisch stehen; wenn aber der Eisschrank möglicherweise leer ist und der Supermarkt schließt, dann rechtfertigt das trotzdem hohe Preise", veranschaulicht Barclays Capital.

Geringer Einfluß der Spekultion

Den Ölpreis, der vergangene Woche zeitweilig gar über die Marke von 50 Dollar je Barrel (159 Liter) kletterte, mit Spekulationen zu entschuldigen sei verfehlt, warnt Barclays Capital. Im Gegenteil: Seit Anfang des Jahres hätten die Spekulationen sogar deutlich nachgelassen, und der Ölpreis sei trotzdem gestiegen.

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Ein Blick auf die spekulativen Futures-Positionen am Rohstoffmarkt Nymex zeigen in der Tat, daß diese Positionen bei Crude Oil derzeit nur etwa 3 Prozent des gesamten Marktvolumens ausmachen. Das ist verschwindend gering gegenüber spekulativen Futures-Positionen an den Märkten für Platin, Silber, Gold und Kupfer, wo diese Positionen 20 bis 40 Prozent ausmachen.

Unsicherheit bei Großinvestoren hält an

Die Welt wird womöglich noch einige Zeit mit einem hohen Ölpreis leben müssen. Immer mehr Analysten setzen ihre Prognosen für den Ölpreis für kommendes Jahr in die Höhe mit entsprechend vorsichtigeren Einschätzungen des Weltwirtschaftswachstums.

Sicherlich mag das Wirtschaftswachstum der Vereinigten Staaten im zweiten Quartal von 2,8 auf 3,3 Prozent heraufgesetzt worden sein. Aber insgesamt hält die Unsicherheit bei Großinvestoren darüber an, wie sich die Weltwirtschaft und vor allem die bisher enttäuschende Entwicklung an den Aktienmärkten weiterentwickeln wird.

Unveränderte Zinsen in Europa erwartet

In Europa ist das Wirtschaftswachstum so schleppend, daß Thomas Mayer, europäischer Chefvolkswirt der Deutschen Bank, erwartet, die Europäische Zentralbank werde ihre optimistische Einschätzung bis Dezember noch korrigieren.

In Großbritannien haben die letzten Zinserhöhungen der Bank von England unterdessen Wirkung gezeigt, und Notenbankmitglied Kate Barker deutete vergangene Woche sogar an, daß der Zinsgipfel erreicht sein könnte. Die Märkte erwarten, daß beide Notenbanken auf ihren Sitzungen in dieser Woche die Zinsen unverändert belassen.

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Krieg, politische Unsicherheit, ein hoher Ölpreis

Derweil raufen sich die Großinvestoren, die auf einem Haufen Liquidität sitzen, die Haare, wie sie sich positionieren sollen, um - wenn schon nicht in diesem Jahr, so doch wenigsten im nächsten Jahr - mit einer zündenden Idee ihre Performance zu steigern. Bisher sieht es mager aus. "Dieses Jahr war ein schlechtes Jahr für aktives Investment", resümiert JP Morgan.

Die Frage ist, wie lange das noch anhält. Auch am Ende des dritten Quartals sind die globalen Märkte geprägt von extrem niedrigen Volatilitäten und einer engen Korrelation zueinander. Es sind weniger die eigenen, zyklischen Determinanten, die zählen, sondern es dominieren an den meisten Märkten die gleichen globalen Faktoren wie Krieg, politische Unsicherheit und ein hoher Ölpreis.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.10.2004, Nr. 231 / Seite 24
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