Serie Finanzskandale (16): Herstatt-Bank

Die Bruchlandung der "Raumstation Orion"

Von Benedikt Fehr
09.05.2009
, 15:00
Iwan Herstatt
Die Kölner Herstatt-Bank war zwar klein, doch ihr Zusammenbruch im Jahre 1974 erschütterte die Finanzwelt. Als Folge wurden in Deutschland der Einlagensicherungsfonds gegründet und mehrere Gesetze und Vorschriften geändert. Zur Eindämmung wurde die CLS-Bank aufgebaut.
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Es war der bis dahin größte Zusammenbruch einer Bank in der deutschen Nachkriegsgeschichte - und die Folgen dieser Erschütterung wirken bis heute nach: Auf behördliche Anordnung musste die Kölner Herstatt-Bank am 26. Juni 1974 ihre Schalterhallen schließen. Einen Tag später beantragte das Institut wegen Überschuldung Liquidationsvergleich. Erst in diesem Mai, nach fast 34 Jahren, geht die Abwicklung dieses Vergleichs nun endlich ihrem Abschluss entgegen. Schon bald nach der „Herstatt-Pleite“ kam es freilich zu einer Reihe weitreichender Reformen. Ähnliches bahnt sich als Folge der aktuellen Bankenkrise auch nun wieder an.

Die Geschichte des folgenreichen Debakels beginnt im Jahre 1955. Damals übernimmt Iwan David Herstatt das kleine Bankhaus Hocker & Co. Für Herstatt wird damit ein Jugendtraum wahr, denn das Bankhaus war im Jahre 1727 von einem seiner Vorfahren gegründet worden. Nun tauft er es in I. D. Herstatt KGaA um. Den größten Teil des Kapitals der Bank steuert der Versicherungsmagnat Hans Gerling bei; der Jugendfreund Herstatts hält fortan als Kommanditist eine Beteiligung von rund 80 Prozent. Aus bescheidenen Anfängen wächst die Bank rasch heran. Herstatt ist ein begnadeter Verkäufer und im Klüngel - der Kölner Gesellschaft - bestens vernetzt: So mancher der rund 80 Vereine, denen Herstatt angehört, führt sein Konto bei der Herstatt-Bank, ferner viele Kölner Kirchen. 1974 zählt die Bank rund 52.000 Kunden; ihre Bilanzsumme ist seit 1956 von 72 Millionen auf rund 2 Milliarden Mark gestiegen.

Damals viel Geld

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Mit Beginn der 1970er Jahre treibt zudem der Devisenhandel das Geschäft kräftig an. 1971 ist die „Bretton Woods“-Währungsordnung mit ihren fixierten Wechselkursen zerbrochen. Seither schwanken die Wechselkurse zwischen dem Dollar und der D-Mark und anderen großen Währungen frei nach Angebot und Nachfrage. Das ist für die Devisenhändler eine neue Welt - und die Herstatt-Bank mischt von Anfang an kräftig mit. Chef des Devisenhandels ist Dany Dattel, der 1958 bei Herstatt als Lehrling angefangen hatte. Intern wird seine Abteilung bald „Raumstation Orion“ genannt, wegen des - für damalige Verhältnisse - großen Einsatzes von Computern und Telefonen. Dattel dirigiert das Geschäft von einem großen Handelstisch aus, der die Form einer abgeschnittenen Pyramide hat; seine Mannschaft ist eine Handvoll junger Devisenhändler, in der Bank heißen sie die „Goldjungs“.

Die Herstatt-Bank steigt bald zu einem der großen Spieler auf diesem Markt auf. Das Geschäft ist hektisch, hochriskant - und manchmal auch hochprofitabel. Denn die Wechselkurse schwanken stark: 1973 ist der Dollar zeitweise 3,15 Mark wert, ein paar Monate später nur noch 2,28 Mark. In der Bank bricht eine Art Goldrausch aus. Berichten zufolge zocken bald viele Mitarbeiter in der Zentrale mit, bis hin zum Pförtner. 1973 beträgt der Umsatz des Devisenhandels 24 Milliarden Mark - damals viel Geld.

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Nicht vollständig geklärt

Herstatts Händler arbeiten dabei weitgehend unkontrolliert, die behördliche Aufsicht macht seinerzeit dem Devisenhandel noch wenig Vorschriften. Nach den internen Vorgaben, so wird später behauptet, darf jeder der „Goldjungs“ täglich nur für 10 Millionen Dollar Devisen kaufen. Angeblich umgingen die Händler diese Limite aber, um ein größeres Rad drehen zu können. Dattel habe bei dem Computer- und Softwarehersteller Nixdorf eine „Abbruchtaste“ bestellt, schreibt Herstatt Jahre später in seinem Buch „Die Vernichtung“. Dies habe Dattel ermöglicht, Geschäfte zehn Tage unverbucht zu lassen und Verluste zu verschleiern. Nachträglich habe er festgestellt, dass Dattel seine Limite zeitweise um bis zu 750 Millionen Mark überschritten habe, behauptet Herstatt.

Wie die Verluste im Devisenhandel zustande gekommen sind, wird freilich auch in mehreren Zivil- und Strafprozessen nicht vollständig geklärt. Dattel beruft sich darin zum Beispiel auf eine Mitwisserschaft der Geschäftsführung. Angeblich soll er auch schon früh um Versetzung in eine andere Abteilung gebeten haben, da er den Erfolgsdruck, dem er sich ausgesetzt sah, nicht länger habe ertragen wollen. Auch hat offenbar der Chefrevisor der Herstatt-Bank durchaus vor Risiken im Devisenhandel gewarnt. Doch die Bank-Führung nimmt die Hinweise auf Unregelmäßigkeiten und drohende Verluste zunächst nicht ernst.

