Finanzskandale (6): Comroad

Die Luftnummern des Herrn Schnabel

Von Daniel Mohr
03.03.2009
, 10:15
Comroad-„Erfolgsmanager” Bodo Schnabel
Bodo Schnabel hat am Neuen Markt fast alle Geschäftsvorfälle seines Unternehmens Comroad erfunden. So trieb er den Börsenwert bis auf mehr als 1,2 Milliarden Euro - ein Musterbeispiel an Blauäugigkeit von Banken, Wirtschaftsprüfern und Anlegern.
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Die Umstände haben es ihm leicht gemacht. Das sahen auch die Richter im Strafprozess vor dem Landgericht München so. Sie werteten strafmindernd, dass die Euphorie an der Börse zu Zeiten des Neuen Marktes günstige Voraussetzungen für Manipulationen und deren Erfolge schuf. Bodo Schnabel hat die Umstände sehr gut für sich zu nutzen verstanden.

Es war damals an der Börse ausreichend zu behaupten, man habe ein sehr erfolgversprechendes Geschäftsmodell, erwarte für die Zukunft unglaubliche Umsatzsprünge und werde in wenigen Jahren exorbitant hohe Gewinnmargen erzielen. Es mussten nur Stichworte wie „Computer“ oder „Handy“ im Geschäftsmodell vorkommen, schon standen die Anleger Schlange, um Aktien solcher Unternehmen zu zeichnen und anschließend einen rasanten Kursanstieg mitzuerleben.

Schon zu Anfang belastet

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Diese Gunst der Stunde wollte Bodo Schnabel nicht verpassen. Der 1950 geborene Diplomingenieur für Nachrichtentechnik hatte 1995 sein Unternehmen Comroad gegründet. Sein Vorgängerunternehmen Solid Computer GmbH war in Konkurs gegangen und Bodo Schnabel wegen Konkursverschleppung und Beitragsvorenthaltung zu einer Geldstrafe verurteilt worden.

Vor Gericht im Jahr 2002
Vor Gericht im Jahr 2002 Bild: AP

Auch der neue unternehmerische Anlauf sollte etwas mit Computern zu tun haben, genaugenommen mit Telematik, der computergestützten Verkehrsleitung. Comroad verkaufte an Betreiber von Telematik-Service-Zentralen die dafür notwendige Hard- und Software. Für Endkunden hatte Comroad Navigationssysteme im Angebot.

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Harte Zahlen statt Träumereien

Die Gründung des Marktsegmentes Neuer Markt an der Deutschen Börse kam Schnabel dabei sehr zupass. Seit 1997 hatten dort Unternehmen aus neuen Technologiebranchen ein Umfeld gefunden, in dem sie sich Kapital für ihr Wachstum beschaffen konnten - auch Bodo Schnabel. Anders als viele Börsenneulinge in dem Segment wollte der Geschäftsmann aber nicht nur durch Träumereien von künftigen Umsätzen und Gewinnen das Geld der Anleger für sich gewinnen; er wollte gleich mit harten Zahlen seinen Geschäftserfolg untermauern.

Dazu hatte er eine für ihn äußerst lukrative Idee: Er erfand das Unternehmen VT Electronics Ltd. in Hongkong und einen Geschäftsführer namens Jeff Liu. Bereits für den Börsengang im Herbst 1999 konnte er seine Geschäftszahlen mit einträglichen Geschäften mit VT Electronics aufhübschen. VT ließ angeblich Geräte in China produzieren und lieferte diese direkt an Kunden. Über Comroad lief nur der Rechnungsverkehr. Schnabels Unternehmen verdiente an Rechnungsaufschlägen und Lizenzgebühren.

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Die Ausnahme am Neuen Markt

Die Börse hieß Comroad im November 1999 herzlich willkommen, die Concord Effecten AG und Hauck&Aufhäuser begleiteten den Börsengang. Fortan ließ Schnabel in kurzen Abständen durch Ad-hoc-Meldungen die Börsianer wissen, wie gut die Geschäfte seiner Gesellschaft liefen. Comroad erreichte demnach nicht nur regelmäßig seine Umsatz- und Gewinnziele, es übertraf sie sogar noch.

