Finanzskandale (1): Charles Ponzi

Internationale Antwortscheine als heißes Spekulationsobjekt

Von Gerald Braunberger
23.01.2009
, 07:06
Charles Ponzi
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Charles Ponzi (1882 bis 1949) gilt als einer der Pioniere der Schneeballsysteme. Als Spekulationsobjekt dienten ihm internationale Antwortscheine der Post. Seinen abenteuerlichen Renditeversprechen vertrauten viele amerikanische Anleger, ohne das völlig abwegige Geschäftsmodell des gebürtigen Italieners zu hinterfragen.
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Die internationalen Antwortscheine sind eine nützliche Erfindung. Sie ermöglichen dem Empfänger eines Briefes, eine Rückantwort zu schicken, ohne selbst das Porto bezahlen zu müssen. Denn mit Hilfe des internationalen Antwortscheins zahlt der Absender des Briefes das Porto für die Antwort des Empfängers. Üblicherweise reicht das Porto, das der Antwortschein verbrieft, für einen einfachen Luftpostbrief.

So nützlich internationale Antwortscheine im Postverkehr sind, so untauglich erscheinen sie als Objekt für kurzfristig erfolgreiche Kapitalanlagen. Doch genau mit dieser Masche zog vor knapp 90 Jahren einer der berühmtesten und erfolgreichsten Anlagebetrüger aller Zeiten ebenso gierigen wie offensichtlich benebelten Anlegern das Geld aus den Taschen.

Blaupause des Schneeballsystems

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Charles Ponzi (1882 bis 1949) gilt als der erste große Meister des Schneeballsystems, das bis heute als Blaupause für Anlagebetrügereien dient, wie die aktuelle Affäre Madoff zeigt. Der Name Ponzi ist in der englischsprachigen Welt so bekannt, dass man Schneeballsysteme dort als „Ponzi scheme“ (“Ponzi-Trick“) bezeichnet.

Der aus Parma stammende Charles Ponzi besaß eine kriminelle Ader. Im Jahre 1903 wanderte er bitterarm in die Vereinigten Staaten ein, wo er in einem Restaurant als Kellner arbeitete und nebenher die Buchhaltung fälschte. Anschließend wandte er sich nach Kanada, wo er als Angestellter einer Bank miterlebte, wie sein Chef Kunden mit hohen Zinsen anlockte. Die Zinsen bezahlte sein Chef aus den Einlagen neuer Kunden - ein klassisches Schneeballsystem, das Ponzi als Vorbild für seine späteren Betrügereien gedient haben mag.

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In den darauf folgenden Jahren verbrachte er wegen Scheckbetrugs und Menschenhandels längere Zeit in Gefängnissen. Nach dem Ersten Weltkrieg beschloss Ponzi, ein ganz großes Geschäft aufzuziehen.

Zweifel von Anfang an

Auf die Idee brachte ihn ein Brief aus Spanien, der mit einem internationalen Antwortschein versehen war. Wegen der Abwertung der europäischen Währungen gegenüber dem Dollar nach dem Krieg konnten Amerikaner günstig in Europa Antwortscheine kaufen, wie Ponzi erklärte: „Der Antwortschein kostete mich in Spanien umgerechnet einen Cent, aber ich konnte ihn hier in Amerika gegen Briefmarken im Wert von 6 Cent tauschen. Dann studierte ich weitere Wechselkurse in Europa. Ich begann das Geschäft in kleinen Mengen. Es funktionierte. Im ersten Monat wurden aus 1000 Dollar Einsatz 15 000 Dollar. Dann beteiligte ich meine Freunde.“ Dieses Grundprinzip baute Ponzi zu einem riesigen Schneeballsystem aus.

Ende 1919 gründete Ponzi in Boston die Securities Exchange Company, die er bei der örtlichen Handelskammer eintragen ließ. Obgleich ein Postinspektor gegenüber dem Geschäftsmodell erhebliche Zweifel anmeldete, weil es aus gesetzlichen Gründen nicht möglich war, viele ausländische Antwortscheine in Amerika gegen Briefmarken oder Geld einzutauschen, um damit einen großen Handel aufzuziehen, konnte Ponzi loslegen.

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100 Prozent in 90 Tagen

Potentiellen Anlegern erzählte er eine tolle Geschichte: Mit dem Handel internationaler Antwortscheine vermöge er einen Profit von 400 Prozent zu erzielen, den er bereit wäre mit Kapitalgebern zu teilen. Wer bei ihm Geld anlege, könne innerhalb von 45 Tagen einen Gewinn von 50 Prozent machen oder sein Kapital in 90 Tagen verdoppeln.

Angesichts solch abenteuerlicher Versprechungen hätten Anleger bei wachem Verstand misstrauisch werden müssen. Auch hätte eine simple Anfrage bei der Post genügt, um herauszufinden, dass es auf der ganzen Welt nicht annähernd genügend Antwortscheine für einen florierenden Handel gab. Aber von der märchenhaften Rendite gelockt, warfen Anleger Ponzi ihr Geld hinterher.

Der Wundermann mit Geheimnnissen

Und sie taten es, weil Ponzi sein Geschäft nicht verbarg, sondern aggressive Werbung betrieb. Sein Erfolg war für jedermann sichtbar: Hatte Ponzi sein Unternehmen anfangs allein betrieben, musste er nach einigen Monaten bereits 30 Mitarbeiter beschäftigen, mit denen er jetzt in einem stattlichen Haus in bester Lage residierte.

