Finanzskandale (7): Nick Leeson

"Als handele man mit Seifenblasen"

Von Bettina Schulz
07.03.2009
, 09:47
Verhaftung 1995 in Frankfurt
Weil er sich fern der Heimat selbst kontrollieren durfte, stürzte der junge Händler Nick Leeson die Traditionsbank Barings in den Ruin. Als er geflohen war, klebte ein Zettel an seinem Computer: „Es tut mir leid.“
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Am 23. Februar 1995 setzte Nick Leeson alles auf eine Karte. Verzweifelt versuchte der junge Händler von Barings an der Terminbörse Simex in Singapur heimliche Verluste über gewaltige Spekulationen auszugleichen.

„Ich hatte heute alles gekauft, was der Markt hergab“, schrieb er später atemlos über den Tag. „Ich stand noch immer total unter Strom, hatte Stunde um Stunde mit ausgestreckten Armen herumgefuchtelt, gebrüllt, Händlerzettel ausgefüllt und sie ins Back Office geschickt. Mit einer einzigen Handbewegung konnte ich Papiere im Wert von Millionen kaufen oder verkaufen. Dabei war es nur Papier, nicht Milch oder Brot oder sonst etwas, was man wirklich hätte brauchen können. Es war, als handelte man mit Seifenblasen.“

„Es tut mir leid“

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Es war der gefährliche Teufelskreislauf von Angst, Hoffnung und Panik, der sich bei Leeson in einen Kamikaze-Flug durch die abstrakte Zahlenwelt der Terminbörse wandelte. Am Ende des Tages hatte Leeson 220 Millionen Dollar Verlust gemacht. Der Gesamtfehlbetrag seiner Handelsgeschäfte lag bei 1,2 Milliarden Dollar.

Auslieferung nach Singapur
Auslieferung nach Singapur Bild: AP

Leeson wusste, dass dies die Zahlungsunfähigkeit von Barings bedeuten würde. Erschöpft klebte er einen Zettel an seinen Computer: „Es tut mir leid“, und floh. Er floh eigentlich nur, um nicht in einem asiatischen Gefängnis zu landen, um erst seiner jungen Frau alles zu gestehen, um heimlich nach Europa zu fliegen und dort Rechenschaft abzulegen. Er wusste, er würde auf Dauer nicht untertauchen können - wollte es auch gar nicht.

„Ich war ein ganz normaler Bankangestellter“

Entdeckt zu werden wäre ja der Moment, in dem das Spiel der Angst beendet gewesen wäre. Eine Angst, die Leeson Tag und Nacht fast aufzufressen drohte: Er biss sich zuletzt die Finger blutig, beruhigte sich mit dem Zuckerschub von Süßigkeiten, konnte nicht mehr schlafen, trank zu viel Alkohol, musste sich übergeben. „Dabei war ich eigentlich ein ganz normaler Bankangestellter“, sagte Leeson später. Er war kein Betrüger, der heimlich für sich selbst Millionen abzweigte.

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Die Geschichte war viel unspektakulärer, dafür jedoch nicht weniger verhängnisvoll - für die Bank und für Leeson. Barings war eine der traditionsreichen Handelsbanken Nordeuropas. Diese „Merchantbanken“ stammten ursprünglich aus Deutschland, Skandinavien und Holland.

Damalige Woll- und Tuchhändler, wie John Baring aus Bremen, zogen im 18. Jahrhundert und Anfang des 19. Jahrhunderts nach Großbritannien, um dort zunächst zu handeln, später den Handel zu finanzieren und schließlich weltweit in der internationalen Handelsfinanzierung tätig zu sein. Keine andere Merchantbank brachte es zu so großem Ruhm wie Barings, über die 1817 der Duc de Richelieu sagte: „Es gibt sechs Großmächte in Europa: England, Frankreich, Preußen, Österreich, Russland - und Baring Brothers.“

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„Vorsintflutliche Abwicklung“

Es gehörte zum Traditionsgeschäft dieser alten Handelsbanken, junge Mitarbeiter nach Übersee gehen zu lassen, um dort neue Geschäfte aufzubauen. Barings, Kleinworts, Flemings, Hambros und Schroders wären nie zu so großem Familienreichtum und Einfluss in der Londoner City gekommen, hätten die Banker sich nicht sehr weltoffen gezeigt und jungen Mitarbeitern schon früh Verantwortung in Übersee gegeben.

