Brasilien

Die Regierungskrise wird ignoriert

13.09.2005
, 08:51
Wie lange hält die Fiesta noch?
Die brasilianischen Finanzmärkte scheinen die sich tendenziell weiter verschärfende Krise in der Regierung und ihr nahestehenden Kreisen nicht mehr zur Kenntnis zu nehmen.

Der brasilianische Real zeigt sich in fester Verfassung. Auslandsanleihen des Staates sind rege gefragt, und an der Börse von Sao Paulo steuert der Bovespa-Index auf sein im März verzeichnetes Rekordhoch zu. Dies sind alles Zeichen für großes Vertrauen besonders ausländischer Anleger in die langfristige wirtschaftliche Entwicklung des Landes, urteilen Strategen.

Politische Skandale scheinen sie als vorübergehende, den ökonomischen Kurs nicht nachhaltig störende Phänomene zu empfinden. Hinzu kommt, daß die Anleger international nach Wirtschaftswachstum suchen und entdeckt haben, daß dieses fast nur noch in den sich noch entwickelnden oder an der Schwelle zur Industrialisierung stehenden Ländern zu finden ist. Zu ihnen zählt an herausragender Stelle Brasilien, das sich durch außerordentlichen Reichtum an einer breiten Palette von weltweit gefragten Rohstoffen auszeichnet.

Äthanol ersetzt Benzin

Sie reicht von Eisenerz und Industriemetallen über Zucker, Kaffee, Kakao und Orangensaft bis hin zu Sojabohnen und Rindfleisch. Nicht zu vergessen ist Rohöl. Hier steht Brasilien an der Schwelle zum dauerhaften Nettoexporteur, wobei der Umstand hilft, daß das Land schon vor Jahrzehnten bei seiner Treibstoffversorgung für Autos zu einer entscheidenden, sich heute auszahlenden Neuerung geschritten ist: Der mit Abstand führende Produzent von Zuckerrohr verarbeitet seine kräftig wachsende Erzeugung zu Äthanol. Zunächst wurde es herkömmlichem Benzin beigemischt. Inzwischen fahren Autos dort immer mehr mit reinem Äthanol. Brasilien exportiert seit dem vergangenen Jahr, als die Preise für Benzin am Weltmarkt zu steigen begannen, in stark wachsendem Umfang Äthanol.

Morgan Stanley schätzt, daß im laufenden Jahr das Bruttoinlandsprodukt Brasiliens real um 3,4 Prozent und im kommenden Jahr um 3,5 Prozent wächst. Die Inflation stellt im Gegensatz zu früheren Zeiten kein drückendes Problem mehr dar. 2004 betrug sie noch 7,6 Prozent. Im laufenden Jahr dürfte sie nach Erkenntnissen von Morgan Stanley auf 5,5 Prozent und 2006 weiter auf 4,5 Prozent sinken.

Bovespa läuft nach oben

Dies ist nach Darstellung von Strategen mit ein Grund dafür, warum sich brasilianische Staatsanleihen bei ausländischen Anlegern großer Beliebtheit erfreuen. Um Kapital muß sich das Land seit längerem keine Sorgen mehr machen, ganz zu schweigen von kurzfristigen, aber „heißen“ Geldern, die die Liquidität der brasilianischen Finanzmärkte anreichern und so lange keine Gefahr darstellen, wie die brasilianische Zentralbank ihre anerkanntermaßen umsichtige Geldpolitik fortsetzt und die Wirtschaft solide expandiert.

Anzeichen für einen Liquiditätsentzug, zunehmende Risikoscheu, die sich in ausweitenden Renditedifferenzen zwischen Schuldtiteln des amerikanischen Schatzamtes und gleichartigen brasilianischen Papieren ausdrückte, oder ein nachlassendes Wirtschaftswachstum in Amerika und China wären nach Ansicht von Strategen ein Grund für einen Abbau von Engagements in brasilianischen Wertpapieren.

Bis dahin wird der Bovespa seinen Höhenflug wohl fortsetzen. Seit Ende Juli befindet er sich in einer Phase beschleunigter Kurssteigerungen, die nach dem Urteil technisch orientierter Analysten noch keine akute Gefahr für den Bestand der gesamten, bis Oktober 2002 zurückzuverfolgenden Hausse darstellt. Sie begann bei einem Stand des Index von rund 8.370 Punkten. Das bisherige Rekordhoch wurde am 7. März bei 29 455 Punkten verzeichnet. Charttechnisch bildet es jetzt eine Hürde, doch meinen Analysten, die aufstrebende Dynamik dürfte es dem Index leichtmachen, sie zu nehmen.

Quelle: F.A.Z., 13.09.2005, Nr. 213 / Seite 29
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