Finanzskandale (3): Die Bawag im Casino

Mit dem Vermögen der Genossen Casino gespielt

Von Michaela Seiser
09.02.2009
, 11:05
Helmut Elsner vor Gericht
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Helmut Elsner und seine Vorstandskollegen haben den größten Bankenskandal in der österreichischen Nachkriegszeit zu verantworten. Sie haben die frühere Gewerkschaftsbank Bawag und deren damalige Eigentümer an den Rand des Zusammenbruchs geführt.
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Casinos und Gewerkschaften haben normalerweise wenig miteinander gemein. Eine Ausnahme bildet der Fall der österreichischen Bank für Arbeit und Wirtschaft AG (Bawag). Das Institut gehörte bis vor zwei Jahren dem Österreichischen Gewerkschaftsbund (ÖGB) und damit rund 1,4 Millionen Gewerkschaftsmitgliedern. Ihre Bank und damit ihre Streikkasse wurden verspielt. Der Name Bawag stand im Zentrum des größten Wirtschaftskriminalfalls der österreichischen Nachkriegszeit.

In diesem Skandal geht es nicht um Schneeballsysteme. Es ist die Geschichte von desaströsen Sondergeschäften zwischen einem kleinen Kreis in Österreichs fünftgrößtem Geldhaus und dem amerikanischen Investmentbanker Wolfgang Flöttl. Es ist die Geschichte von Größenwahn und eingeschränkter Wahrnehmung. Der Fall Bawag erzählt von Finanzjongleuren, die bis vor dem Auslösen der jetzigen Finanzkrise mit zwei Milliarden Euro einen der größten Spekulationsverluste in der Geschichte der Bankenskandale verschuldeten.

Aktienrecht und Bankwesengesetz missachtet

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Dieser Kriminalfall erzählt aber auch von der Inkompetenz von Führungskräften, welche die Grundlagen ihres Tuns - das Aktienrecht und Bankwesengesetz - nicht verstanden oder zumindest missachteten. Davon zeugt nicht zuletzt eine Aussage des damaligen Bawag-Vorstands Christian Büttner, der zu den Besten in der damaligen Führungsriege gehörte. Er wurde vom einstigen Bawag-Minderheitsgesellschafter, der Bayern LB, entsandt und gestand anlässlich des Strafprozesses zu den glücklosen Spekulationsgeschäften mit der japanischen Währung: „Der Yen war für die Bawag ein bisschen weit weg - neun Zeitzonen.“

Es ist ein Lehrstück von überforderten Managern und Kontrollorganen, denen das in Führungsfunktionen notwendige Rückgrat fehlte. Ihre Beziehung zum Hauptverantwortlichen, dem langjährigen Generaldirektor Helmut Elsner, war von absolutem Gehorsam geprägt. Dieses Verhältnis ist der Dreh- und Angelpunkt im Fall Bawag. Nur so lässt sich erklären, warum die hochriskanten Sondergeschäfte mit dem schillernden amerikanischen Investmentbanker Wolfgang Flöttl möglich waren und jede Kontrolle versagte.

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Mit eisernem Besen regiert

Denn Elsner allein konnte Flöttl nicht mit Milliarden ausstatten. Warum übte Helmut Elsner eine derart starke Wirkung auf sein berufliches Umfeld aus? Wie Potentaten beherrschte er ein autoritäres Gehabe, das selbst im Strafprozess Wellen schlug. Der Mann regierte mit eisernem Besen in dem 1922 als Arbeiterbank gegründeten Institut und punktete zu dieser Zeit mit Kontakten zu einflussreichen Personen. Dazu gehörte Wolfgang Flöttl und seine Frau Anne Eisenhower, eine Enkelin des früheren amerikanischen Präsidenten Dwight Eisenhower.

