Aktienmarkt Amerika

S&P 500 und Nasdaq im Zeichen des Bären

Von Mark Arbeter, technischer Chefanalyst bei Standard & Poor's
25.10.2005
, 11:00
Prägt derzeit den S&P 500-Index: der Bär
Die Wall Street schwächelt schon das gesamte Jahr über. Die sogenannte Kopf-Schulter-Formation verheißt in diesen Tagen nichts Gutes für den Aktienmarkt. Und das Marktsentiment ist derzeit schwer zu deuten, so S&P-Charttechniker Arbeter.

In der vergangenen Woche hat der Aktienmarkt mit allen Mitteln versucht, ein kurzfristiges Tief wettzumachen. Doch die angedeutete Rally lief gegen eine Wand des Widerstands. Wenn dem Markt nach einer extrem überkauften Situation keine anständige Rally gelingt, dann deutet dies unserer Ansicht nach auf einen Bärenmarkt hin. Wir raten daher weiterhin, bei Aktien äußerst vorsichtig zu bleiben.

Die Entwicklung mittelfristiger zu langfristigen Topping-Formationen bei den Hauptindizes und Einzelaktien ist unserer Einschätzung nach von Bedeutung und verheißt nichts Gutes für Aktien im allgemeinen, sowohl im vierten Quartal wie zu Beginn des neuen Jahres.

Das Muster, das am weitesten verbreitet ist, ist die „bearishe“ Kopf-Schulter-Top-Formation. Sie besteht aus einer linken Schulter, einem Kopf und einer rechten Schulter. Gelegentlich ist die Kopf-Schulter-Formation symmetrisch, wenn sich die Schultern in gleicher Entfernung vom höchsten Punkt, dem Kopf, befinden.

S&P 500 und Nasdaq mit „bearisher“ Keilformation

Bei der Analyse von Chartformationen ist es unserer Meinung nach entscheidend abzuwarten, bis man die Bestätigung hat, daß die Formation vollständig ist. Erst dann kann man sagen, ob eine Trendwende stattgefunden hat und ob ein neuer Abwärts- oder Aufwärtstrend begonnen hat. Die Bestätigung für ein Kopf-Schulter-Top erhält man, wenn der Hals - die Trendlinie, die von den unteren Teilen der Schulter kommt - abbricht. Nur wenn diese Linie dreht, liegt der Nachweis für eine Trendwende vor.

Eine Grundregel der Technischen Analyse besagt, daß die erwartete Bewegung nach einer vollständigen Formation um so größer ausfällt, je größer das Kursmuster - nämlich sowohl Formationslänge als auch Formationshöhe - ist. Leider sehen wir bei den Wochencharts zahlreiche Kopf-Schulter-Formationen, die sich während der vergangenen knapp zwei Jahre herausgebildet haben. Zu den Indizes, die vollständige Kopf-Schulter-Tops aufweisen, gehören der Dow Jones Industrials, Morgan Stanley Cyclical, Philadelphia Bank, Philadelphia Housing, Goldman Sachs Software, S&P Consumer Discretionary, S&P Materials und S&P Telecom Services.

Ein weiteres geläufiges Topping-Muster, das ins Auge fällt, ist die „bearishe“ steigende Keil-Formation. Sie bildet sich nach einem schnellen Vorstoß heraus und besteht aus zwei Trendlinien. Die untere Trendlinie, die sogenannte Unterstützung, ist dabei steiler als die obere Trendlinie, der Widerstand. Um die Formation zu vervollständigen, muß die untere Trendlinie auf die obere treffen. Indizes mit einer kompletten „bearishen“ Keil-Formation sind der S&P 500, der Nasdaq, der Russell 1000, 2000 und 3000, der Value-Line (Geometric) und der Wilshire 5000.

Möglichkeit für eine kurzfristige Rally

Der Vorteil bei Trendumkehr-Formationen ist, daß sie den Technischen Analysten genaue Aufwärts- und Abwärtsziele geben, wenn das Muster erst einmal vollständig ist. Beim Kopf-Schulter-Top wird der Abstand zwischen Halslinie und Kopf vom Wendepunkt abgezogen, um ein potenzielles Kursziel zu erhalten. Der Abstand zwischen Halslinie und Kopf liegt beim Dow-Jones-Index beispielsweise bei rund 960 Punkten. Wenn man dies vom Wendepunkt bei 10.300 Punkten abzieht, ergibt sich eine Bewegung bzw. ein Kursziel von 9340 Punkten. Bei der steigenden „bearishen“ Keil-Formation deutet dies auf einen kompletten Rückgang zum tiefsten Punkt des Musters hin. Beim S&P 500 würde dies ein Kursziel von 1063 Punkten bedeuten, was dem Tief vom August 2004 entspricht. Zwar ist in der Welt der Anleger nichts in Stein gemeißelt, doch diese großen Umkehrformationen sollten unserer Ansicht nach im Auge behalten werden.

