Finanzskandale (2): European Kings Club

Königin der Anlagebetrüger

Von Nadine Oberhuber
29.01.2009
, 17:00
Auch als sich Damara Bertges im Oktober 1996 vor dem Landgericht Frankfurt verantworten musste, winkte sie ihren Anhängern noch freundlich zu
Damara Bertges war das Gesicht des European Kings Club. Zwei Milliarden D-Mark steckten gutgläubige Anleger in ihren Verein ohne Geschäftsmodell. Ihre Anhänger blieben der charismatischen Frau auch im Untergang treu.
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Am Ende half auch Magic Merlin nicht mehr. Das Maskottchen des magischen Zauberers hatte die Präsidentin des European Kings Club zur Verhandlung mitgebracht, damit er sie gegen die bösen Strafverfolgungsbehörden beschütze. Die Banken, das Kapital und die Staatsbehörden waren nämlich die Feinde, gegen die Damara Bertges auszog.

Sie war jahrelang durchs Land getingelt und hatte Anteile an ihrem Club verkauft, um die Vorherrschaft des bösen Kapitals zu brechen. Sie traf den Nerv der Zeit: Sie wurde reich auf ihrem Feldzug gegen das Großkapital, denn die Kleinanleger legten ihr das Geld millionenfach zu Füßen.

Es klingt unglaublich, wenn man es in dieser Kürze hört. Aber es wäre fatal, würde man die Herrin des European Kings Club einfach nur als Spinnerin abtun und ihre Gefolgsleute als gedankenlose Narren.

Konkurs im Jahr 1996

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Die Geschichte trug sich auch nicht kurz nach dem Ende des Mittelalters zu, sondern ist gerade einmal fünfzehn Jahre her. Und es war auch nicht irgendein Fall von Anlegerbetrug, sondern der bis dahin größte Fall in der Geschichte der Bundesrepublik. Das Konkursverfahren, das 1996 eröffnet wurde, sprengte alles bisher Dagewesene, denn obwohl das ganze Geschäft nur drei Jahre lief, von 1991 bis 1994, nahm es gigantische Ausmaße an: Die Chefs des European Kings Club (EKC) sammelten über zwei Milliarden Mark von rund 100.000 Anlegern in Deutschland, Österreich und der Schweiz ein. Völlig ohne Geschäftsmodell.

Der Club war, so hieß es später vor Gericht, von Anfang an als betrügerisches Schneeballsystem oder Pyramidensystem ausgelegt, bei dem die Gelder neuer Anleger dazu benutzt wurden, die Auszahlungen an Altmitglieder zu finanzieren. Das Einzige, was der Club seinen Anhängern dafür gegeben hatte, war das Versprechen, dass er jedem Clubmitglied sein eingezahltes Kapital innerhalb eines Jahres mit 70 Prozent verzinsen würde.

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Ein Renditeversprechen, bei dem heute noch jedem Anlegerschützer schwummerig wird und bei dem sofort alle Alarmlampen mitsamt Sicherung hätten durchbrennen müssen. Aber das System des European Kings Club war ebenso simpel wie perfide und letztlich genial. So genial, dass selbst die Geprellten noch im Gerichtssaal den Richter bedrohten: Das System hätte funktionieren können - wenn nur die Strafverfolgungsbehörden es nicht bösartig vereitelt hätten, vermutlich weil sie selbst neidisch waren.

Bankenschelte schaffte Vertrauen

Der Club wetterte gegen das System der Banken und deren Geldschinderei. Die nähmen die Leute aus, um mit dem wenigen Geld des kleinen Mannes horrende Zinsen zu erwirtschaften. Und wenn er, der Club, mit dem Geld seiner Mitglieder mühelos einen Zins von 70 Prozent erwirtschaften könne, dann zeige das, dass die Banken mindestens 100 Prozent Gewinn machen müssten. Die Bankenschelte war zu jener Zeit genauso populär, wie sie es auch heute wieder ist. Deswegen traf sie bei vielen Anlegern den Nerv.