Das hat bei den in Anlageprodukten ahnungslosen österreichischen Gewerkschaftern gewirkt. Elsner überließ Flöttl deren hart erspartes Geld - zuerst zur Vermehrung und dann, um Verluste auszugleichen. Zweifellos konnte Elsner sich besser artikulieren als der restliche Vorstand und der in Finanzsachen eingeschränkt urteilsfähige Aufsichtsrat. Pikanterweise hat sich der Bonvivant stets mehr zur internationalen Hochfinanz als zu seinen Sparern hingezogen gefühlt. Mit den Grundtugenden der Gewerkschaftsbewegung vertrug sich dieser Lebensstil nicht.

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Riskante Sondergeschäfte in der Karibik

Genauso wenig passten dazu eine Bank und die Wünsche des ÖGB. Die Gewerkschafter verlangten von der Bawag drei Dinge: Sie sollte ihren Kunden billige Kredite bieten, hohe Sparzinsen zahlen und gleichzeitig satte Dividenden liefern. Um das zu erreichen, hatte schon Elsners Vorgänger Walter Flöttl gemeinsam mit seinem Sohn Wolfgang in der ersten Hälfte der neunziger Jahre riskante Sondergeschäfte in der Karibik gestartet.

Dass mit Wolfgang Flöttl ausgerechnet der Sohn des früheren Chefs mit der Veranlagung von Geldern betraut wurde, wirft ein bezeichnendes Licht auf die verhängnisvollen Abhängigkeiten in der Bawag. Ohne seinen ehrgeizigen Vater hätte Flöttl in Amerika kaum reüssiert, die Bawag war phasenweise sein einziger Kunde. Es war eine wechselseitige Symbiose zu Lasten der ahnungslosen Eigentümer.

Flöttl studierte in Wien und Harvard Jura und Wirtschaftswissenschaften. Durch den gesellschaftlichen Aufstieg mit der Heirat in den Eisenhower-Clan hatte er Zugang in betuchte Kreise gefunden. Mit Ross Capital hat Flöttl seine eigene Investmentgesellschaft gegründet. Dort floss alles Geld der Bawag zur Veranlagung zusammen. Der Name erwies sich als schlechtes Omen: Die Japaner sagten „Loss Capital“, schilderte Flöttl fast selbstironisch.

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Auf fallenden Yen gewettet und verloren

Elsner weitete die von seinem Vorgänger initiierten Engagements noch aus, machte dabei aber riesige Verluste. Der Einsatz wurde gesteigert, um das Glück zu zwingen. In insgesamt drei Spekulationswellen wurden in den neunziger Jahren 1,5 Milliarden Euro in den Sand gesetzt.

Von Beginn an bestand ein enormes Verlustrisiko. Die Geschäfte waren nicht nur hochspekulativ. Sie befanden sich auch im Risiko gleichauf, setzten also auf dasselbe Ereignis. Flöttl hatte stur zwei Jahre lang auf einen fallenden Yen gesetzt. Die verlorenen Milliarden, die Bawag und ÖGB an den Rand des Ruins gebracht hatten, wurden auf Derivativmärkten vor allem mit Swaps verspielt. Es wurde also gewettet. Verlierer waren Flöttl und damit die Bawag. Die Innenrevision durfte die Sondergeschäfte nicht prüfen. Die gewährten Kreditrahmen überschritten von Beginn an die gesetzlichen Obergrenzen. Es bestanden keine hinreichenden Sicherheiten.

„Ich kann Monet nicht von Manet unterscheiden“

Zwar überließ Flöttl seine Gemäldesammlung der Bank zur Absicherung ihrer Forderungen nach den ersten großen Verlusten. In Kunstfragen war die Bawag-Führung allerdings wieder überfordert. „Ich kann einen Monet nicht von einem Manet unterscheiden“, gestand der Vorstand und frühere Assistent Elsners, Peter Nakowitz. Auch hier wurde der Bock zum Gärtner: Flöttl sollte die Sicherheiten verwerten. Flöttl war somit selber Treuhänder für die von ihm an die Bank übertragenen Kunstwerke. Es war kein gutes Geschäft für die Bawag, zumal die Bilder mit hohen Krediten belastet waren. Die Gemälde verkaufte Flöttl nach eigenen Angaben für zirka 290 Millionen Dollar. Dabei wurde nur ein Viertel des von der Bank angesetzten Schätzwertes erzielt.

