Finanzskandale (5): Jérôme Kerviel

Die Anonymität des kleinen Soldaten

Von Christian Schubert
21.02.2009
, 09:26
Jérôme Kerviel: Vom Geld verlockt
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Der junge Händler Jérôme Kerviel will schnell dorthin, wo das große Geld gemacht wird. Er betrügt, verschleiert und gewinnt. Deshalb schauen die Vorgesetzten weg. Dann verspielt er fünf Milliarden Euro, und seine Bank steht vor dem Abgrund.
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Vier Bücher und einen Comic hat man über den jungen Mann verfasst. Bei Facebook diskutiert ein Fanklub regelmäßig über ihn. Nur Filmarbeiten mit ihm in der Hauptrolle wurden dementiert. Keines der Bücher über den heute 32 Jahre alten Jérôme Kerviel wurde freilich ein Bestseller.

„Der Händler, der fünf Milliarden Euro wert war, als der Kapitalismus verrückt spielte“, so der Titel eines der Werke, ist den Franzosen durch die ausführliche Medienberichterstattung jetzt hinlänglich bekannt. Erste Ermüdungserscheinungen treten ein.

Immer noch offene Fragen

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Für die direkt Beteiligten hat die Affäre dagegen nichts an Brisanz verloren. Ein gutes Jahr nach Bekanntwerden der versteckten Geschäfte und der anschließenden Verluste von 4,9 Milliarden Euro sind die Befragungen durch die Untersuchungsrichter gerade erst abgeschlossen.

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Société Générale
Skandal-Broker Kerviel: „Wir waren Geldmaschinen“

Im Frühjahr wird man wissen, ob es zu einem Strafprozess kommt, was als wahrscheinlich gilt. Die Société Génerale (SG) rechnet als Klägerin nicht vor 2010 mit der Eröffnung der Verhandlung.

Wie es sein konnte, dass ein einzelner Händler zeitweise 50 Milliarden Euro auf Aktienderivate wettete, ohne dass es Kollegen oder Vorgesetzte merkten - so jedenfalls ihre Aussagen -, ist somit immer noch eine offene Frage, zumindest für die Justiz.

Wer schweigt, scheint zuzustimmen

In den vergangenen Wochen hat der ehemalige Händler, der nach 38 Tagen Untersuchungshaft wieder auf freiem Fuß ist und jetzt im Informatikunternehmen eines Freundes arbeitet, eine Interviewoffensive gestartet. Sie soll ihn als robusten Verteidiger seiner Interessen darstellen.

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Nicht dass er abstreitet, seine bankinternen Handelslimits um ein Vielfaches überschritten zu haben. Er verneint auch nicht, seine Transaktionen verdunkelt zu haben, etwa mit gefälschten E-Mails und irreführenden Erklärungen.

Doch Kerviel meint, dass seine direkten Vorgesetzten als Mitwisser beide Augen zudrückten, denn solange er Gewinne eingefahren habe, sei es seiner Abteilung am Handelstisch Delta One in der siebten Etage der SG-Türme von La Défense recht gewesen. Jean Veil, Anwalt der Bank, antwortet darauf mit einer Frage: „Wenn alle Welt es wusste, wieso musste er es dann verheimlichen?“

Benachteiligt

Ein Rückblick: Kerviel hat sich seit dem Jahr 2000 zielstrebig von den Kontroll- und Ausführungsinstanzen des Back- und des Middle-Office zum Händlertisch vorgearbeitet. Das ist seit je das Ziel des jungen Mannes gewesen, der seine durchschnittliche Universitätsausbildung gegenüber den Abgängern der französischen Eliteschulen immer schon als Nachteil empfunden hat.

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Er arbeitet im Arbitragehandel, wo die meist geringen Kursunterschiede gleicher oder ähnlicher Finanzprodukte an verschiedenen Handelsorten in Gewinne umgesetzt werden. Hohe Summen kommen dabei zum Einsatz, indem gegenläufige Transaktionen wie Käufe und Verkäufe in Auftrag gegeben werden.

