Finanzskandale (8): Bernard „Bernie“ Cornfeld

Vom Armenpfleger zum Millionär und Playboy

Von Benedikt Fehr
14.03.2009
, 09:55
Bernard Cornfeld liebte das schöne Leben
Bernard „Bernie“ Cornfeld beschritt beim Vertrieb von Investmentzertifikaten neue Wege. Zunächst hatte sein „Investors Overseas Services“ (IOS) großen Erfolg. Doch vielen Anleger gerieten ihre Investments zum Desaster.
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Vom Tellerwäscher zum Millionär: Bernard „Bernie“ Cornfeld gewann Millionen Kunden mit dem Versprechen, dass dieser uramerikanische Traum für sie Wirklichkeit werden könne. Für ihn selbst wurde der Traum tatsächlich wahr - aber für die meisten seiner Kunden und Mitarbeiter geriet er zum Albtraum. Als die von Cornfeld gegründete Investmentgesellschaft „Investors Overseas Services“ (IOS) 1973 zusammenbrach, markierte dies den bis dahin größten Finanzskandal in Deutschland seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs.

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Cornfeld war zeitlebens eine schillernde Persönlichkeit. Über seine Kindheit existieren sogar ganz unterschiedliche Versionen: Nach der ersten wurde er 1928 im New Yorker Stadtteil Brooklyn geboren, nach der zweiten kam er 1927 als Sohn rumänischer Eltern in Istanbul zur Welt und wanderte erst 1941 in die Vereinigten Staaten ein. Fest steht, dass er einer jüdischen Familie entstammte und in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen ist. Nach einer sozialpsychologischen Ausbildung arbeitete Cornfeld zunächst als Sozialfürsorger und Armenpfleger, später als Taxifahrer in New York.

Mit allen Wassern gewaschener Geschäftsmann

Von den frühen fünfziger Jahren an begann er mit dem Verkauf von Investmentzertifikaten. Damit verdiente er so viel Geld, dass er sich eine Europa-Reise leisten konnte. Während dieses Aufenthalts wurde ihm klar, dass das Investmentgeschäft in der Alten Welt noch unterentwickelt war.

Cornfeld machte sich daraufhin selbständig und gründete Mitte der fünfziger Jahre in Paris die „Investors Overseas Services“. IOS war zunächst ein Finanzdienstleister, der ganz darauf ausgerichtet war, den in Europa stationierten amerikanischen Soldaten die Geldanlage in amerikanischen Investmentzertifikaten zu ermöglichen. Das Geschäft lief blendend, zumal Cornfeld seinen Kunden angeblich auch Wege aufzeigte, Steuern zu umgehen. 1958 übersiedelte Cornfeld mit seinem Unternehmen nach Genf; die Stadt war damals noch mehr als heute eine Drehscheibe für die internationalen Kapitalströme. Es folgte ein kometenhafter Aufstieg.

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Das Schachtel-Imperium

Körperlich klein, aber voller Elan, war Cornfeld ein mit allen Wassern gewaschener Geschäftsmann und zudem ein geschickter Seelenfänger und Verkäufer. Um möglichst wenig Steuern zahlen zu müssen, baute er ein verschachteltes Firmenimperium auf. So siedelte sich die IOS 1960 als Aktiengesellschaft in Panama an, der erste IOS-eigene Investmentfonds „International Investment Trust“ domizilierte steuerbegünstigt in Luxemburg, der 1962 gegründete Dachfonds „Fund of Funds“ (FoF) ebenfalls steuersparend in Kanada.

1968 zählte das Imperium 16 eigene Investmentfonds, fünf Banken, sechs Versicherungsgesellschaften und drei Dutzend weitere Tochtergesellschaften. Auf undurchsichtige Art arbeiteten alle diese Unternehmen einander zu; viel Geld dürfte dabei letztlich auf Konten von Cornfeld gelandet sein, dessen privates Vermögen zeitweise auf mehr als 100 Millionen Dollar geschätzt wurde. Die Zentrale des Konzerns blieb aber in Genf, wo Cornfeld - der sich selbst als einen von Frauen umschwärmten Playboy inszenierte - in einem Schloss residierte.

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„Sei kein Opfer des Kapitalismus - nutze ihn“

Cornfeld kannte das Geschäft mit dem Vertrieb von Investmentzertifikaten von der Pike auf. Der eigentliche Motor von IOS war deshalb auch der enorm erfolgreiche Vertrieb dieser Zertifikate. Außerhalb der Vereinigten Staaten, nicht zuletzt in Deutschland, hatten die Banken das Investmentgeschäft bis dahin nur halbherzig betrieben.

Cornfeld nutzte diese Marktlücke und beschritt dabei neue Wege. Das Erfolgsrezept hatte mehrere Zutaten. Dazu zählten ungewöhnlich große Medienkampagnen, in denen mit flotten Sprüchen für das Finanzinstrument „Investmentzertifikat“ geworben wurde, das dem breiten Publikum noch fremd war: „Sei kein Opfer des Kapitalismus - nutze ihn“, lautete einer der Slogans, oder: „Wollen Sie wirklich reich werden?“

Zugkraft der Prominenz

Zur wirkungsvollen Unterstützung der Werbebotschaften umgab sich Cornfeld mit viel Prominenz, von Filmstars über Spitzensportler bis zu ehemaligen Spitzenpolitikern. Manche bekannten sich als IOS-Kunden, andere ließen sich von IOS als Mitarbeiter oder Berater anheuern.

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Für den Durchbruch von IOS in Deutschland sorgte, dass es Cornfeld 1968 gelang, Erich Mende, einen FDP-Spitzenpolitiker und ehemaligen Vize-Bundeskanzler, als Vorsitzenden des Verwaltungsrats der „IOS Deutschland“ zu gewinnen. Mende, ein mehrfach hochdekorierter Wehrmachtsoffizier, machte IOS in Deutschland salonfähig.

Enorme Erfolgsprovisionen - nie erreichte Rendite

Zentral für den Erfolg war das Heer hochmotivierter IOS-Vertriebsmitarbeiter, denen kein Weg zu weit war, um potentielle Kunden abends oder am Wochenende zu Hause aufzusuchen. Für diese Motivation sorgten enorme Erfolgsprovisionen: Die IOS-Vertreter verkauften vorzugsweise vieljährige Sparpläne, bei denen die Anleger regelmäßig fixe Beträge einzahlen mussten, zum Beispiel zehn Jahre lang monatlich 400 DM.

Die Vertreter erhielten bis zu 8,5 Prozent der vereinbarten Gesamtsparsumme - wobei die Provisionen größtenteils rasch nach Vertragsabschluss flossen, indem sie aus den ersten Sparbeträgen abgezweigt wurden. Viele IOS-Vertreter wurden dadurch rasch reich, auch wenn die Fonds die in Aussicht gestellten Renditen später nie erreichten. Ähnlich haben in den vergangenen Jahren viele Mitarbeiter von Investmentbanken für das Umpacken fragwürdiger Kredite in Wertpapiere und deren Vertrieb hohe Boni kassiert - und müssen nun nicht für die milliardenschweren Schäden haften, die durch den Ausfall dieser Kredite entstehen.

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In den sechziger Jahren lief das Geschäft von IOS zunächst wie geschmiert. Begünstigt wurde es teils durch steigende Aktienkurse an den Weltbörsen, möglicherweise aber auch durch ein Schneeballsystem, bei dem neu eingeworbenes Kapital in dem undurchsichtigen Konglomerat geschickt so eingesetzt wurde, dass die IOS-Fonds Wertzuwächse ausweisen konnten - was wiederum weitere Anleger anlockte. Geklärt wurden diese Vorwürfe nie.

