Aktienmarkt Amerika

Anleger sollten sich zurückhalten

Von Mark Arbeter, technischer Chefanalyst bei S&P
19.10.2005
, 11:20
Kurzfristig scheinen die Börsen zwar überverkauft zu sein. Wichtige Indikatoren stehen gleichzeitig unmittelbar vor der Generierung eines bedeutenden langfristigen Verkaufssignals, so Mark Arbeter, technischer Chefanalyst bei S&P.

Der Aktienmarkt gab zu Beginn der vergangenen Woche deutlich nach und erreichte dabei fast eine wichtige mittelfristige Unterstützung, bevor er sich gegen Ende der Woche stabilisieren konnte. Auf kurze Sicht deuten viele Meßgrößen (dabei unter anderem Kurs, Umsatz sowie interne Bewertungsmaßstäbe) auf eine extrem überverkaufte Situation hin, und wir glauben, daß der Markt jederzeit zu einer Rally ansetzen könnte. Allerdings gibt es nach unserer Ansicht kaum Hinweise auf einen mittelfristig bedeutenden Tiefpunkt, so daß wir uns nach wie vor in Zurückhaltung üben würden.

Die führenden Indizes haben einigen technischen Schaden erlitten und sich rasch von ihren jüngsten, im August markierten zyklischen Höchstständen entfernt. Bei seinem Tagestief von 1.168,20 Punkten am Donnerstag, den 13. Oktober, hatte der S&P 500 gegenüber seinem Schlußhoch am 3. August (1.245,04) 6,2 Prozent eingebüßt. Beim Nasdaq Composite Index betrug das Tagestief am vergangenen Donnerstag 2.025,58 Punkte, womit sich der Index um 192,57 Punkte bzw. 8,7 Prozent von seinem Schlußhoch am 2. August (2.218,15) entfernt hatte. Der Philadelphia Semiconductor Index verlor unterdessen 10,9 Prozent gegenüber seinem Höchststand im August, der Oil Service Index gab im Wochenverlauf um fast 15 Prozent nach, und der Housing Index verzeichnete gegenüber seinem Schlußhoch Ende Juli einen Rückgang von mehr als 100 Punkten bzw. 17,3 Prozent.

Anzeichen für einen Bärenmarkt sind auszumachen

Das Kursgemetzel hat auch die Small Caps nicht verschont. Der Russell 2000 lag gegenüber seinem Schlußhoch Anfang August mit mehr als 10,7 Prozent im Minus. Die Schwäche im Markt ging dabei in erster Linie von Bereichen aus, die ansonsten Stärke beweisen, was in unseren Augen kein gutes Zeichen ist.

Bild: FAZ.NET

Unsere technischen Analysen deuten darauf hin, daß im früheren Verlauf dieses Jahres ein Bärenmarkt einsetzte - ein Prozeß, der sich sehr langsam herausgebildet hat - und sich viele Indizes mittlerweile in ihrer ursprünglichen Abwärtsphase befinden. In der Vergangenheit haben sich Markthochs nicht von heute auf morgen herausgebildet. Denn in der Regel ist es nie so, daß Aktien, Sektoren und Indizes alle zur gleichen Zeit ihren Höhepunkt erreichen. Wie sich feststellen läßt haben viele der oben genannten Indizes ihren Spitzenstand während der Sommermonate markiert. Der Dow Jones Industrials und der Dow Jones Transportation Index erreichten ihre Spitze jedoch bereits im März, während der Höchststand des Philadelphia Bank Index im Dezember 2004 war und damit noch weiter zurückliegt. Diese Nonconfirmations, bei denen einige Indizes ihren Höchststand früher erreichen als andere, sind Teil des Prozesses eines Bullenmarkt-Hochs sowie eines von vielen Merkmalen, die eine Hausse in fortgeschrittenem Stadium kennzeichnen.

Im vergangenen Jahr konnte auf Ebene der internen Indikatoren eine ziemliche Verschlechterung beobachtet werden. Davon abgesehen kommt es recht häufig vor, daß technische Indikatoren ihren Höhepunkt erreichen, noch lange bevor die führenden Indizes ihren Rückzug antreten (mitunter gibt es Vorlaufzeiten von zwölf bis 18 Monaten). Der jährliche Rate-of-Change-Indikator (ROC) im S&P 500 verzeichnete zum Beispiel während des zyklischen Bullenmarktes seinen höchsten Stand von 36 Prozent im Februar 2004. Seit dieser Zeit hat der S&P 500 höhere Kurshochs markiert, während der jährliche ROC nicht einmal in die Nähe seines Februar-Höchststands kam. Dieser langfristige Indikator gehört damit zu den vielen, die in bezug auf die Kursstärke eine eindeutige negative Divergenz aufgebaut haben.

