Finanzskandale (13): Julius Meinl

Die Schmach der ehrwürdigen Händlerfamilie

Von Michaela Seiser
18.04.2009
, 15:25
In besseren Zeiten ließ sich gut auftrumpfen
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Der Wiener Bankier Julius Meinl der Fünfte steht unter Betrugsverdacht. Ihm droht nun ein Strafprozess. Anleger fühlen sich um Hunderte Millionen Euro geprellt.
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Julius Meinl V. zählt zu den reichsten Österreichern. Nach wie vor gibt es Menschen, die sich der Verbindung zu ihm rühmen. Das Vermögen seines Clans wird auf 2 Milliarden Euro geschätzt. Doch hat der Mann mit den auffällig hervorstechenden Augen seine besten Zeiten offensichtlich hinter sich. Vor zwei Wochen wurde der Wiener wegen Fluchtgefahr im Wiener Landesgericht inhaftiert. Meinl hat neben der österreichischen Staatsangehörigkeit auch einen britischen Pass.

Es ist der vorläufige Höhepunkt einer Affäre, die vor sieben Jahren ihren Ursprung hatte. Nur dank einer Kaution von 100 Millionen Euro wurde er zwei Tage später wieder freigelassen. Die Höhe der Sicherheit, die er zu leisten hatte, ist für österreichische Verhältnisse ein Spitzenwert. Selbst Bernard Madoff, der einen der größten Finanzskandale zu verantworten hat, musste lediglich 10 Millionen Dollar (7,6 Millionen Euro) hinterlegen, um freigelassen zu werden.

Betrug, Untreue, Gebührenschneiderei, Fluchtgefahr

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Wie Meinl so schnell das Geld flüssig machte, ist unklar. Denn auch ein Milliardär hat nicht zwangsläufig 100 Millionen Euro in bar herumliegen. Jedenfalls wurde es von einer Liechtensteiner Bank angewiesen. Damit hat der Österreicher einen gewissen Freiheitsgrad, was Anleger empört. Doch ist ein Kautionsantrag möglich, wenn als Haftgrund Fluchtgefahr besteht. Die Kautionshöhe ergibt sich bei einem großen Ermessensspielraum des Untersuchungsrichters aus den persönlichen Verhältnissen des Beschuldigten und der vorgeworfenen Straftat.

Tradition schützt vor Festnahme nicht
Tradition schützt vor Festnahme nicht Bild: dpa

Meinl, genannt der Fünfte, ist Aufsichtsratsvorsitzender der gleichnamigen Bank und muss sich nun zwischen Bregenz und Eisenstadt aufhalten. Seit Monaten ermittelt die Wiener Staatsanwaltschaft gegen ihn wegen des Verdachts von Betrug und Untreue sowie wegen des Vorwurfs überhöhter Gebühren im Zusammenhang mit der Immobiliengesellschaft Meinl European Land (MEL), nunmehr Atrium Real Estate. Anleger sehen einen Schaden von Hunderten Millionen Euro. Damit zählt diese Affäre zu den größten Finanzskandalen in Wien.

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Nimmersatt

Für einen Clan, dessen Vorfahren vor eineinhalb Jahrhunderten eines der führenden Handelsimperien der Donaumonarchie gegründet haben, könnte die Schmach nicht größer sein. Deren österreichisches Filialgeschäft im für seine hohe Qualität bekannten Lebensmittelhandel mit dem Logo eines Mohren wurde 1998 an Rewe verkauft.

Das Oberhaupt der fünften Generation dieser traditionsreichen Familie wollte nicht mehr im Delikatessenhandel seiner Altvorderen tätig sein. Vielmehr wollte der anglophile Bonvivant mit Bankgeschäften Geld scheffeln. Damit die kleine Meinl-Bank mit Sitz in der Wiener Innenstadt hohe Renditen abwerfen konnte, brauchte es neue Ertragsquellen.