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Dazu kam das große psychologische Geschick von Damara Bertges, der Königin des Kings Club. Sie wickelte das Publikum ebenso charismatisch wie wortgewaltig um den Finger. Sie war, wenn man so will, eine Königin der Herzen: Eine bodenständige Fränkin aus Schweinfurt, die sich zwar mit einem Hang zu starken Farben und groben Mustern kleidete, aber nie übertrieben aufgetakelt erschien - dafür aber umso herzlicher. Diese Volksnähe kam an: Selbst vor Gericht strahlte und winkte sie ihren Anhängern zu und die feierten sie wie eine Sektenchefin. Sie steckten ihr sogar Blumensträuße und rote Rosen im Gerichtssaal zu.

Versammlungen gegen das Großkapital

Die selbsternannte Retterin der Kleinanleger feierte Versammlungen ihres Clubs gegen das Großkapital, inszenierte sie mit Pomp und eigener Hymne und belehrte ihre Anhänger in ihrer Clubzeitschrift, sie werde ihnen „die sozialen, ökologischen, finanziellen und wirtschaftlichen Zusammenhänge aufzeigen“ und ihnen die „Mechanismen der Umverteilung“ beibringen. Die sahen so aus: Der Kings Club verkaufte an seine Mitglieder Clubanteile zu 1400 Franken das Stück, die „Letters“. Davon gingen 200 Franken als Provision an den Club und seinen Vermittler.

Als Ausschüttung winkten zwölf Monate lang jeden Monat 200 Franken. Insgesamt 2400 Franken Auszahlung für einen Einsatz von 1400 Franken. Das kauften dem Club nicht nur knapp 100000 Bürger begierig ab, etliche nahmen sogar hohe Kredite auf, um beim EKC mit von der Partie sein zu können. In manchen Kantonen der Schweiz soll jeder zehnte Einwohner beim EKC investiert haben. Geworben von Freunden und Familienmitgliedern.

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Alte Tricks

Wieso das funktionierte? Weil die neu Geworbenen sahen, dass die altgedienten Clubmitglieder das Geld tatsächlich erhielten. Denn auf jeder Versammlung des EKC rief Chefin Damara einige Mitglieder zur Bühne und drückte ihnen lächelnd einen Umschlag mit dem Geld in die Hand. Es ist einer der ältesten Tricks, derer sich die Initiatoren von Kettenbriefen und Pyramidensystemen bedienen. Aber er wirkt fast immer. Doch bei so viel Freigebigkeit wurden auch die Behörden schnell hellhörig.

Schon 1992, ein Jahr nachdem Bertges und ihre Mitstreiter den Club unter dem Namen „German Kings Club“ in Gelnhausen im Frankfurter Umland gegründet hatten, erschien er auf dem Radar der Finanzaufsichtsbehörde. Auch die Staatsanwaltschaft begann zu ermitteln. Dass ein nicht gewinnorientierter Verein ohne Geschäftsmodell für viel Geld Anteilscheine mit Rückzahlungsgarantie verkaufte, roch nach einem unerlaubten Bankgeschäft. Weil der Club keine Genehmigung hatte, solche Wertpapiergeschäfte zu tätigen, wurde er verboten.

Was die Anführer aber nicht groß störte: Sie hängten ihn eine Stufe höher, benannten ihn in „European Kings Club“ um, verlegten den Sitz vom Hessischen ins schweizerische Stansstad und betrieben ihr Geschäft weiter. Die Behörden konnten nur noch feststellen: „Für ein nichtdeutsches Unternehmen, das hier in Deutschland Wertpapiere verkauft, fällt die intensive Kontrollmöglichkeit weg.“

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Presse unter Druck gesetzt

Der Club rekrutierte weiter Einzahler. Und er gab sich kämpferisch: Er baute ein Netz von Schein- und Briefkastenfirmen auf, etliche davon in der Karibik, auf den Bahamas oder in europäischen Steueroasen. Über die EKC Re-Insurance in Dublin leitete er die einfließenden Geldströme in das immer weitläufigere Geflecht, das zuletzt etwa 80 Unternehmen umfasste und in dem das Geld nahezu unnachvollziehbar versickern konnte. Das gaben die Verantwortlichen später sogar vor Gericht zu.