Was den Ausblick auf den Aktienmarkt in der nahen Zukunft angeht, sehen wir noch immer die Möglichkeit für eine kurzfristige Rally. Aufgrund der überwiegend pessimistischen mittel- bis langfristigen Aussichten würden wir allerdings nur ungern daran teilhaben. Der S&P 500 hat kürzlich eine gute Unterstützung im Bereich zwischen 1170 und 1175 Punkten gefunden. Dies ist das obere Ende der Unterstützungszone von den Tiefs im April zwischen 1137 und 1178 Punkten.

Auf dem Weg nach oben muß der Index unserer Ansicht nach viele Hürden nehmen. Widerstand für die Trendlinie kommt von den Tiefs im August 2004 und April 2005, wo früher eine Unterstützung war, bei 1194 Punkten. Der Chartwiderstand liegt zwischen 1190 und 1210 Punkten. Der exponentielle gleitende 200-Tage-Durchschnitt befindet sich bei 1196 Punkten. Dort hat der S&P 500 nach dem gewaltigen Sprung vom Mittwoch seinen höchsten Punkt erreicht. Der exponentielle gleitende 150-Tage-Durchschnitt liegt bei 1203 Punkten und der exponentielle gleitende 50-Tage-Durchschnitt bei 1208. Der Widerstand für die Trendlinie, der von den Hochs im September und Oktober stammt, kommt bei 1220 Punkten.

Marktsentiment derzeit schwer zu deuten

Das Marktsentiment ist unserer Meinung nach derzeit schwer zu deuten, da sich viele Widersprüche zeigen. So ist etwa das CBOE Put/Call-Ratio gestiegen, während das Equity-only-Ratio ziemlich niedrig ist. Das 30-Tage CBOE Put/Call-Ratio hat am 14. Oktober die 1015-Punkte-Marke erreicht, der zweithöchste Stand, den wir je gesehen haben. Unsere Daten gehen zurück bis ins Jahr 1989. Das Allzeithoch beim 30-Tage CBOE Put/Call-Ratio lag am 12. Dezember 1994 bei 1017 Punkten und damit genau beim Jahrestief.

Das 30-Tage Equity-only Put/Call-Ratio lag unterdessen am 20.Oktober bei 0,64 und war damit näher am tiefsten Punkt der Spanne als am höchsten. Eine Umfrage von „Investor's Intelligence“ unter den Verfassern von Börsenbriefen hat eine Abwanderung vom Lager der Bullen ins Lager der Bären ergeben. Die Börsenbriefschreiber sind allerdings noch immer verhältnismäßig optimistisch. In der neuesten Umfrage sind 45,3 Prozent Bullen und 29,5 Prozent Bären. Bei den Umfragen von Consensus und Market Vane gibt es rund 60 Prozent Bullen. Sie sind damit weit entfernt von den typischen 30 bis 40 Prozent Bullen, die für gewöhnlich an den Tiefständen des Marktes zu beobachten sind.

Der Anleihemarkt könnte in der vergangenen Woche eine kurzfristige Trendwende eingeleitet haben. Die Renditen der zehnjährigen Treasuries haben im Bereich von 4,50 Prozent eine starke Unterstützung gefunden. Die Anleihen sind auf den Chartwiderstand und den Widerstand für die Trendlinie bei 4,39 Prozent zurückgegangen. Zusätzlicher Widerstand liegt im Bereich zwischen 4,20 Prozent und 4,30 Prozent.

Interessant erscheint uns bei den Anleihen, daß die letzten zwei Bewegungen nach oben bei den Renditen ungefähr 30 Handelstage gedauert haben, wobei jede Bewegung etwa 50 Basispunkte umfaßte. Auf den ersten Anstieg bei den Renditen, von Ende Juni bis Anfang August, folgte ein achtzehntägiger Zeitraum fallender Renditen. Sollte sich dieses Muster wiederholen, könnten die Renditen um den 9. November ihren Tiefstand erreichen, bevor der nächste Anstieg kommt.

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