Der Prozentsatz der über ihrem jeweiligen gleitenden 30-Wochen-Durchschnitt notierenden NYSE-Titel - ein weiterer Maßstab zur Beurteilung der Kursdynamik - erreichte im Januar 2004 seinen höchsten Stand. Seit dieser Zeit hat der Indikator trotz neuer Kurshochs des Index ebenfalls eine Serie niedrigerer Hochs markiert und liefert damit ein weiteres Beispiel für eine längerfristige negative Divergenz. Der Prozentsatz der NYSE-Aktien, die ein 52-Wochen-Hoch markieren, erreichte seinen Höchststand von 18,2 Prozent im Dezember 2003, was darauf hindeutet, daß in den beiden vergangenen Jahren immer weniger Titel von den neuen Indexhochs profitiert haben.

Langfristige Indikatoren stehen kurz vor einem Verkaufssignal

Man muß zwar zugeben, daß sich der Übergang von einem Bullen- zu einem Bärenmarkt auf historischer Basis schwer vorausschätzen läßt, trotzdem stehen andere langfristige Indikatoren ganz kurz davor, ein bedeutendes langfristiges Verkaufssignal zu geben. Aufgrund ihrer sehr langfristigen Natur kommen diese Signale nur sehr selten vor, was sie in unseren Augen aber nicht weniger bedeutend macht. Der monatliche, auf dem Kursverhalten des S&P 500 basierende MACD (der MACD beschreibt das Konvergenz/Divergenz-Verhältnis des gleitenden Durchschnitts) steht unmittelbar davor, seine Signallinie zu überschreiten, und somit kurz vor der Generierung eines bedeutenden Verkaufssignals. Seit Mai 2003 geht vom monatlichen MACD ein Kaufsignal aus. Zuletzt wurde von diesem Momentumindikator im Februar 2000, nahe des Bullenmarkt-Hochs, ein Verkaufssignal ausgelöst.

Auch der monatliche Stochastik-Oszillator dürfte sehr bald bearish werden, nachdem er im früheren Verlauf dieses Jahres einen extrem überkauften Zustand erreicht hatte. Genau wie der MACD hat der Stochastik-Oszillator auf Monatsbasis seit Anfang 2003 ein Kaufsignal gegeben. Ein Verkaufssignal ging von diesem Indikator zuletzt Ende des Jahres 2000 aus. Zur Bestätigung der Signale, die von diesen beiden langfristigen Momentumindikatoren ausgehen, verbinden wir sie mit dem ultralangfristigen exponentiellen gleitenden 20-Monats-Durchschnitt. Analog zu den beiden Momentumindikatoren werden von diesem gleitenden Durchschnitt nur sehr selten Signale generiert. Derzeit liegt der exponentielle gleitende 20-Monats-Durchschnitt bei 1163 und damit unweit entfernt vom aktuellen Stand des S&P 500. Ein Durchbrechen dieses wichtigen langfristigen Durchschnitts nach unten würde sein erstes Verkaufssignal seit November 2000 darstellen. Seit Juli 2003 notiert der S&P 500 oberhalb des exponentiellen gleitenden 20-Monats-Durchschnitts.

Die Anleiherenditen verzeichneten die dritte Woche in Folge einen Anstieg. Die Rendite zehnjähriger amerikanischer Treasuries legte am Freitag auf Intraday-Basis auf 4,53 Prozent zu und erreichte damit ihren höchsten Stand seit Anfang April. Diese Woche konnte die zehnjährige Rendite ihre im August markierten Höchststände überwinden, und seit Anfang Juni bildet sie eine Serie höherer Hochs und höherer Tiefs aus. Unterstützung findet sie als nächstes bei 4,55 Prozent. Diese Trendlinienunterstützung ist von den Renditehöchstständen im Mai 2004 und März 2005 abgeleitet. Chartunterstützung ist von den Höchstständen im März abgeleitet und befindet sich im Bereich von 4,5 bis 4,7 Prozent.

Die kurzfristigen Zinsen setzten ihren Aufwärtstrend ebenfalls fort. Für uns deutet dies darauf hin, daß die Federal Reserve wenigstens noch bis Anfang 2006 weiter an der Zinsschraube drehen wird. Die Rendite einjähriger Treasury Bills ist seit März 2004 kontinuierlich gestiegen und liegt mittlerweile bei über vier Prozent. Damit hat sie ihren höchsten Stand seit April 2001 erreicht. Nach unserer Einschätzung hat sich der Druck auf den Aktienmarkt erhöht, jetzt da zu guter Letzt sowohl die kurz- als auch die langfristigen Zinsen steigen.

Quelle: bearbeitet von @cri
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot