Serie Finanzskandale (17): Göttinger Gruppe

Das Steiger-Modell

Von Hanno Mußler
21.05.2009
, 11:00
Trauma vieler Anleger
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Mit atypischen stillen Beteiligungen haben 250.000 Anleger mehr als 1 Milliarde Euro für die Altersvorsorge gespart. Die Göttinger Gruppe, einst die größte Gesellschaft am grauen Markt, ist seit Mitte 2007 insolvent. Manchen Anlegern drohen sogar Steuernachzahlungen.
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Eigentlich wollte die Göttinger Gruppe, nachdem sie allein 1989 drei Kapitalerhöhungen durchgeführt hatte, an die Börse. Doch es fand sich keine Bank, die den Börsengang organisieren wollte. Daher kamen die Stamm- und Vorzugsaktien der Hauptgesellschaft Securenta Vermögensmanagement und Immobilienanlage AG über den Stuttgarter Telefonhandel nicht hinaus.

Die zur Göttinger Gruppe gehörende Securenta Bank bemühte sich über ein Jahrzehnt hinweg vergeblich um eine Vollbanklizenz bei der Bankenaufsicht. Die Staatsanwaltschaft Braunschweig ermittelte mehrmals gegen die Göttinger Gruppe und ihre Beteiligungsgesellschaften.

Siebenjähriger Krieg gegen den Insolvenzantrag

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Vom Jahr 2000 an gelang es der Göttinger Gruppe, in sieben Jahren immerhin rund 80 Insolvenzanträge zum Teil im letzten Moment noch abzuwenden. Trotz dieser vom Misstrauen durch Behörden und Anleger begleiteten Firmengeschichte dauerte es bis zum Sommer 2007, bis auf Betreiben von Anlegern dann doch das Insolvenzverfahren eröffnet wurde. Zwischen dem gescheiterten Börsengang und der Insolvenz liegt der Aufstieg der Göttinger Gruppe zu Deutschlands größter Kapitalanlagegesellschaft am grauen Markt.

Vornehm residierte man in guten Tagen
Vornehm residierte man in guten Tagen Bild: ddp

Im Zentrum stehen drei Buchstaben: PSP. 1986, zum Start der Gruppe, stand PSP für Pensions-Spar-Plan. Später, als sich die Göttinger Gruppe einen seriöseren Anstrich geben wollte, nannte sie das Ganze von Mitte der neunziger Jahre an Persönliches Spar-Programm. Zwischenzeitlich soll die Hauptgesellschaft Securenta eine „Secu-Rente“ auch als Persönlichen Sachwert-Plan verkauft haben. Ein Marketing-Geniestreich war es in jedem Fall, blieben doch die drei Buchstaben PSP stets erhalten. Im Jahr 1992 wurde sogar der langjährige Sprecher der Tagesschau Werner Veigel als Repräsentant gewonnen. PSP tauchte auch als Sponsor auf dem Schleswig-Holstein Musik Festival von Intendant Justus Frantz auf.

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Ausnutzung des Steuerspartriebs

Heute weiß man: PSP war nicht nur eine optisch gut verpackte Anlageform, sondern auch ein hochriskantes System, das auf den Steuerspartrieb von Anlegern setzte. Bis zu 5000 selbständige Handelsvertreter brachten mit Verweis auf „PSP“ bis zu 270.000 Kleinanleger, angeblich vor allem in Ostdeutschland, dazu, stille Teilhaber an immer neuen verlustreichen Gesellschaften zu werden.

Dabei hatten sich viele Anleger darauf eingelassen, die vertraglich vereinbarten zu leistenden Einlagen erst noch durch monatliche Ratenzahlungen abzustottern. Insgesamt sollen der Göttinger Gruppe mehr als 1 Milliarde Euro Anlagegeld zugeflossen sein. Heute taxiert der Insolvenzverwalter das übriggebliebene Vermögen auf eine Million.

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Die Hoch-Risiko-Rente

Atypisch stille Gesellschafter sind Miteigentümer, die nicht nur am Gewinn und am Verlust, sondern auch am Vermögen der Gesellschaft beteiligt sind. Das schließt nicht nur das Anlagevermögen ein, sondern auch stille Reserven und gegebenenfalls Firmenwerte, sofern sie vorhanden sind. Riskant macht die Position des atypisch stillen Teilhabers, dass er sogar für Verluste haftbar gemacht werden kann, die über die Höhe der Einlage hinausgehen.

Nicht risikolos für Anleger machte die Göttinger Gruppe auch, dass sie keiner besonderen Aufsicht unterlag. Sie war zum Beispiel keine durch das Kreditwesengesetz streng regulierte Bank. Heute könnte man die Göttinger Gruppe am ehesten mit einer Private-Equity-Gesellschaft vergleichen, die von Anlegern Geld einsammelt, um Unternehmen zu kaufen.

Zum weit verzweigten Firmengeflecht der Göttinger Gruppe gehörten zeitweise der Fußballverein Tennis Borussia Berlin, eine Vielzahl von Immobiliengesellschaften, die Securenta Bank, das im Jahr 2001 durch die Aufsicht geschlossene und nach wie vor insolvente Bankhaus Partin wurde 1997 erworben, die Versicherung Gutinga selbst aufgebaut und im Jahr 2006 an Fortis verkauft, die in München börsennotierte Vermögensverwaltung Zucker & Co gehörte fast von Anfang an zum Imperium.

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Von einem Verlust zum nächsten

Die Göttinger Gruppe lockte die Anleger mit dem Clou, dass die Beteiligungsunternehmen zumindest anfangs Verluste machen. Das erschien deshalb attraktiv, weil stille Teilhaber dann drei Jahre lang Verluste in Höhe der Einzahlungen zugewiesen bekamen, die sie steuerlich geltend machen konnten. Das war vom Gesetzgeber damals so gewollt und geschah in dem Kontext der auch heute wieder aufgelebten Diskussion über die politisch gewünschte „Bildung von Vermögen in Arbeitnehmerhand“.

In der Göttinger Gruppe wurden nun die gesetzlich möglichen Optimierungen auf die Spitze getrieben. Immer neue Unternehmen wurden gegründet oder erworben. Nach der vorgesehenen dreijährigen Verlustphase einer Beteiligungsgesellschaft konnten die Anleger dann als stille Teilhaber in eine Folgegesellschaft überwechseln.

Diese Folgegesellschaft macht dann wieder drei Jahre Verlust, während die Vorgängergesellschaft beginnt, nach der anfänglichen verlustreichen Investitionsphase Gewinne zu erwirtschaften. So zumindest der Plan.

Allerdings kam es bei der Göttinger Gruppe am Ende selten dazu, dass Beteiligungsgesellschaften hohe und nachhaltige Gewinne machten. Ob dies unternehmerischen Unwägbarkeiten geschuldet war oder ob von Anfang an kaum Gewinnerzielungsabsicht vorlag und damit ein Schneeballsystem von langer Hand geplant war, ist unklar.

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Kein Ausweg aus dem Schneeball Richtung Abgrund

Als Ende der neunziger Jahre in Presseberichten das Geschäftsmodell der Göttinger Gruppe als „Schneeballsystem“ gegeißelt wurde, gab es Anleger, die daraufhin ihre Beteiligung kündigten und eingezahlte Beträge zurückforderten. Sie hatten damals jedoch schlechte Karten. Aus dem eingegangenen Gesellschafterverhältnis kam man nur in den seltensten Fällen wieder heraus.

Im Regelfall der sogenannten fehlerhaften Gesellschaft, als die auch die Göttinger Gruppe gelten konnte, wird bei Aufhebung des Gesellschaftsverhältnisses ein Auseinandersetzungsguthaben ermittelt. Dieses war im Fall der Göttinger Gruppe wegen der zugeteilten Verluste immer Null beziehungsweise sogar negativ, berichtet der Berliner Insolvenzverwalter Rolf Rattunde.

Am Ende bleibt nichts

Ein wichtiger Etappensieg für Anleger, der gleichzeitig das Ende der Göttinger Gruppe einleitete, war ein Urteil des Bundesgerichtshofs im Jahr 2004 zur fehlerhaften Gesellschaft. Erstmals konnten auf Schadensersatz klagende Anleger eine Rückerstattung ihrer Einlagen durchsetzen. Dies ist jedoch nur dann möglich, wenn sich der Bundesgerichtshof davon überzeugen lässt, dass Anleger von den Verkäufern der stillen Beteiligungen mangelhaft belehrt oder sogar getäuscht wurden. Das neue Urteil löste eine Prozesslawine von Anlegern aus und führte mit zur Insolvenz der Göttinger Gruppe im Sommer des Jahres 2007.

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Dass es jedoch immer auf den Einzelfall ankommt und durch das Urteil des Bundesgerichtshofs keine generelle Verbesserung der Position der stillen Gesellschafter einer fehlerhaften Gesellschaft erfolgt ist, zeigte sich gleich zu Beginn des Insolvenzverfahrens. Der erste Insolvenzverwalter trieb noch nicht gezahlte Einlagen stiller Teilhaber mit Zwangsvollstreckung ein.

Der zweite Insolvenzverwalter Rolf Rattunde hat diese Praxis beendet. Er hat zwar in einer vorläufigen Bilanz noch ausstehende Einlagen, die Anleger gemäß vertraglich vereinbarter Ratenzahlungen noch leisten müssen, mit 1,5 Millionen Euro taxiert. Rattunde geht aber davon aus, dass Anleger Schadensersatzansprüche wegen fehlerhafter Beratung durchsetzen werden und den Schadensersatz gegen die ausstehenden Einlagen werden verrechnen dürfen.

Ärger mit dem Finanzamt

Andere Anleger der Göttinger Gruppe sehen sich mit Forderungen auf Steuernachzahlungen von ihrem Finanzamt konfrontiert. So gibt es offenbar Fälle aus den Jahren, in denen die Göttinger Gruppe einen kleinen Gewinn ausgewiesen hat. Diesen rechnen manche Finanzämter Anlegern selbst dann zu, wenn ihnen kein Geld zugeflossen ist. Auch soll es Anleger geben, die erbrachte Einlagen wieder aus der Gruppe entnommen haben, um mit diesem Geld im „Steiger-Modell“ in Folgegesellschaften zu investieren. Auch sie sehen sich mit Steuernachforderungen konfrontiert.

Klar ist, dass, wenn es gut läuft, im Steiger-Modell die stillen Teilhaber eine Steuerwelle vor sich herschieben. Die Idee dahinter ist, dass das Steigen von einer zur nächsten Verlustgesellschaft in dem Moment endet, an dem die Anleger ins Rentenalter eintreten.

Wenn ihnen dann Gewinne ihrer Unternehmensbeteiligungen zugerechnet werden, haben sie auf lange Sicht eine Steuerminimierung erreicht, weil sie als Rentner in der Regel aus anderen Quellen weniger zu versteuerndes Einkommen haben als im Erwerbsalter. Jede vernünftige Finanzplanung versucht, steuerliche Erträge in Jahre zu verlagern, in denen die Steuersätze niedriger und die sonstigen Einnahmen insgesamt klein sein werden. Bei der Göttinger Gruppe allerdings blieben die Gewinne aus.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Mussler, Hanno
Hanno Mußler
Redakteur in der Wirtschaft.
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