Die Zukunftsprojektionen konnten in immer höhere Sphären geschraubt werden. Die Öffentlichkeit nahm daran begeistert teil. Comroad wurde als Beleg dafür genommen, dass es endlich mal ein Unternehmen am Neuen Markt gebe, das nicht nur künftige Umsätze und Gewinne in Aussicht stellte, sondern bereits auf erfolgreiche Geschäfte verweisen konnte, zumal auch noch fast ausschließlich in der Boomregion Asien.

Kauffreudige Banken

Die Erfolgsmeldungen wurden mit immer neuen Kursrekorden gefeiert; der Börsenwert von Comroad stieg bis zum September 2000 auf mehr als 1,2 Milliarden Euro und hatte sich damit seit dem Börsengang verdreizehnfacht. Der größte Teil der Aktien gehörte der Familie von Bodo Schnabel.

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Die amerikanische Investmentbank Merrill Lynch verbuchte es als besonderes geschäftliches Geschick, im August 2000 zunächst 280.000 und im Februar 2001 nochmals 270.000 Comroad-Aktien für insgesamt gut 22 Millionen Euro von Bodo Schnabel erworben zu haben, um damit ein „Neuer Markt 20“-Zertifikat und ein „World Wide Logistik“-Zertifikat auszustatten. Der Concord Effekten AG und der Hypo Vereinsbank gelang es, im November 2000 1,1 Millionen Aktien aus einer Kapitalerhöhung von Comroad für knapp 52 Millionen Euro zu erwerben.

Einsame Stimmen

Die meisten Aktionäre fühlten sich in ihrer Kaufentscheidung bestätigt, denn in der bereits seit Frühjahr 2000 abklingenden Euphorie am Aktienmarkt konnte Comroad als leuchtendes Beispiel hochgehalten werden für ein Unternehmen, das es geschafft habe, mit Technologieprodukten erfolgreich am Markt zu agieren und stets Analysten und Börsen mit neuen Erfolgsmeldungen zu überraschen.

Erst im Februar 2002 verdichteten sich die Hinweise, dass die Erfolgsgeschichte womöglich doch der größte Betrugsfall am Neuen Markt gewesen sein könnte. Renate Daum, Journalistin für die Zeitschrift „Börse Online“, hatte bisher in mehreren Artikeln auf Ungereimtheiten bei Comroad hingewiesen und erhebliche Zweifel an den angeblichen Umsätzen in Asien gehegt. Doch die allgemeine Hochstimmung hatte sich niemand verderben lassen wollen. Ein flott geschriebener Artikel begründe keinen Anfangsverdacht, habe ein Staatsanwalt ihr gesagt, berichtet Daum später.

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Das schnelle Aus

Von Februar 2002 an ging es dann aber doch ganz schnell: Die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG, die stets die Geschäftsberichte von Comroad als zutreffend testiert hatte, kündigte den Prüfauftrag für das Jahr 2001, weil ihr mittlerweile Zweifel an der Vertrauenswürdigkeit des Unternehmens gekommen waren.

Comroad war nicht in der Lage, das Vertrauen der Märkte zurückzugewinnen. Die eilige Zusicherung, künftig einen Mitarbeiter eigens für das Rechnungswesen beschäftigen zu wollen, was bisher Schnabel und ein Steuerberater allein gemacht hätten, sorgte eher für mehr Unruhe denn für eine Entspannung der Lage. Im März 2002 wurde Schnabel fristlos gekündigt, kurze Zeit später festgenommen und im November zu sieben Jahren Haft verurteilt. Große Teile seines Vermögens wurden sichergestellt.

Frei erfunden oder „vorgezogen“?

Es stellte sich heraus, dass die Rechnungen der Gesellschaft in Hongkong von Schnabel oder seiner Ehefrau verfasst wurden, dass ihnen keinerlei Lieferungen zugrunde lagen und die angeblichen Umsätze frei erfunden waren. Auf Geschäften mit VT Electronics basierten allerdings 86 Prozent der ausgewiesenen Umsätze des Jahres 1999, sogar 97 Prozent des Jahres 2000 und 96 Prozent des Jahres 2001. Tatsächliche Umsätze hatte Comroad somit in den Jahren seit seinem Börsengang so gut wie keine erzielt; der Erfolg an der Börse basierte allein auf Luftbuchungen.