Zudem überzogen sie Medien, die öffentlich Kritik äußerten, noch mit Gegendarstellungen und Klageandrohungen, als der Clubuntergang längst eingeläutet war. Den Mitgliedern gegenüber dienten die Anfeindungen gegen den EKC sogar noch als hervorragendes Argument: Was sonst würde seine Großartigkeit und Redlichkeit als Retter der finanziell Minderbemittelten unterstreichen, wenn nicht die Tatsache, dass es so viele Neider und Verleumdungen gab?

Fürstliche Gehälter

Das funktionierte tatsächlich drei Jahre lang. In der Zeit genehmigten sich die Club-Chefs fürstliche Gehälter von je einer halben Million Mark. Die Königin selbst verdiente an jedem verkauften Letter zehn Mark und kam so auf immerhin 14 Millionen Mark. Für eine gelernte Hotelfachfrau und spätere Fenstermonteurin nicht schlecht. Doch im September 1994 brach das System zusammen. Die Staatsanwaltschaft erwirkte Festnahmen gegen die vier Anführer. Bis Oktober zahlte der EKC noch, dann war Schluss. Er hätte seinen Verpflichtungen auch nicht mehr viel länger nachkommen können.

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Der Löwenanteil des Geldes existierte schließlich nicht mehr. Er war in Immobilien geflossen, die aber keine Erträge abwarfen. Es hatte vereinzelt Anlageideen gegeben, aber sie waren gescheitert. Und die Club-Chefs hatten ihre Gehälter längst verjubelt. Das Landgericht Frankfurt konnte anfangs nur 3,5 Millionen der ursprünglich zwei Milliarden Mark sicherstellen. Auch nach dem akribischen Durchforsten der Bücher und dem Sicherstellen der Computeranlage in Gelnhausen blieben letztlich 500 Millionen Mark verschwunden. Das Gericht rollte 1996 den größten betrügerischen Konkursprozess auf, den die Republik gesehen hatte.

Die Anhänger kamen busweise zum Prozess

Der Richter und der Staatsanwalt rieben sich dabei die Augen. Die Anhänger Damaras reisten aus Österreich in Reisebussen an, um ihre Chefin selbst auf der Anklagebank noch als Heldin zu feiern. Ihre Mitchefs, darunter Bertges' Mann Harald, der Ex-Bundeswehrarzt Günther Spachtholz und ein Rechtsanwalt hatten den Betrug längst gestanden und sich bei den Anlegern entschuldigt. Sie bekamen jeweils rund viereinhalb Jahre Haft aufgebrummt. Als Folge ihres Betruges waren etliche Anhänger bis ans Lebensende verschuldet, viele hatten sich in psychologische Behandlung begeben, ein Geschädigter hatte sich sogar aus Verzweiflung das Leben genommen.

Nur die Königin blieb bis zum Schluss hart. Sie werde „nicht zu Kreuze kriechen“ und ihre Tat bereuen, verkündete sie. Sie habe das Geld ja ordentlich anlegen wollen, aber leider hätten sich ihre Helfershelfer als „nicht zuverlässig genug erwiesen“. Es sei ihr auch nicht ums Geld gegangen, sie habe den Kontakt zu den Menschen gesucht. Der psychologische Gutachter attestierte sogar, dass das glaubwürdig sei: Es war nicht die Gier, die Damara Bertges trieb, sondern die Suche nach Aufmerksamkeit und Anerkennung.

Damara Bertges wurde zu acht Jahren Haft verurteilt, hatte davon jedoch schon zwei Jahre in Untersuchungshaft gesessen und musste nur dreieinhalb Jahre verbüßen. Nach ihrer Freilassung trat sie öffentlich nicht wieder in Erscheinung. Vielleicht half ihr Merlin ja wenigstens in einem Punkt - und wies ihr den Weg zu den verschwundenen Millionen auf den Bahamas.

Quelle: F.A.Z.
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