Finanzskandale (12): Ivar Kreuger

Der Untergang des Zündholzkönigs

Von Gerald Braunberger
10.04.2009
, 15:26
Ivar Kreuger in seinem Büro
Ivar Kreuger war einer der berühmtesten Finanziers und Industriellen der Zwischenkriegszeit. Sein Imperium, das eine Zeit lang drei Viertel des Weltmarkts für Streichhölzer kontrollierte, war auf Schulden gebaut und kollabierte schließlich.
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Am Samstag, dem 12. März 1932, schritt André Kostolany bewegt über die Champs-Elysées. Die Franzosen hatten sich in großer Zahl auf der Prachtallee versammelt, um Abschied von ihrem verstorbenen Staatspräsidenten Aristide Briand zu nehmen. Kostolany, der schon damals eher ein praktischer denn ein sentimentaler Mensch war, nutzte die Gelegenheit, um bei seinem auf den Champs-Elysées gelegenen Börsenmakler vorbeizuschauen. Denn zu jener Zeit wurde samstags an der Börse gehandelt, wenn auch nur zwei Stunden lang.

Kostolany war erstaunt, denn der Handel verlief allgemein sehr träge, nur in einem Wert fanden außerordentlich hohe Umsätze statt: in der Aktie des berühmten schwedischen Finanziers und Streichholzfabrikanten Ivar Kreuger (1880 bis 1932), der Kreuger & Toll-Aktie. Doch was noch erstaunlicher war: Trotz der hohen Umsätze veränderte sich der Kurs nicht. Kostolany war schon damals Profi genug, um zu erkennen, was hier geschah. Offenbar bemühten sich Banken im Auftrag Kreugers, den Aktienkurs trotz der Verkaufswelle nicht unter einen bestimmten Betrag fallen zu lassen. Die Stützungskäufe mussten immens teuer sein.

Tod einen halben Tag geheim gehalten

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Was weder Kostolany noch die stützenden Banken im Unterschied zu dem einen oder anderen Verkäufer wussten: Zu diesem Zeitpunkt lag Ivar Kreuger auf seinem Bett in seiner Pariser Wohnung nicht weit von den Champs-Elysées entfernt - mit einer Pistolenkugel im Herzen. Der Tod des damals weltberühmten Unternehmers wurde einen halben Tag offiziell geheim gehalten; allerdings sickerten wohl genügend Informationen an interessierte Kreise durch, die schnell noch durch die Verkäufe ihrer Aktien Kasse machen wollten.

Der Tod Kreugers und der anschließende Zusammenbruch seiner Unternehmensgruppe wurden damals zu Ereignissen, die die Schlagzeilen der Weltpresse beherrschten. Die Rede war vom „größten Schwindler der Welt“ (Time Magazine), und schon bald tauchten bis heute kursierende Verschwörungstheorien auf, wonach Kreuger entgegen den offiziellen Angaben der Pariser Polizei gar nicht Selbstmord begangen habe, sondern im Auftrage finsterer Hintermänner ermordet worden sei. Die Argumente für und gegen die jeweilige These können an dieser Stelle nicht aufgelistet und beurteilt werden. Tatsache bleibt, dass Kreuger Gründe besessen hätte, sich umzubringen, und dass auch andere Hinweise für einen Selbstmord sprechen.

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Vom Bau zum Streichholz

Ivar Kreuger wurde am 2. März 1880 im schwedischen Kalmar als Sohn eines Zündholzfabrikanten geboren. Die Familie hieß ursprünglich Kröger und war im 17. Jahrhundert aus Mecklenburg nach Schweden gekommen. Der junge Ivar zeigte schon in der Schule außerordentliche Leistungen und schloss mit gerade 20 Jahren ein Studium als Bergbauingenieur ab. Dann zog er mehrere Jahre durch die Welt, nach Amerika (wo er eine junge Frau aus dem Mississippi rettet), nach Südafrika (wo er den Bau des damals größten Hotels der Welt leitete), Indien, Mexiko und Großbritannien.

Schließlich kehrte Kreuger nach Schweden zurück und gründete dort mit seinem Freund Paul Toll das Bauunternehmen Kreuger & Toll. Im Jahre 1913 übernahm er zudem die Unternehmensgruppe seines Vaters, die auf der Herstellung von Zündhölzern beruhte, die damals ein lukrativer Wirtschaftszweig waren. Kreuger baute das Unternehmen zielstrebig aus. Zu einem weltberühmten Mann wurde er jedoch erst in seiner Eigenschaft als Finanzier.

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Tausche Weltbank gegen Streichholz

Nach dem Ersten Weltkrieg sah die Finanzwelt vereinfacht so aus: In Amerika befand sich viel Geld, während es in Europa an harter Währung mangelte, und das Banksystem tat sich schwer, die potentiellen Schuldner und Gläubiger zusammenzuführen.

Kreuger entwickelte daraufhin eine im Nachhinein betrachtet verblüffend simple Idee: Er wollte sich an die Stelle der Banken setzen und Geld in Amerika aufnehmen, das er klammen europäischen Staaten in Form von Anleihen leihen wollte. Mit diesen Geldgeschäften beabsichtigte Kreuger keinen Gewinn. Dafür strebte er etwas anderes an: Die europäischen Kreditnehmer sollten ihm in ihren Ländern ein Zündholzmonopol einräumen.

In ihrer finanziellen Not - anders wären sie kaum an dringend benötigte Dollar gekommen - stimmten viele Länder Kreugers Forderungen zu, der daraufhin drei Viertel des Weltmarkts für Streichhölzer kontrollierte. Zu den Kreditnehmern gehörte auch das Deutsche Reich, dem Kreuger eine Anleihe über 125 Millionen Dollar vermittelte. Auch nach Kreugers Zusammenbruch und dem Zweiten Weltkrieg bediente Deutschland brav über Jahrzehnte die Anleihe und respektierte gleichzeitig das Monopol. Aus diesem Grund gab es in der Bundesrepublik bis in die achtziger Jahre nur „Welt-Hölzer“.

Zuhaus in allen Palästen

Das Gesamtvolumen der von Kreuger vergebenen Kredite an Staaten betrug damals 387 Millionen Dollar, was heute einem Wert von rund 30 Milliarden Euro entspräche. Kreugers größte Schuldner waren das Deutsche Reich (125 Millionen Dollar), Frankreich (75 Millionen Dollar), Ungarn (36 Millionen Dollar) und Polen (32,4 Millionen Dollar). Kreugers größtes Geschäft kam nicht zustande: Er hatte der Sowjetunion einen Kredit über eine Milliarde Dollar angeboten und auch schon ein Bankenkonsortium zusammengestellt. Am Ende winkte Stalin ab.

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Nach außen florierte dieses Geschäftsmodell außerordentlich gut. Kreugers Unternehmensgruppe wuchs, bis sie aus etwa 400 Tochtergesellschaften bestand, die nicht nur in der Herstellung von Zündhölzern tätig waren, sondern auch im Bergbau, in der Papierfabrikation und in der Verhüttung von Metallen. Kreuger besaß auch Banken und riesige Wälder.

Vor allem seine Geschäfte als internationaler Finanzier machten ihn zu einem berühmten Mann, der im Weißen Haus ebenso ein und aus ging wie im Elysée-Palast oder in der Berliner Reichskanzlei. Der Schwede besaß eine starke Persönlichkeit, er konnte außerordentlich charmant sein und überzeugend wirken. Kreuger besaß mehrere hübsche Anwesen und wurde von den Medien verfolgt, die sich unter anderem in Spekulationen über seine jeweiligen Liebhaberinnen - Kreuger blieb zeitlebens unverheiratet, da seine große Jugendliebe früh gestorben war - ergingen.

Toxische Anleihen

Doch Kreugers Geschäftsmodell besaß ein Problem, das in der Weltwirtschaftskrise der frühen dreißiger Jahre akut wurde: Die amerikanischen Anleger waren gar nicht sehr scharf auf Anleihen europäischer Staaten, deren Bonität ihnen fragwürdig erschien. Das hatte zur Folge, dass Kreuger einen Teil der von ihm plazierten Anleihen nicht loswurde. Stattdessen plazierte er sie als Sicherheit für Kredite seiner Unternehmen bei Banken.

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Kreugers Unternehmensgruppe wurde für Außenstehende allmählich völlig undurchsichtig. Dass seinerzeit keine strengen Bilanzierungsgregeln existierten und Buchprüfung mehr oder weniger Glückssache war, trug zur Intransparenz bei.

Eine Sekretärin Kreugers schilderte einmal, wie ihr Chef an einem Nachmittag gleich drei Geschäftsberichte von Tochterunternehmen im Alleingang verfasst hatte. Insofern fiel es Kreuger leicht, innerhalb seines Konzerns Geld hin und her zu schieben oder Scheingeschäfte zu tätigen. Da der Schwede in seinem Kerngeschäft mit Zündhölzern lange hohe Renditen erzielte, schauten die Banken nicht so genau hin. Einen so großen Kunden wollten sie nicht verärgern. Kreuger selbst nannte als wichtigste Geschäftsmaxime: „Schweigen, mehr Schweigen und noch mehr Schweigen.“

„Nun auf Wiedersehen und danke“

Die Weltwirtschaftskrise traf Kreuger schwer, aber es gelang ihm einige Zeit, die Schwierigkeiten seiner Gruppe zu verbergen, indem er fällige Dividendenzahlungen aus der Substanz vornahm. Wenn das „Time Magazine“ recht haben sollte, griff er auch noch zu anderen Mitteln: So soll er eigenhändig eine Urkunde über eine italienische Staatsanleihe über 143 Millionen Dollar gefälscht haben.

Überdies zeigten sich mehrere Staaten in der Krise nicht mehr in der Lage, die von Kreuger gewährten Kredite zurückzuzahlen, während die Gläubiger des Schweden unruhig wurden. Nach einem letzten Besuch in den Vereinigten Staaten schiffte sich Kreuger Anfang März 1932 nach Frankreich ein. Dort warteten in Paris Vertreter von Banken, um mit ihm den Zustand seiner Unternehmen zu besprechen. Doch während die Bankiers auf Kreuger warteten, hinterließ der Schwede in seiner Wohnung eine - nach Ansicht der Verschwörungstheoretiker: gefälschte - Abschiedsnotiz mit den Worten „Nun auf Wiedersehen und danke. I.K.“ Kurz danach war er tot.

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Kurssturz nach Todesnachricht

Als Kreugers Ableben bekannt wurde, fielen die Aktienkurse seiner Unternehmen zusammen wie Kartenhäuser. Die Muttergesellschaft Kreuger & Toll musste wenige Wochen später Konkurs anmelden. Schließlich wurde bekannt, dass Kreuger Bilanzen gefälscht hatte. Der Gesamtschaden betrug mehr als eine Milliarde Dollar, was den Schluss nahelegt, dass in Kreugers Reich mehr schiefgegangen sein muss als die Kreditvergabe an europäische Staaten.

Dass Kreugers Untergang nicht nur Pech in schlechten Zeiten, sondern das Ergebnis von Betrügereien war, konnten viele Zeitgenossen kaum fassen. Noch fast drei Jahrzehnte später schrieb Kostolany in der „Zeit“: „Der Schock traf mich umso mehr, als ich innerlich Ivar Kreuger nicht für den Betrüger hielt, als den ihn die Weltpresse hinstellte. Der Grundgedanke seiner Geschäfte war anständig und korrekt. Er täuschte sich nur in den Ereignissen und wurde das Opfer der Umstände. Das Publikum verlor Milliarden, sicherlich, aber die Verantwortung dafür sollte nicht allein dem gesetzwidrigen Vorgehen von Kreuger zugeschrieben werden, sondern auch den politischen und finanziellen Verhältnissen in Mitteleuropa.“

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Braunberger, Gerald
Gerald Braunberger
Herausgeber.
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