Im Rausch der Lawine

Doch Kerviel unterschlägt immer die eine Seite: Wenn er an einem Ort Terminkontrakte kauft, verkauft er nicht an einem anderen, sondern erfindet Handelsgeschäfte, die solche Verkäufe simulieren. Schon im Sommer 2005 setzt er unerlaubt auf den Kursverlust der Allianz-Aktie und versucht mit Leerverkäufen daran zu verdienen.

Er hat Glück, denn in London kommt es im Juli 2005 zu den schweren Terroranschlägen. „Die Märkte fallen nach den Attentaten von London. Und ich gewinne den Jackpot - 500.000 Euro“, sagt er später den Ermittlungsbehörden.

Seinen Chefs fällt auf, dass er zu viel Risiko auf sich genommen hat, und sie verwarnen ihn. Doch Kerviel kümmert das wenig. „Ich bekam Lust, weiterzumachen. Es gibt da einen Schneeballeffekt.“ Der Händler geht mit erstaunlicher Energie eine Transaktion nach der anderen ein und erfindet genauso viele Scheingeschäfte.

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Überforderter Vorgesetzter

Im November 2007 fragt die Terminbörse Eurex bei der SG nach, wie ein Händler für 1,2 Milliarden Euro in zwei Stunden 6000 Terminkontrakte kaufen könne. Kerviel hat für den Dax beispielsweise nur die Autorisierung für 200 bis 300 Kontrakte.

Kerviels Vorgesetzter Eric Cordelle erkundigt sich bei seinem Untergebenen, doch gibt sich mit ausweichenden Antworten Kerviels zufrieden. Später wird Cordelle in einem Zeitungsinterview sagen, wie leicht der Weg in seiner Abteilung von einer zur nächsten Null war: „Um 1,19 Milliarden Euro zu kaufen, reicht ein etwas häufigerer Mausklick.“

Cordelle stellt Kerviel öfter zur Rede - am Kaffeeautomaten. Dort genügen ihm ein paar Worte, und die Sache ist wieder erledigt. Der Vorgesetzte bezeichnet sich selbst als fachfremd und überlastet. Er erhalte täglich zu viele E-Mails, doch nicht die richtigen. Hätte er gewusst, dass die Eurex 6000 Transaktionen in zwei Stunden entdeckt habe, dann hätte er sofort reagiert, sagt er später.

Kontrollen ohne Konsequenzen

Die von der Bank eingesetzten internen Ermittler schreiben bald darauf: „Die Prozesse werden eingehalten. Doch niemand ergreift die Initiative, die Richtigkeit von Kerviels Angaben zu überprüfen, obwohl diese unglaubhaft erscheinen. Wenn die Vorgesetzten gewarnt werden, reagieren sie nicht.“ 75 interne Kontrollen verlaufen zwischen Ende 2006 und Januar 2008 im Sande.

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Der junge Händler scheut jedoch auch keine Anstrengung, um seine Geschäfte zu verschleiern. Er kommt morgens als Erster und geht abends als Letzter. Täglich verbringt er mehrere Stunden mit seinen Scheingeschäften. Selbst am Wochenende ist er im Büro und verzichtet mit ausdrücklicher Erlaubnis seiner Chefs auf Urlaub; die Genehmigung dafür ist ein weiterer Fehler der Vorgesetzten.

Soldat im Hamsterrad

Kerviel loggt sich auch unter den Passwörtern von Kollegen ein, annulliert viele Transaktionen, bevor sie fällig werden, und erfindet danach gleich neue. So vermeidet er Anzahlungen sowie die Überstellung von Wertpapieren.

