Aktienmarkt Amerika

Sell in May, but don't walk away

Von Sam Stovall, S&P für Businessweek Online
06.05.2005
, 07:48
Aktien schneiden zwar in den Monaten von November bis April tatsächlich besser ab, aber ein Engagement in defensiven Sektoren könnte sich zwischen Mai und Oktober lohnen, meint Sam Stovall von S&P.

An der Wall Street hört man häufig, daß Anleger ihre Aktien im Mai verkaufen und sich aus dem Markt zurückziehen sollten. Wie soll man das verstehen? Historisch gesehen fallen die Aktienkursbewegungen in den Monaten zwischen November und April stärker aus als zwischen Mai und Oktober. Der Wall-Street-Sinnspruch drückt also aus, daß die Anleger im Mai ihre Aktienanlagen zu Bargeld machen - und so eine typische Schwächephase für Aktien vermeiden - und dann im November wieder in den Aktienmarkt einsteigen, wenn in der Regel eine Kurserholung einsetzt.

Betrachtet man die Kursentwicklung des S&P 500 von Mai 1945 bis April 2005, so zeigt sich, daß diese Maxime durchaus ihren Sinn hat. Aber sie gilt nicht unbedingt für alle Marktsegmente, wie wir hier zeigen wollen. Der S&P 500 legte in diesem Zeitraum (ohne Wiederanlage der Dividenden) in den Monaten von November bis April durchschnittlich um sieben Prozent zu; von Mai bis Oktober stieg er dagegen im Durchschnitt nur um 1,5 Prozent an. Zudem entwickelten sich die Aktienkurse in 69 Prozent der Jahre von November bis April besser als zwischen Mai und Oktober.

Bargeldspritzen

Die alte Wall-Street-Weisheit erwies sich auch 2004, wie schon in fünf der sechs vorhergehenden Jahre, als zutreffend; der S&P 500 legte vom 31. Oktober 2003 bis zum 30. April 2004 um 5,4 Prozent zu, kletterte vom 30. April 2004 bis zum 31. Oktober 2004 jedoch nur um 2,1 Prozent. Angesichts des Rückgangs des Index um zwei Prozent im April (und um mehr als vier Prozent seit Jahresbeginn) scheinen einige Anleger jedoch in diesem Jahr etwas früher ausgestiegen zu sein.

Historisch gesehen ist der September der schlechteste Monat für den S&P 500, und der schlechteste Dreimonatszeitraum ist das dritte Quartal. Nach Auffassung von S&P ist dies darauf zurückzuführen, daß die Analysten ihre Gewinnprognosen für das Gesamtjahr in der Regel kurz vor der Veröffentlichung der Ergebnisse für das dritte Quartal zurücknehmen. Der Oktober ist historisch gesehen der Monat, in dem der Aktienmarkt die Talsohle erreicht. Dementsprechend ist das Niveau des S&P 500 Anfang November im Vergleich zu anderen Monatsanfängen relativ niedrig. Und somit ist der Ausgangspunkt für die Monate zwischen November und April recht gering.

Zudem erhält der Aktienmarkt in den Monaten zwischen November und April zweimal umfangreiche Kapitalspritzen: einmal im Januar, wenn die Pensionsfonds in der Regel große Investitionen tätigen, und einmal im April, wenn zahlreiche Privatleute ihre Pensionspläne (IRAs) aufstocken. Im November geben zudem die Analysten Prognosen für die kommenden fünf Quartale ab, nicht nur für eines oder zwei.

Ein Rückblick

Haben sich die einzelnen Sektoren des S&P auch so ungleichmäßig entwickelt? In den vergangenen 15 Jahren (der längste Zeitraum, für den Sektordaten nach dem weltweiten Branchenklassifizierungsstandard für den S&P 500 verfügbar sind) scheint sich auch hier ein deutliches, saisonales Muster abgezeichnet zu haben.

Die Tabelle auf www.businessweek.com/investor zeigt die einfache, durchschnittliche Kursentwicklung (ohne Wiederanlage der Dividenden) der einzelnen Sektoren des S&P 500 in den beiden genannten Sechsmonatszeiträumen von April 1990 bis April 2005, wobei gleichzeitig auch die Häufigkeit eines überdurchschnittlich guten Abschneidens aufgeführt wird. Letzteres hilft, die Sektoren auszufiltern, deren durchschnittliche Entwicklung durch einen oder zwei Ausreißer verzerrt wird.

Genau wie der Gesamtmarkt haben die meisten Sektoren in den Monaten von November bis April besser abgeschnitten (die Hervorhebungen zeigen, welche Sektoren in mindestens 67 Prozent der Jahre überdurchschnittlich gut abgeschnitten haben). Im Durchschnitt entwickelte sich kein Sektor in den Monaten von November bis April negativ, zwei Sektoren verzeichneten jedoch zwischen Mai und Oktober durchschnittlich Kursrückgänge.

Diese Analyse zeigt, daß Market-Timer sich voraussichtlich gar nicht die Mühe machen werden, von November bis April long in den S&P 500 zu gehen und dann von Mai bis Oktober in Liquidität zu investieren, da die Rendite für das Gesamtjahr nach Provisionen aller Wahrscheinlichkeit nach deutlich schlechter wäre, als wenn sie das ganze Jahr lang im S&P 500 investiert blieben.

Lohnende Strategien

Wenn man jedoch von November bis April long im Gesamtmarkt ist und dann eine defensive Strategie verfolgt, indem man von Mai bis Oktober entweder in grundlegende Konsumgüter oder Aktien aus dem Gesundheitssektor investiert, dann könnte sich diese Mühe durchaus lohnen, wie die Grafik zeigt.

Insgesamt wurde in 15 Jahren eine jährliche Zuwachsrate von 8,7 Prozent für den S&P 500 erzielt (ohne Wiederanlage der Dividenden). Bei einer Investition in den S&P 500 von November bis April und einer Umschichtung in grundlegende Konsumgüter von Mai bis Oktober hätte sich dagegen eine Rendite von 12,5 Prozent pro Jahr ergeben. Bei einer ähnlichen, regelmäßigen Umschichtung in den Gesundheitssektor statt in grundlegende Konsumgüter hätte sich sogar eine durchschnittliche Rendite von 13,3 Prozent ergeben. Bei einer regelmäßigen Umschichtung der Anlagen im Mai bis Oktober in entweder grundlegende Konsumgüter oder den Gesundheitssektor statt in Liquidität hätten die Anleger ihre Renditen um 44 bis 53 Prozent erhöhen können.

Die in dem Beitrag geäußerte Einschätzung gibt die Meinung des Autors und nicht die der F.A.Z.-Redaktion wieder.

Quelle: Bearbeitung: @thwi
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