Deutschland wichtigster Absatzmarkt

Auf dem Höhepunkt arbeiteten in Dutzenden Ländern rund um den Globus 8000 Vertreter für IOS, andere Quellen sprechen von 25.000. Im Jahre 1969 hatten mehr als eine Million Kunden den für damalige Verhältnisse schwindelerregenden Betrag von 8 Milliarden DM über IOS angelegt. Die aggressiven Verkaufsmethoden erregten allerdings in einigen Ländern - darunter den Vereinigten Staaten, der Schweiz, Großbritannien und Frankreich - das Missfallen der Behörden, so dass sich IOS dort zurückziehen musste. Nicht so in Deutschland: Mit mehr als 200.000 Anlegern wurde die Bundesrepublik zum wichtigsten Absatzmarkt für IOS.

Als eine Art Bonus hatte es Cornfeld den erfolgreichsten Vertriebsagenten erlaubt, ihm Aktien der IOS abzukaufen - und damit an deren Gewinnen zu partizipieren. 1969 brachte Cornfeld die IOS-Aktie an die Börse; das Unternehmen machte zu diesem Zeitpunkt allerdings bereits Verluste, angeblich wegen Cornfelds kostspieliger Repräsentationssucht. Eine Aktienbaisse tat das Übrige: Plötzlich lösten Cornfelds undurchsichtige Geschäfte einen Vertrauensverlust aus. Sparer verlangten ihr Geld zurück, der Absatz neuer Zertifikate brach ein, die Vertreter kündigten ihre Dienste auf, die IOS-Aktie sackte ab.

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Das Imperium bricht zusammen

Nach einer „Palastrevolution“ trat Cornfeld im Mai 1970 von der IOS-Führung zurück. Im Januar 1971 verkaufte er sein IOS-Aktienpaket für 5,5 Millionen Dollar an den amerikanischen Investor Robert L. Vesco. Für die IOS-Anleger sollte sich das als fatal erweisen: 1973 brach das IOS-Imperium zusammen.

Im gleichen Jahr warf die amerikanische Börsenaufsicht Vesco vor, die IOS-Fonds zu Lasten der Anleger ausgeschlachtet zu haben. Laut Anklageschrift soll Vesco 224 Millionen Dollar auf eigene Konten umgeleitet haben. Vesco flüchtete über die Bahamas und Costa Rica nach Kuba, dem Erzfeind der Vereinigten Staaten; dort war er zwar vor dem Zugriff der amerikanischen Behörden geschützt, lebte aber angeblich in ärmlichen Verhältnissen.

Nie verurteilt

Viele der Sparer, die IOS Geld anvertraut hatten, verloren den größten Teil ihres Geldes. Gerade deutsche Anleger, die angeblich 2,5 Milliarden DM über IOS investiert hatten, erlitten besonders große Einbußen. Die gerichtliche Abwicklung der Pleite zog sich über Jahre hin.

Cornfeld wurde im Mai 1973 in Genf festgenommen, die Vorwürfe reichten von Urkundenfälschung bis gewerbsmäßigen Betrug. Knapp ein Jahr später wurde er gegen eine Kaution von 5 Millionen Franken auf freien Fuß gesetzt. Die Behörden sahen sich außerstande, die Vorwürfe zu erhärten. Die Kautionssumme wurde um 4 Millionen Franken ermäßigt und für Ausschüttungen an Zivilkläger verwendet. Nach finanziellen Abfindungen zogen auch andere Kläger ihre Strafanträge zurück, so dass Cornfeld 1979 freigesprochen wurde.

Auch nach dem Prozess war Cornfeld noch ein vermögender Mann. Mehrere Anläufe, als Geschäftsmann wieder Fuß zu fassen, scheiterten, nicht zuletzt, weil er weiterhin ein ausschweifendes Leben mit Wohnsitzen auf seinem Schloss nahe Genf, in London und Beverly Hills führte. Nach Angaben einer seiner drei Töchter unterhielt er mehrere Jahre eine enge Beziehung zu Heidi Fleiss, der „Hollywood Madam“, die in der amerikanischen Filmmetropole einen berühmt-berüchtigten Callgirl-Ring führte. Cornfeld starb 1995 in einem Krankenhaus in London.

Quelle: F.A.Z.
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