Es war daher nicht nur Naivität und Verantwortungslosigkeit, den mit seinen 27 Jahren relativ jungen Leeson 1992 nach Singapur zu schicken, um ihn dort im Terminhandel einzusetzen. Leeson hatte zunächst bei der Coutts Bank gearbeitet, dann bei Morgan Stanley das Geschäft der Wertpapierabwicklung gelernt und war 1989 zur Barings Bank gestoßen.

„Vorsintflutlich“ sei dort die Verbuchung und Abwicklung der Wertpapiergeschäfte gewesen, sagte Leeson später. Doch seine Kenntnisse und Erfolge in der Zentrale veranlassten die Geschäftsführung in London schließlich, ihn nach Singapur zu schicken, wo er das gewinnträchtige, aber eigentlich nicht besonders riskante Arbitragegeschäft tätigte. Fatalerweise war er jedoch sowohl für den Handel als auch für die Abwicklung und Verbuchung der Geschäfte verantwortlich - ein Kardinalfehler im Kontrollsystem.

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„Ich wurde immer dreister“

Es dauerte nicht lange, und ein Teufelskreislauf aus Heimlichkeiten, Verlusten und Betrug hatte sich entwickelt. Leeson sagte später, das Versehen einer Mitarbeiterin habe zunächst zu einem Verlust von 20.000 Dollar geführt, den er auf ein inaktives Konto mit der chinesischen Glücksziffer 88888 gebucht habe.

Der junge Händler hoffte, den Verlust schnell mit Spekulationsgewinnen ausgleichen zu können. Dies war zunächst auch erfolgreich, aber Leeson merkte, dass er so spekulieren konnte. „Ich kontrollierte mich selber, und weil ich glaubte, den Markt schlagen zu können, wurde ich immer dreister.“ Die Gewinne meldete er der Zentrale, die Verluste hingegen verbuchte er auf einem Geheimkonto, fälschte Dokumente und Abrechnungen und täuschte die Revision.

„Alle so neunmalklug“

Die Gleichgültigkeit und die Naivität in der Londoner Zentrale ließen ihn gewähren. „Die Leute am Londoner Ende von Barings sind alle so neunmalklug, dass sie sich nicht trauen, blöde Fragen zu stellen, um bloß nicht dumm dazustehen“, meinte der junge Händler.

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Die damals für die Bankenaufsicht zuständige Bank of England prüfte indessen nie, wie die internen Kontrollsysteme bei Barings angelegt waren. Zu sehr war das Verhältnis zwischen der Notenbank und den traditionsreichen Merchantbanken von gegenseitigem Vertrauen, Respekt und einer Atmosphäre des „Gentlemen's Club“ geprägt. London tappte im Dunkeln.

Die Erde bebt und Leeson fällt

Dies war unzeitgemäß, denn die „Reform“ des Big Bang 1985 hatte plötzlich erlaubt, dass Banken in das Wertpapiergeschäft einsteigen und Makler übernehmen durften. Ausländische Investmentbanken kauften sich in London ein, um altenglische Institute als Basis für ihr europäischen Bankgeschäft auszubauen. Damit hielt die traditionelle Bankenaufsicht der Bank von England nicht Schritt. Doch es bedurfte erst des Barings-Skandals, um dies zu ändern.

Leeson hatte Anfang 1995 dreistellige Millionenverluste angehäuft. Schließlich setzte er mit Spekulationsgeschäften auf den stabilen Verlauf des japanischen Aktienindex Nikkei. Am 17. Januar 1995 machte ihm jedoch das Erdbeben im japanischen Kobe einen fatalen Strich durch die Rechnung.