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Unternehmenszweck Bankgebühren zahlen

Eine davon war MEL, mit deren Gründung das Fiasko seinen Anfang nahm. Die Gesellschaft wurde im November 2002 zu 11,10 Euro je Anteilschein zur Gänze an das Publikum emittiert. Sie domiziliert in der britischen Steueroase Jersey, wo ein laxeres Börsenrecht als in Deutschland und Österreich gilt. Ihre Zertifikate werden jedoch an der Börse Wien gehandelt. Heute kosten Atrium Real Estate weniger als 3 Euro. Nach Bekanntwerden riesiger Rückkäufe eigener Anteilscheine Ende August 2007 ist der Wert des Papiers verglichen mit seinen Höchstwerten von 21,33 Euro auf weniger als ein Fünftel zusammengeschmolzen.

Auch die vor zwei Jahren an die Börse gebrachten anderen beiden Gesellschaften MIP und MAI regen die Anleger mit deutlich unter ihren Ausgabepreisen liegenden Kursen auf. Wie bei MEL wurden Unternehmen geschaffen, deren Hauptzweck offenbar die Aufbringung möglichst hoher Gebühren für die Meinl-Bank und damit für die Familie war.

Lavieren zwischen Rechtswelten

Provisionen für Börsengeschäfte, Managementgebühren für die Verwaltung der MEL-Immobilien - sogar die Verwendung des Namens lässt sich Meinl von der MEL vergüten. Ein Notenbankprüfbericht stellt 2008 zahlreiche Organverflechtungen zwischen der Bank, der MEL, MAI und MIP sowie der Julius Meinl AG fest. Die MEL entpuppt sich als Geldmaschine und wird zur Hauptertragsquelle der Meinl-Bank, die in den zurückliegenden Jahren eine der am schnellsten wachsenden Bankengruppen in Österreich ist. Von 2003 bis 2006 erhöht sich die Bilanzsumme von 659 Millionen auf 6500 Millionen Euro. Der Überschuss verfünffacht sich von 24 auf 118 Millionen Euro.

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Dank einer geschickten Konstruktion mit einem Unternehmenssitz auf Jersey war das Lavieren zwischen zwei Rechtswelten möglich. Denn bei den von der Meinl-Bank bis Anfang 2007 plazierten MEL-Zertifikaten an der Wiener Börse handelt es sich nicht um herkömmliche Aktien, sondern um Zertifikate auf Aktien. Und diese unterliegen nicht dem strengen österreichischen Wertpapierrecht, da die MEL auf der britischen Kanalinsel residiert - offiziell zur Steuerersparnis. Doch kann sie die dort geltenden weniger strengen Publikationspflichten nutzen - bis der Skandal ausbricht.

Karibisches Karussell

Gegenüber MEL hat sich die Meinl-Bank verpflichtet, bei Kapitalerhöhungen eine Art Ausfallhaftung zu übernehmen. Wenn neu aufgelegte Papiere nicht plazierbar wären, griffe die Bank diese auf. Dieser Fall trat mehrfach ein. Denn das Interesse der Investoren hielt sich seit dem Frühjahr 2006 in Grenzen.

Für die Meinl-Bank entstand das Problem, dass sie die Papiere nicht in die eigenen Bücher nehmen konnte, weil sie damit die gesetzlichen „Großveranlagungsgrenzen“ überschritten hätte. Der Ausweg führte in die Karibik. Dort gab es eine Zweckgesellschaft namens Somal. Auf diese Weise wurde ein Finanzkarussell in Gang gesetzt: Da Somal nicht genug Kapital hatte, um den Überhang an MEL-Zertifikaten aufzukaufen, zeichnete die MEL Anleihen von Somal. Mit diesem Geld erwarb Somal MEL-Zertifikate.

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Auflösungserscheinungen

Vor zwei Jahren geriet im Zuge der beginnenden Krise mit Hypotheken niedriger Güte (Subprime) die Konstruktion außer Kontrolle. Zwischen Frühjahr und Sommer 2007 kaufte die Meinl-Bank auf MEL-Rechnung heimlich Zertifikate zu überhöhten Preisen am Markt auf. Dazu wurden Investorengelder von 1,8 Milliarden Euro herangezogen.

