Börsenzyklen

Der schlechteste Börsenmonat steht vor der Tür

26.08.2004
, 19:05
Die Statistik schiebt dem Monat September die rote Laterne in Sachen Kursentwicklung zu. Doch diese Bilanz hat ihre Tücken. Denn obwohl er es oft war, gilt der September zu Unrecht als Verlustbringer.

Wer an feste, sich stets wiederholende Muster an den Börsen glaubt, sollte sich zum Monatsende vom Aktienmarkt zurückziehen: Der September steht vor der Tür, der ausweislich der Statistik schlechtester Börsenmonat ist.

Nicht, wie oft vermutet, der Oktober, sondern der September hat in den vergangenen 40 Jahren im Schnitt den Anlegern Verluste beschert: Von 1966 bis 2003 gab der Dax im September im Durchschnitt 2,6 Prozent nach - er ist neben dem Mai, der 0,5 Prozent verlor, der einzige Börsenmonat mit Verlusten über diesen Zeitraum.

Damit müßte die bekannte Börsenweisheit nicht „im Mai verkaufen", sondern "im September verkaufen" lauten - das tut sie wahrscheinlich nur deswegen, weil sich das im Englischen nicht reimen würde - "sell in September and go away" klingt wenig griffig.

September-Bilanz von einmaligen Ereignissen negativ beeinflußt

Griffig hingegen wirken die Statistiken, die von den Banken zur Verifizierung des September-Effektes genutzt werden: In den vergangenen 39 Jahren fiel der Dax in 26 Fällen, nur in 13 Fällen stieg er in diesem Monat - in zwei Fällen davon nur sehr gering. „Der schlechte September-Durchschnitt ist allerdings auch auf drei Ausreißer-Jahre zurückzuführen", erklärt Stefan Mitropoulos von der Bankgesellschaft Berlin.

Im September 1990, als der Dax um 18 Prozent fiel, waren die Iraker kurz zuvor in Kuweit einmarschiert, 2001 waren es die Terroranschläge des 11. September, die den Dax um 17 Prozent in den Keller schickten. Der September-Negativrekord von 25 Prozent im Jahr 2002 hing Mitropoulos zufolge mit einer Häufung von Risikofaktoren wie Rezessionsängsten und dem schwelenden Irak-Konflikt zusammen. „Blendet man die Ausreißer aus, dann ist der Dax im September im Durchschnitt nicht um 2,6, sondern nur um 1,1 Prozent gefallen", sagt Mitropoulos.

Auch andere Indizes schneiden im September schlecht ab

Doch nicht nur der Dax, auch die anderen Börsen zeigen im September Schwäche: So hat der Stoxx 50 im Durchschnitt seit 1987 im September 2,8 Prozent verloren - das war der schlechteste Monat für Investoren in diesem Index. Gleiches gilt für den Dow-Jones-Index, der von 1966 bis 2003 im September im Schnitt um 1,4 Prozent nachgab - ebenfalls der schlechteste Monat für den Index.

Was auf den ersten Blick beeindruckend scheint, relativiert sich allerdings bei näherem Hinsehen: Da alle Börsen von den gleichen Faktoren beeinflußt werden und die europäischen Märkte gerne den amerikanischen Börsen folgen, ist es eher logisch, daß alle Börsen verlieren, sollte der September wirklich kein Börsenmonat sein.

Mehrere Erklärungsversuche für das Phänomen

An Erklärungsversuchen für diesen Effekt mangelt es nicht: So wird verschiedentlich ins Feld geführt, daß die Unternehmen mit fortschreitendem Jahresverlauf mehr über ihre Ergebnisse erfahren, was sie zu Abwärtsrevisionen ihrer Prognosen veranlaßt. Für den Dax jedenfalls paßt diese Theorie nicht ganz, denn im September kommen nur noch wenige Bilanzkennzahlen aus dem Dax, und über das dritte Quartal berichten sie erst ab Mitte Oktober. Und auch in Amerika ist der September eher eine nachrichtenarme Zeit.

Ein weiteres Argument für den September-Effekt besteht darin, daß Fonds, deren Geschäftsjahr zum 31. Oktober endet, sich vorher von verlustbringenden Aktien trennen. Dann müßten die Kurse allerdings auch im Oktober fallen und auch im Dezember, wenn viele andere Fonds ihr Geschäftsjahr beenden - was aber nicht der Fall ist. Eine recht simple Erklärung für diesen Effekt hat der Dortmunder Statistikprofessor Walter Krämer, und sie dürfte den Anhängern der September-Theorie nicht gefallen: Daß der September der schlechteste Börsenmonat ist, hält Krämer schlichtweg für Zufall. „Ein Monat muß ja der schlechteste Börsenmonat sein - und das ist halt zufällig der September", erklärt er.

Wie bei vielen anderen Kapitalmarktanomalien - beispielsweise dem Zusammenhang zwischen dem Ausgang des Super-Bowl-Endspiels in Amerika und dem Dow-Jones-Index oder aber dem Zusammenhang zwischen Rocklängen und Aktienkursen - dürfte hier schlichtweg der Zufall Regie führen.

Kursmuster kommen und gehen

Zwar hat man in der Vergangenheit saisonale Effekte an den Aktienmärkten beobachtet, doch sobald diese Muster hinreichend bekannt wurden, sind sie auch zugleich von Marktteilnehmern wegarbitriert worden, erklärt Krämer. Als Beispiel dafür nennt er den sogenannten "Montagseffekt": Auch für den deutschen Aktienmarkt konnte er Anfang der neunziger Jahre nachweisen, daß die Renditen Montags systematisch schlechter waren als an den anderen Wochentagen. Dieser Effekt sei mittlerweile verschwunden.

„Sobald solche Muster bekannt werden, verschwinden sie auch zumeist", erklärt er. Mit anderen Worten: Niemand muß vor dem September Angst haben - falls er dieses Jahr wieder schwach ausfällt, so ist das statistisch gesehen schlichtweg Zufall.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.08.2004, Nr. 199 / Seite 19 und 21
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