„Ich bin in eine Spirale geraten, die sich selbst am Laufen hielt. Doch meine Vorgesetzten gossen Öl hinein, damit alles rund lief“, sagt er nun. An einem eng besetzten Händlertisch, wo die Kollegen nur 30 bis 40 Zentimeter entfernt säßen, sei nichts verborgen geblieben. Die Abteilung habe seine Risiken gekannt, darauf beharrt Kerviel; abends seien die Vorgesetzten gekommen und hätten ihn für seine Gewinne sogar gelobt. Und er sagt: „Ich wünschte, jemand hätte mir gesagt: ,Hör auf mit diesem Unsinn!'“

Nach allen verfügbaren Erkenntnissen arbeitete Kerviel allein, machte allenfalls ein paar Andeutungen gegenüber einem Broker oder Freunden. Für sich persönlich zweigte er kein Geld ab. Er sei „ein kleiner Soldat gewesen, der einfach nur viel Geld für seine Bank verdienen wollte“, gibt er zu Protokoll.

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Die Schlösser schnappen zu spät

Ein gutes Jahr danach hängt der SG die Affäre immer noch nach, auch wenn sich die schlimmsten Befürchtungen eines Aufkaufs oder einer Zerschlagung nicht bewahrheitet haben. Einige Fondsmanager sagen, dass der Skandal so lange auf der Bank laste, wie der Gerichtsstreit andauere. Der Erzrivale BNP Paribas prüfte ein Übernahmeangebot, entschied sich aber dagegen. Was die Finanzkrise alles noch bringen wird, weiß indes niemand.

SG-Manager dagegen finden, dass der Kerviel-Schock zur rechten Zeit gekommen sei. Noch bevor die ganze Branche wegen der Finanzkrise in die Kritik geriet, habe die SG so schon die Lehren aus ihren Schwächen gezogen, die Kontrollen verstärkt und sich reorganisiert. 100 Millionen Euro hat die Bank in die Umbauten investiert; sie schuf eine „Product Control Group“ mit 600 Mitarbeitern, die seit vergangenem November alle Ergebnisse der Bank zentral analysiert.

Verschiedene Abläufe wie die Benutzung von unternehmenseigenen Gegenparteien für Transaktionen und überhaupt alle Geschäfte, die kurzfristig storniert oder verändert werden, unterstehen nun strengeren Prüfungen. Handbücher wurden neu geschrieben, Passwörter für den Zugang zum Handelssystem werden öfter geändert, 7800 Personen bildete die Bank mit dem besonderen Verweis auf die Möglichkeit von Betrug durch Kollegen fort. Die Stabsfunktion der Händlerkontrolle erhielt mehr Unabhängigkeit. „Ohne drei Unterschriften kann man hier nichts mehr machen“, stöhnt ein Händler.

Am liebsten wieder ein Niemand sein

Die unmittelbaren Vorgesetzten Kerviels verließen die Bank freiwillig oder wurden entlassen. Doch nicht alle fielen auf die Nase. Einer der Geschassten, Pierre-Yves Morlat, der für den Aktienhandel verantwortlich zeichnete und Kerviel zum Händler beförderte, fand kürzlich eine Stelle bei Credit Suisse, wo er den Eigenhandel für Europa und Asien leiten soll.

Der Chef des Investmentbankings, Jean-Pierre Mustier, ist bei der SG jetzt Leiter der Vermögensverwaltung. Und der 58 Jahre alte Vorsitzende von Vorstand und Verwaltungsrat, Daniel Bouton, dem Präsident Nicolas Sarkozy heftige Vorwürfe machte, zog sich auf den Verwaltungsratsvorsitz zurück, überließ das operative Geschäft dem 44 Jahre alten Frédéric Oudéa - ein Generationswechsel.

Kerviel unterdessen hofft mehr als alles andere, dass er einer Gefängnisstrafe entgeht. Mit dem Bankgeschäft will der in der Bretagne aufgewachsene Franzose nichts mehr zu tun haben und sehnt sich nach einer Rückkehr zu einem anonymen Leben. „Ich war immer Mister Nobody, und ich hoffe, es so schnell wie möglich wieder zu werden.“

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Schubert, Christian
Christian Schubert
Wirtschaftskorrespondent für Italien und Griechenland.
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