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Der Nikkei fiel weit unter den Indexbereich, den Leeson über seine Spekulationsgeschäfte abgesichert hatte. Der Bankangestellte versuchte durch Stützungskäufe den weiteren Kursverfall des Nikkei aufzuhalten, was ihn aber noch tiefer in die roten Zahlen trieb. Schließlich konnte er die Margin-Zahlungen der Terminbörse nicht mehr begleichen - das Spiel war aus. Es war der 23. Februar - zwei Tage vor seinem 28. Geburtstag.

„In Handschellen wie eine Beute vorgeführt“

Nach seiner Flucht tauchte er im März 1995 am Frankfurter Flughafen auf. Das Blitzlichtgewitter war gewaltig. Leeson wurde als größter Finanzbetrüger weltweit bekannt. „Die deutschen Behörden führten mich in Handschellen wie eine Beute den Medien vor“, kritisierte er später. Es sei die größte Erniedrigung seines Lebens gewesen.

Acht Monate saß er in Untersuchungshaft, bis ihn die Behörden in Singapur zu sechseinhalb Jahren Gefängnis verurteilten. London hielt sich bedeckt, hatte wenig Interesse an einem Verfahren, das nicht nur die Kontrollmängel von Barings, sondern auch noch die Versäumnisse der Bank von England breitgetreten hätte. Die Bank wurde unterdessen symbolisch für 1 Pfund an die holländische ING verkauft, die Geschäftsteile von Barings später weiterveräußerte.

Harte Zeiten

Die folgenden Jahre waren für Leeson eine bittere und harte Zeit. Er wurde nach Singapur überführt und saß dort vier Jahre in einer Zelle mit zwei anderen Insassen, schlief auf Kissen, ohne Bett, hatte eine Stunde Ausgang im Gefängnishof und wurde schließlich in eine dunkle Zelle abgeschoben.

Derweil wurde seine Geschichte unter dem Titel „High Speed Money“ verfilmt. Im Gefängnis fiel er schließlich durch Zufall einer Konsularangestellten auf, die ihn medizinisch untersuchen ließ. Diagnose: Krebs. Leeson wurde wegen guter Führung und der schlechten Diagnose vorzeitig entlassen. Es war eine harte Zeit: Seine Frau ließ sich von ihm scheiden, Operation und Chemotherapie setzten ihm zu.

Vom Derivate- zum Fußballmanager

Leeson bastelte sich ein neues Leben zurecht: schrieb ein Buch über seine Betrugsgeschichte, studierte Psychologie, schrieb ein Buch über Stress, heiratete eine junge Frau aus seinem englischen Heimatort Watford und lebt heute mit ihr und seinem Sohn im irischen Galway.

Gelegentlich half er im lokalen Fußballklub bei Finanzfragen aus, avancierte dann zum CEO und letztlich Verwaltungsrat von Galway United. Nicht dass Leeson sich im grünen Irland auf das Land zurückgezogen hätte. Er genießt die Abgeschiedenheit, hält aber auch gern gut bezahlte Reden über Betrug, Kontrolle und Aufsicht in der City.

Konsequenzen

Der Fall Leeson hatte Konsequenzen. Als die Labour-Regierung 1997, nur zwei Jahre nach dem Skandal um Barings, die Macht übernahm, reformierte der neue Schatzkanzler Gordon Brown als Erstes die Bankenaufsicht. Er entließ die Bank of England in die Unabhängigkeit, nahm ihr jedoch die Zuständigkeit für die Bankenaufsicht ab und übertrug diese auf die neu formierte Financial Services Authority.

Diese FSA konzentrierte sich in den Folgejahren vor allem darauf, rigoros die internen Kontrollsysteme der Banken zu überprüfen. Ein zweiter Fall Barings sollte um jeden Preis verhindert werden. Doch gerade wegen dieser in die Tiefe gehenden Einzelprüfung der Banken verlor die FSA das systemische Risiko der Institute und ihrer Handelsgeschäfte aus dem Auge - auch ein Grund für die heute so verhängnisvolle Finanzkrise.

Quelle: F.A.Z.
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