Anlagepsychologie

Der Börsencrash von 1987 - und die Lehren für 2007

Von Ben Steverman
15.10.2007
, 12:17
Sie genießen den Höhenflug des Dow Jones? Machen Sie es sich nicht zu bequem. Der Marktzusammenbruch am schwarzen Montag soll daran erinnern, wie schnell sich die Einschätzung der Investoren ändern kann.

Während die großen Aktienindizes heute neue Höchststände erreichen, lohnt sich ein Blick zurück in deutlich düstere Zeiten, als Investoren auf grausame Weise klargemacht wurde, dass der Wert ihrer Investments von so etwas Unvorhersehbarem wie einem Stimmungsumschwung abhängen kann. Es passiert immer wieder, dass sich Angst durch einen Schneeballeffekt zu Panik entwickelt und die Finanzmärkte überrollt. Der Zusammenbruch der Aktienmärkte im Oktober 1987 ist hierfür ein Paradebeispiel .

An den fünf Handelstagen vom 13. Oktober bis zum 19. Oktober 1987 verlor der Dow Jones Industrial Average Index ein Drittel seines Wertes und ungefähr eine Billion Dollar an Marktwert wurde vernichtet. Die Verluste gipfelten in einem panikartigen Rückgang des Dow Jones um 22,6 Prozent am schwarzen Montag, dem 19. Oktober 1987. Der traumatische Rückgang löste Rezessionsängste aus und bereitete ein Stück Boden für eine weitere große Depression.

Ein Zusammenbruch von Aktienmärkten war auch 1987 keineswegs ein neues Ereignis, aber die vorherigen Finanzkrisen - etwa im Jahr 1929 - ließen sich oft auf die fundamentalen Probleme in der amerikanischen Wirtschaft zurückführen. Der Nervenzusammenbruch des Aktienmarktes von 1987 ist viel schwerer zu erklären. Besonders angesichts der nachfolgenden Ereignisse: Nach ein paar Monaten des relativen Stillstands waren die Märkte plötzlich wieder da. Der breit angelegte Index Standard & Poor´s 500 schloss 1987 mit einem moderaten Plus von 2,59 Prozent. Und in weniger als zwei Jahren waren die Kurse wieder zu ihren Höchstständen vor dem 87-er Crash zurückgekehrt.

Im Nachhinein finden sich viele gute Crash-Gründe

Noch wichtiger für die Amerikaner allerdings war eine weiterhin schwungvolle amerikanische Wirtschaft. Die Firmengewinne waren kaum zusammengezuckt. Bis zum heutigen Tag kann keiner mit Sicherheit sagen, warum sich die Märkte den 19. Oktober für ihren Crash ausgesucht haben. Laut Paolo Pasquariello, Professor für Finanzen an der Ross School der Universität Michigan, hat der mysteriöse Zusammenbruch von 1987 die Akademiker dazu veranlasst, neue Ansätze zur Analyse von Finanzmarktkrisen zu entwickeln.

Anstatt sich nur auf die wirtschaftlichen Fundamentaldaten zu konzentrieren, achten sie jetzt stärker auf die „Mikrostruktur des Marktes“, das heißt auf die Art und Weise, wie die Marktteilnehmer beim Aktienhandel agieren und auf den Prozess, der im Markt bei der Kursbestimmung wirksam wird.

Es stimmt: Im nachhinein gibt es viele gute Gründe für den Crash von 1987. Die Aktienkurse waren 1987 fast das ganze Jahr über sprunghaft angestiegen und der Markt war bereits überbewertet. Der Anstieg der Aktienkurse war immerhin deutlich größer als der Zuwachs der Unternehmensgewinne. Neue Handelssysteme und noch unerprobte Investmentstrategien belasteten den Markt. Es gab Sorgen um die wirtschaftlichen Auswirkungen der Spannungen am Persischen Golf.