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Im Jahr 2000 war die Bawag praktisch pleite, verschleierte die Verluste aber über Briefkastenfirmen und Stiftungen. Ihr Netz zog sich von Liechtenstein bis in die Karibik. Das Beteiligungsgeflecht sollte absichtlich so unübersichtlich geknüpft worden sein, um bestimmte Vorgänge vor den Augen der Öffentlichkeit und der Kontrollgremien zu verbergen.

Vertuschung der Verluste gelang viele Jahre

Das Ende der Vertuschungspolitik kam erst fünf Jahre später. Das Debakel flog wegen eines Blitzkredites an den amerikanischen Terminhändler Refco über 350 Millionen Euro im Oktober 2005 auf, der Gegenstand eines eigenen Verfahrens sein wird. Jene Karibik-Gesellschaften der Bawag zur Verschleierung der Verluste aus 1998 bis 2000 hatten hohe Depotstände bei Refco. Die Depots waren aber in Wirklichkeit nicht mehr wert als das Papier ihrer Auszüge. Die Beträge waren reine Phantasiewerte.

Durch allerlei Finanztricks und Scheingeschäfte verringerte sich der Depotstand allmählich. Wäre er auf Null zurückgegangen, hätten Elsner und seine Konsorten das erreicht, was sie als die Verluste aus „eigenem Ausgleichen“ bezeichneten. Die Strategie wäre bloß eine durch Zeitablauf erfolgte Abschreibung des Fehlbetrages gewesen - damit man die Ereignisse vergessen möge. Diese Täuschungshandlungen waren bis Oktober 2005 weit fortgeschritten.

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Gegentor in der 92. Minute

Dann brach Refco zusammen. Zunächst stand die Bawag als einer der geschädigten Großgläubiger da. Im Zuge der Aufarbeitung des Refco-Skandals wurden schließlich die Verluste durch die Flöttl-Transaktionen bekannt. Elsner meinte dazu: „Nur durch diesen dummen Buchhalter in den Vereinigten Staaten ist die Geschichte aufgekommen.“ Sein stellvertretender Generaldirektor Johann Zwettler: „Es ist, als ob man in der 92. Minute ein Tor kriegt.“

Doch ist Flöttl bei dem Desaster zumindest strafrechtlich vergleichsweise gut davongekommen. Während Elsner im Juli 2008 vom Schöffensenat (noch nicht rechtskräftig) wegen Untreue, Bilanzfälschung und Betrug zu neuneinhalb Jahren Gefängnis verurteilt wurde und damit fast die Höchststrafe von zehn Jahren erhielt, erhielt Flöttl wegen Beihilfe zur Untreue zweieinhalb Jahre. Denn der Mann, der sich selbst als Wohltäter sieht, konnte aufgrund der Verträge mit der Bawag jedes Risiko eingehen. Trotzdem ist schwer verständlich, dass ein an der Börse zu Geld gekommener Finanzfachmann ausgerechnet mit Bawag-Geld jahrelang nur verlor.

Mittlerweile gehört die Bawag dem Hedge-Fonds Cerberus

Flöttl war das Risiko natürlich bekannt. Als Investmentbanker wusste er auch um das Prinzip, das seriöse Banken in aller Welt leitet: Sicherheit vor Gewinn. Er wusste, wo das Glücksspiel beginnt. Doch setzte er alles auf eine Karte. Es war das Aus für die Gewerkschaft als Eigentümer der Bawag. Von dem aus dem Notverkauf erzielten Erlös von 3,2 Milliarden Euro erhielt der ÖGB weniger als 2 Prozent. Der Rest musste für die Abdeckung jener Altlasten herhalten, die Elsner und Co. verschuldet haben. Riskante Wetten spielen für die Bawag jedoch nach wie vor eine Rolle: Denn sie gehört seit zwei Jahren dem Hedge-Fonds Cerberus.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Seiser, Michaela (ela.)
Michaela Seiser
Wirtschaftskorrespondentin für Österreich und Ungarn mit Sitz in Wien.
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