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In weiten Teilen der Öffentlichkeit galt Ponzi als ein Wundermann, auch wenn einige kritische Geister die Frage aufwarfen, wie Ponzi derart hohe Renditen ohne jedes Risiko versprechen konnte. Manche Investoren wunderten sich durchaus, dass Ponzi in der Lage war, große Mengen an internationalen Antwortscheinen in Geld umzutauschen, doch vermochte es der gebürtige Italiener, diese Kunden ruhigzustellen, indem er einen Mantel des Geheimnisses um sein Geschäft hüllte: „Wie ich die Antwortscheine zu Geld mache, ist mein Geheimnis. Das werde ich nicht verraten.“

Die Masche der Selbststilisierung

Es gehört zu den interessantesten psychologischen Aspekten von Schneeballsystemen, dass die Selbststilisierung der Betrüger zu Trägern von Geheimnissen die Anleger nicht misstrauisch stimmt, sondern im Gegenteil das Interesse an ihnen noch verstärkt. Die Masche funktionierte immer wieder: Jahrzehnte später erzählten die Macher des European Kings Club ihren verblendeten Geldgebern von einem angeblich ungemein lukrativen Handel mit Bankgarantien.

Einem neugierigen Anleger mit etwas Fachwissen wäre es leichtgefallen, dieses angebliche Geschäftsmodell als Humbug zu entlarven; stattdessen erfreuten sich die Macher des Clubs seitens ihrer Anhänger einer geradezu pseudoreligiösen Verehrung.

So lief es schon früher: Ponzi erzählte zwar jedermann, dass er mit internationalen Antwortscheinen handelte, doch verteilte er in Wirklichkeit wie bei jedem Schneeballsystem einfach nur Geld um: Seine ersten Kunden hielt er bei der Stange, indem er ihnen die versprochenen Renditen auszahlte. Das Geld hierfür nahm er von seinen Neukunden. Im Juni 1920 erhielt Ponzi jede Woche rund eine Million Dollar anvertraut - ein für die damalige Zeit gewaltiger Betrag. Einige Kunden nahmen sogar Kredite auf ihre Häuser auf, um an der wundersamen Geldvermehrung zu partizipieren.

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Schnelle Schmelze

Seine Geschäfte wickelte Ponzi unter anderem über eine kleine Bank namens Hanover Trust Company ab, an der er sich überdies mit 38 Prozent beteiligte. Die Manager der Bank konnten später nicht behaupten, sie hätten über die Natur der Geschäfte Ponzis nicht Bescheid gewusst. Aus den Kontobewegungen konnten sie klar erkennen, dass Ponzi nicht mit internationalen Antwortscheinen handelte, sondern einfach Geld zwischen Kunden umverteilte - und auch einiges für sich behielt.

Ein Schneeballsystem fällt immer dann in sich zusammen, wenn der Strom der Leichtgläubigen versiegt, die dem Initiator des Betrugs Vertrauen schenken. Mangels Zustrom neuer Gelder kann dieses System dann sehr schnell zusammenbrechen. So war es auch bei Ponzi: Als der einem Kunden die Auszahlung verweigerte, sprach sich dies schnell herum. Die ersten Forderungen nach Rückzahlung konnte Ponzi befriedigen, doch dann nahmen sich schließlich die Behörden seiner Geschäfte an.

„Bolschewistischer Agent“

Sie fanden heraus, dass Ponzi von etwa 40.000 Kunden insgesamt fast 10 Millionen Dollar anvertraut wurden. Davon wurden 4,3 Millionen Dollar nicht zurückgezahlt. Die „New York Times“ berichtete von „einem Aufruhr ähnlichen Zuständen vor den Büros der Securities Exchange Company, wo mehrere Männer durch Glasscherben verletzt wurden, als sie durch die Tür brechen wollten“.

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Die daraufhin alarmierte Polizei brauchte einige Zeit, um die Eindringlinge aus Ponzis Büros zu werfen. Doch das Spiel war aus - am 12. August 1920 wurde der dreiste Geschäftemacher verhaftet. Kurz nach dem Zusammenbruch des Schneeballsystems kollabierte auch die Hanover Trust Company. Ponzi, in dem geprellte Anleger einen „bolschewistischen Agenten“ vermuteten, wurde zu mehreren Jahren Gefängnis verurteilt.

Immobilien unter Wasser

Doch damit war Ponzis kriminelle Karriere noch nicht beendet. Nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis wandte er sich nach Florida, wo er unter falschem Namen ein neues Schneeballsystem zu organisieren begann, das dieses Mal auf Immobiliengeschäften beruhen sollte. Er versprach Anlegern eine wundersame Geldvermehrung von 10 Dollar auf 5,3 Millionen Dollar in zwei Jahren; dummerweise stand das Gelände, auf dem er angeblich Immobilien bauen wollte, zum großen Teil unter Wasser. Ponzi erhielt eine weitere Haftstrafe, gelangte aber gegen Kaution auf freien Fuß.

Nun versuchte er, die Vereinigten Staaten zu verlassen. Er bestieg ein unter italienischer Flagge fahrendes Schiff mit Destination Italien, auf dem ihn während eines Zwischenstopps in Texas ein Sheriff widerrechtlich verhaftete. Ponzi verbrachte die nächsten Jahre im Gefängnis, ehe er im Jahre 1934 von den Behörden auf ein nach Italien fahrendes Schiff gesetzt wurde. Einige Jahre arbeitete er in seinem Heimatland als Übersetzer, dann erhielt er die Leitung der brasilianischen Filiale einer italienischen Fluggesellschaft, die er bis 1942 innehatte. Ponzis letzte Jahre waren durch Armut und Krankheit gekennzeichnet. Er starb im Jahre 1949 in einem Krankenhaus in Rio de Janeiro.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Braunberger, Gerald
Gerald Braunberger
Herausgeber.
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