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Schnabel wollte dies im Prozess so nicht gelten lassen. „Die Umsätze waren nicht frei erfunden“, sagte er vor dem Landgericht München. Es sei lediglich ein Fehler gewesen „vorgezogene Umsatzzahlen“ veröffentlicht zu haben. Auch heute noch ist Schnabel der Auffassung, von Geschäftspartnern und Banken hintergangen worden zu sein. Er habe niemanden täuschen wollen, gab er zu Protokoll.

In einem Gespräch mit der „Wirtschaftswoche“ sagte der mittlerweile 58 Jahre alte Schnabel im Herbst 2008: „Sicher gab es Sachen, die im Nachhinein nicht okay waren und für die ich geradestehen musste. Aber es war auch eine andere Zeit. Die ganze Bilanzierung am Neuen Markt war kritisch, und ich war Techniker und kein Wirtschaftsprüfer.“

Schadenersatzklagen ohne Ergebnisse

Das Gericht befand ihn gleichwohl für schuldig des Kursbetrugs in 17 Fällen, des verbotenen Insiderhandels in 22 Fällen, in drei Fällen in Tateinheit mit Betrug. Die Ad-hoc-Mitteilungen über gefälschte Zahlen hätten den Aktienkurs ungerechtfertigt in die Höhe getrieben, und Schnabel habe die überhöhten Kurse zum Verkauf eigener Aktien für viele Millionen Euro genutzt. Im Herbst 2005 kam Schnabel wieder auf freien Fuß.

Er gebe nun seinen Wohnsitz in Hongkong an, berichtet Anlegeranwalt Felix Weigend von der Kanzlei Rotter. „Er hat sich dem Zugriff entzogen und es ist daher offen, ob man seiner verbliebenen Vermögenswerte habhaft werden kann.“ Bei den Verfahren geprellter Aktionäre gegen Bodo und Ingrid Schnabel, die weitgehend noch nicht abgeschlossen sind, sei bisher erschreckend wenig herausgekommen.

„Der Bundesgerichtshof sah es als nötig an, dass jeder Kläger den Nachweis führen muss, dass eine ganz bestimmte Ad-Hoc-Meldung von Comroad unmittelbar zur Kaufentscheidung der Aktie geführt hat“, sagt Weigend. „In einem solch krassen Betrugsfall hätten wir dies nicht für nötig gehalten, und bei den Oberlandesgerichten München und Frankfurt hat man das überwiegend ebenso gesehen.“

Vergleiche

Alle von Rotter vertretenen Anleger haben jedoch immerhin bereits vor Jahren von der Comroad AG Geld erhalten. Die KPMG wurde von einer Mitschuld freigesprochen, schließlich seien die Wirtschaftsprüfer selbst getäuscht worden, war die Auffassung der Gerichte.

Auch die Banken, die Comroad an die Börse gebracht haben, blieben unbehelligt. Sie alle müssen sich jedoch vorhalten lassen, in einer Hype-Phase der Börse blauäugig einem Scharlatan nachgelaufen zu sein, der mit seinem vergleichsweise plumpen Betrug mit kritischer Distanz und einigen wenigen kritischen Nachfragen schnell hätte entlarvt werden können. Doch die Gier nach schnellem Geld hatte die Sicht aller Beteiligten vernebelt.

Wenig Interesse am Nachfolger

Das Unternehmen Comroad existiert derweil unter dem Namen Tracom Holding AG weiter. Nach eigenen Angaben produziert und vertreibt es innovative Medizinprodukte und bietet Lösungen in der Pfandleihbranche an. Auch Beteiligungen im Immobiliensektor zählen zum Geschäft der AG. Die Geschäftsleitung erwartet für 2009 ein positives Ergebnis.

So begeisterungsfähig wie noch vor neun Jahren sind die Börsianer allerdings längst nicht mehr. Der Aktienkurs von Tracom dümpelt in Regionen von 50 Cent und misst dem Unternehmen nurmehr einen Wert von nicht einmal einer Million Euro zu.

Quelle: F.A.Z.
Daniel Mohr  - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Daniel Mohr
Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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