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Keine Anhaltspunkte für eine Schieflage

Bestätigt fühlt sich Herstatt dadurch, dass der Jahresabschluss 1973 von den Wirtschaftsprüfern ein uneingeschränktes Testat erhält. Auch ein Sondergutachten vom 11. März 1974 findet offenbar keine Anhaltspunkte für eine Schieflage. Doch schlagen die Spekulationen der „Goldjungs“ immer häufiger fehl. Nach einer weiteren bankinternen Prüfung belaufen sich die Verluste Mitte Juni auf 450 bis 520 Millionen Mark. Die Bankaufseher werden informiert. Verhandlungen des Haupteigentümers Gerling mit den Großbanken Deutsche Bank, Dresdner Bank und Commerzbank über eine Rettung der Herstatt-Bank scheitern. Noch am selben Tag ordnet die Aufsicht die Schließung der Filialen in Köln und Bonn an. An jenem Tag werden die Verluste auf 480 Millionen Mark beziffert. Am nächsten Morgen - die Bank hat inzwischen Vergleich beantragt - kommt es am Hauptsitz der Bank zu regelrechten Tumulten. Kunden wollen ihr Geld abheben, aber die Kassenschalter bleiben zu. An den deutschen Börsen fallen die Aktienkurse.

Der anschließende Vergleich erweist sich als schwierig und äußerst langwierig - und er erschließt nach Angaben von Fachleuten Neuland. So wird beschlossen, die Forderungen von 31.000 Kleinsparern mit Einlagen unter 20.000 Mark bevorzugt zu behandeln und rasch zu 100 Prozent zu erfüllen. Auch für die übrigen deutschen Gläubiger geht der Zusammenbruch letztlich vergleichsweise glimpflich aus: Privatkunden erhalten im Durchschnitt gut 80 Prozent ihrer Forderungen erstattet, Banken und Kommunen 73,5 Prozent. Mit Bankengläubigern im Ausland - den Partnern des Devisenhandels - werden gesonderte Vergleiche geschlossen, sie erhalten nach Auskunft des Insolvenzverwalters zwischen 5 und 90 Prozent zurück. Das Geld dazu stammt aus dem Restvermögen der Herstatt-Bank, dem privaten Vermögen von Herstatt, einem Feuerwehrfonds der deutschen Privatbanken und auch von Gerling, der einer Durchgriffshaftung auf sein Vermögen vorbeugen will. Um Geld aufzutreiben, verkauft er 51 Prozent seines Konzerns; später gelingt es ihm, die Anteile fast vollständig zurückzukaufen.

Weitreichende Konsequenzen

Die Staatsanwaltschaft wirft Herstatt, Dattel und einigen anderen Angestellten Untreue, Betrug, Konkursverschleppung und Verstöße gegen aktienrechtliche Bestimmungen vor. Herstatt sitzt 1976 sieben Wochen in Untersuchungshaft. Nach langwierigen Verfahren erhält er 1987 eine Bewährungsstrafe von zwei Jahren, die ihm später erlassen wird. Er stirbt - wie es heißt: verbittert - im Juni 1995. Die Rolle, die Chef-Devisenhändler Dattel in dem Debakel gespielt hat, bleibt zu einem guten Teil offen. Denn Dattel wird für verhandlungsunfähig erklärt.

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Banken und Bankaufseher ziehen aus dem Debakel weitreichende Konsequenzen. Zu den wichtigsten zählt, dass Deutschlands Privatbanken den Einlagensicherungsfonds gründen. Er soll Sparer und andere Bankkunden bis zu einer bestimmten Obergrenze vor den Folgen einer Bank-Insolvenz schützen - und hat dies bis heute auch getan. Auch die Liquiditäts-Konsortialbank (“Liko-Bank“), eine Gemeinschaftseinrichtung der deutschen Banken, die Kreditinstituten in Liquiditätsnot helfen kann, wird als Lehre aus der Herstatt-Krise gegründet. Weiter wird nach Darstellung von Juristen das Kreditwesengesetz so verschärft, dass nunmehr eine Haftung der Bankaufsicht aufgrund Amtspflichtverletzungen ausgeschlossen ist. Auch Gesetze über Antragsfristen für Konkurs- und Vergleichsverfahren werden schärfer gefasst.

„Herstatt-Risiko“

Das sogenannte Herstatt-Risiko hat auch international Konsequenzen. Dieses Risiko besteht darin, dass bei Devisengeschäften in unterschiedlichen Zeitzonen die beiden Geschäftspartner ihren jeweiligen Teil des Geschäfts zu unterschiedlichen Zeitpunkten erfüllen. Das kann dazu führen, dass der eine seine Zahlung schon geleistet hat, der andere aber nicht mehr die Gegenleistung erbringt, weil er inzwischen - wie im Fall Herstatt geschehen - von der Bankaufsicht geschlossen wurde. Die Aufsichtsbehörden drängen die Banken seither dazu, das „Herstatt-Risiko“ einzugrenzen.

Nach jahrelangen Vorarbeiten gründen daraufhin mehrere Großbanken im Jahre 1997 die CLS-Bank (für Continuous Linked Settlement, etwa: Durchgängig vernetzte Abwicklung). Die neue Bank geht schließlich im September 2002 in Betrieb. Inzwischen nehmen zahlreiche Banken direkt oder indirekt an dem System teil. Fachleute schätzen, dass die CLS-Bank gut die Hälfte des Devisenumsatzes, der auf täglich 3,2 Billionen Dollar veranschlagt wird, abwickelt. Das hat das Abwicklungsrisiko im Devisenhandel beträchtlich verringert - und illustriert, dass Politik und Wirtschaft manchmal aus leidvollen Erfahrungen durchaus segensreiche Lehren ziehen.

Quelle: F.A.Z.
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