Auf einmal machte es klick

Aus irgendeinem Grund kam es an der Wall Street zu einem plötzlichen Stimmungsumschwung und alle Aktionäre versuchten auf einmal, ihre Papiere zu verkaufen. „Es machte klick“ , wie Chris Lamoureux, Professor für Finanzen an der Universität von Arizona sagt.“ Es war, als würden die Zuschauer eines voll besetzten Theaters versuchen, durch einen einzigen Ausgang nach draußen zu gelange“ .

Eines ist völlig normal auf den Finanzmärkten: Für jede Aktientransaktion wird ein Käufer und ein Verkäufer benötigt. Sobald Nachrichten oder ein Stimmungsumschwung einen Mangel an Käufern oder Verkäufern auf dem Markt erzeugen, können die Aktienkurse steil ansteigen, oder auch abstürzen. Meistens ist das Gleichgewicht schnell wieder hergestellt. Niedrigere Preise ziehen neue Käufer an, die zum Beispiel auf eine gute Kaufgelegenheit warten.

Manchmal allerdings gerät die Situation außer Kontrolle, so, wie es 1987 und in vielen echten Krisen der Fall war. Was in diesen Momenten passiert, ist ein Mysterium, das am besten durch eine tief verwurzelte Dynamik der menschlichen Natur erklärt werden kann.

In der Krise verlieren wir unser Vertrauen

Normalerweise gehen die Investoren davon aus, dass sie die Welt verstehen, wie der Experte für Behavioural Finance, Hersh Shefrin, ein Professor an der Universität von Santa Clara, erklärt. In einer Krisensituation „geschieht etwas Unerwartetes und wir verlieren unser Vertraue“, wie Shefrin sagt. „Panik ist letztlich der Verlust von Selbstkontrolle. Und dann übernimmt die Angst das Steuer“

Doch warum handeln in einer solchen Situation nicht die intelligenten Investoren beim Anblick der anderen, panischen Verkäufer und kaufen die Aktien zu Schnäppchenkursen?

Zunächst einmal ist es inmitten einer Krise sehr schwer zu beurteilen, ob die Marktteilnehmer rational oder irrational handeln. In diesem Sommer verweigerten die Käufer den Eintritt in die Kreditmärkte, weil sie Angst vor riskanten Immobilienkrediten hatten. Es wird noch Monate dauern, wenn nicht Jahre, bis man das ganze Ausmaß der Verluste aus den Subprime Darlehen beziffern kann. Außerdem ist es für jeden einzelnen eine Herausforderung, einen kühlen Kopf zu bewahren.“ Es ist schwer, die Gefühle unter Kontrolle zu behalten, wenn das eigene Geld auf dem Spiel steh“ , so Shefrin.

Der Griff in das fallende Messer

Und auch wenn man glaubt, dass der in Panik geratene Markt eine gute Einstiegsgelegenheit bietet, möchte man doch warten, bis der Markt seinen Boden erreicht hat. Wenn ein Markt sich im freien Fall befindet, ist der Kauf von Aktien mit dem Griff in ein fallendes Messer zu vergleichen und beschert sofortige Kursverluste.

Aber nicht nur die Käufer halten sich in so einer Situation zurück. In einem fallenden Markt tauchen wie aus dem Nichts zahlreiche Verkäufer auf. Die Finanzierung von Aktien ist einer der Gründe dafür: Viele Investoren kaufen Aktien mit geliehenem Geld und können sich daher zu hohe Kursverluste nicht erlauben, ohne dass sie die eigene Insolvenz fürchten müssen.

Dies ist eine Erklärung für den vorübergehenden, drastischen Rückgang auf vielen Finanzmärkten im Sommer 2007. Die Verluste aus gehebelten Immobiliendarlehen veranlassten viele Hedge-Fonds dazu, alle verfügbaren Assets auf den Markt zu werfen, um Barmittel zu beschaffen.

Wie bändigt man eine panische Anlegerherde?