In diesem Frühling und Sommer 2007 brachte Meinl zwei weitere Unternehmen an die Börse nach dem Muster der MEL: Meinl Airports International (MAI) und Meinl International Power (MIP). Mit beiden wird versucht, das Geschäftsmodell MEL zu kopieren. Das Vorhaben scheitert. Inzwischen gibt es die Gesellschaften in der ursprünglichen Form nicht mehr. MEL wurde im vorigen Frühjahr vom israelisch-amerikanischen Konsortium Gazit Holdings/CPI erworben und heißt nun Atrium Real Estate. MAI und MIP wurden im Herbst von kritischen Aktionären übernommen und werden bald aufgelöst.

Politische Verflechtungen

Gegen rund ein Dutzend Personen im Umfeld Meinls wird ermittelt. Hinzu kommen zwei bekannte Österreicher, die zwar nichts mit der MEL, dafür aber viel mit der MIP zu tun haben: Neben dem früheren Vorstandsvorsitzenden von Österreichs größtem Energieversorger Verbund, Hans Haider, handelt es sich um den ehemaligen Finanzminister Karl-Heinz Grasser (zunächst FPÖ). Er war prominentes Aushängeschild der MIP.

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Vorgeworfen wird Julius Meinl V. und dessen Verbündeten, dass MEL-Anteile als mündelsicher beworben wurden, ohne dass sie das waren. Das stellt möglicherweise Betrug dar. Überdies geht es um den Geldfluss von MEL an die Briefkastenfirma Somal, die damit MEL-Anteile gekauft hat, um den Kurs hochzuhalten. Dies wäre möglicherweise ein Fall von Untreue.

Ferner geht es um die zu einem Bruchteil des Durchschnittspreises erworbenen sogenannten teileinbezahlten Aktien (Partly Paid Shares), mit deren Hilfe das MEL-Board eine feindliche Übernahme abwehren wollte. Dadurch ist der MEL aus Sicht der Staatsanwaltschaft Geld entgangen. Der Käufer musste nur einen Bruchteil bezahlen und hatte dafür eine Kaufoption, die nicht ausgeübt wurde. Auch das ist möglicherweise Untreue. Überdies wirft die Staatsanwaltschaft der Meinl-Bank überhöhte Gebühren vor.

Image-Kratzer

Das Desaster hat am Image von Meinl selbst gekratzt. Teuer bezahlte Strategen für Krisenkommunikation, deren bevorzugte Stoßrichtung Klagen gegen unliebsame Medien zu sein scheint, haben daran nichts zu ändern vermocht. Ebenso hat Grasser an Glaubwürdigkeit verloren. Er zieht sich nun aus seinem Meinl-Engagement zurück. Begründet wird die Trennung mit den geänderten Verhältnissen bei MIP, die vor der Auflösung steht.

Dass Grasser seine Strahlkraft einbüßt, ist ein neues Phänomen, wurden dem liberalen Aushängeschild der früheren konservativen Regierung unter Wolfgang Schüssel doch alle Ausrutscher verziehen. Grasser wurde als Drittel-Eigentümer der vor zwei Jahren gegründeten Meinl Power Management Limited für seine Dienste zumindest im ersten Jahr ungeachtet eines Geschäftsabschlusses mit rund 3 Millionen Euro brutto honoriert. Grasser hat seither versucht, das Kursdesaster zu beschönigen. Er sprach von irrationalen Übertreibungen der Märkte.

Österreichische Verhältnisse

Pikant an dem Fall ist die Verfilzung der beteiligten Akteure, was wiederum ein Schlaglicht auf österreichische Verhältnisse wirft. Grasser ist nämlich durch die Verbindung seiner Frau, einer Erbin der Tiroler Kristalldynastie Swarovski, zu seinem Job gekommen. In seiner Eigenschaft als Finanzminister hat er seinen ehemaligen Kabinettsleiter Heinrich Traumüller als Staatskommissär beauftragt. Diese wohl nur in Österreich existierenden Staatskommissäre überprüfen als vom Finanzministerium entsandte „Wachhunde“ die Einhaltung der Vorschriften in den Aufsichtsräten und Hauptversammlungen. [...]

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Seiser, Michaela (ela.)
Michaela Seiser
Wirtschaftskorrespondentin für Österreich und Ungarn mit Sitz in Wien.
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