Häufig wird gesagt, dass die Lösung für einen in Panik geratenen Markt darin besteht, die Herde verängstigter Investoren zu bremsen, die allesamt in dieselbe Richtung laufen. Nach neuen, seit 1987 eingeführten Regeln auf dem Aktienmarkt wird nach Eintritt hoher Verluste der Aktienhandel ausgesetzt. Auf dem amerikanischen Aktienmarkt gibt es einen Handelsstop, sobald die Kursverluste an einem Handelstag zehn Prozent betragen.“ Wenn man den Leuten ausreichend Zeit gibt, werden sie herausfinden, dass für den Kursrückgang keine fundamentalen Gründe bestehe“ , so Pasquariello von der Universität Michigan.

Es gibt aber noch eine andere Art der Therapie für übermäßig emotional geprägte Märkte. Und die besteht in der Bereitstellung von Information. Im Jahr 1929 und während anderer, früherer Finanzkrisen, gab es keine Computersysteme, die verfügbaren Wirtschaftsdaten waren knapp und das Finanzreporting der Unternehmen war vielen Marktteilnehmern suspekt.“ Das einzige, was die Leute in den 20-er Jahren wussten, ist, dass Panik herrscht und alle verkaufe“ , so Reena Aggarwal von der Universität Georgetown.“ Es stand deutlich weniger Information zur Verfügung“ Investoren verfügten1987 und heute noch in viel größerem Ausmaß über Informationsquellen für verlässliche Markt- und Wirtschaftsdaten, um sich mutig gegen den Herdentrieb stellen zu können. Dies ist einer der Gründe, warum die Märkte die Krisenfolgen von 1987 so schnell abschütteln konnten, wie Aggarwal hinzufügt.

Tempo rausnehmen, mehr Informationen

Man kann das Tempo aus den Märkten nehmen, die Handelsregeln reformieren und noch mehr Informationen beschaffen, aber die Panik auf den Finanzmärkten wird nie ganz verschwinden. Es scheint zu unserer menschlichen Natur zu gehören, eine Situation plötzlich neu zu bewerten, in Panik zu verfallen und dann, zusammen mit allen anderen gleichzeitig, zu handeln.

Viele halten die Märkte für eine labile Balance zwischen Angst und Gier. Oder, in anderen Worten, zwischen irrationaler Übertreibung und ungerechtfertigtem Pessimismus. „Um die Balance aus dem Gleichgewicht zu bringen reicht es aus, wenn Marktteilnehmer massenhaft in eine Richtung dränge“, wie Shefrin sagt.

Was sollte also ein Einzelinvestor beim Eintritt einer Finanzkrise tun? Wenn Sie wirklich sicher sind, dass fundamentale Veränderungen eingetreten sind und die Wirtschaft auf eine Rezession oder sogar eine weitere Depression zusteuert, ist es wahrscheinlich in Ihrem Interesse, zu verkaufen. Aber die meisten Experten raten zum Abwarten, ohne etwas zu unternehmen.“ Unter volatilen Marktbedingungen ist es sehr wahrscheinlich, dass andere Leute aus Ihrem Handeln einen Nutzen ziehe“ , meint Lamoureux von der Universität Arizona. „Dies ist oft eine sehr gefährliche Zeit für den Aktienhande“ .

Eine gefährliche Zeit für den Aktienhandel

„Die Chance, dass Sie in dieser Situation das Richtige tun, ist sehr gering“ , fügt Shefrin hinzu. Man solle nicht kurzfristig denken, rät er, und sich an die langfristigen Durchschnittsgewinne erinnern. Beispielsweise solle man daran denken, dass Aktienkurse in der Vergangenheit in zwei von drei Jahren angestiegen sind. Außerdem sei es nahezu unmöglich, eine Zukunftsprognose abzugeben.

Somit scheint eine weitere Panik an den Finanzmärkten unvermeidbar. Aber bitte entspannen Sie sich: es gibt wahrscheinlich ohnehin nichts, was Sie dagegen unternehmen könnten. Jede Ihrer Handlungen könnte Ihre Situation noch verschlechtern. Der beste Rat wäre vielleicht, ein paar Blumen an Ihren gestressten Börsenmakler zu senden, Ihre langfristige Investmentstrategie beizubehalten, sich zurückzulehnen und dem Markt bei seiner Achterbahnfahrt zuzusehen.

Quelle: Business Week Online
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