Charttechnik

Aktien müssen Federn lassen

Von Mark Arbeter
08.09.2005
, 11:08
Eine starke Markterholung am Mittwoch vergangener Woche hat nicht zu anschließenden Aktienkäufen geführt. Daher erwarten wir, daß den jüngsten Kurstiefs weitere Tests bevorstehen.

Der amerikanische Aktienmarkt hat sich in der vergangenen Woche als widerstandsfähig erwiesen. Antrieb gaben Spekulationen, die amerikanische Notenbank Fed werde den Zinssatz wegen der wirtschaftlichen Schäden durch den Hurrikan „Katrina“ und angesichts der steigenden Ölpreise nicht so weit anheben, wie es zuletzt noch erwartet worden war.

Der steile Rückgang vieler Zinsen am kurzen Marktende hat die Erwartung ausgedrückt, die Fed werde in der kommenden Zeit eine weniger rigide Zinspolitik verfolgen. Am Terminmarkt fielen die Fed Funds um 50 Basispunkte auf 3,00 Prozent. Dadurch wurde die seit Juni 2004 steigende Trendlinie unterbrochen.

Die einjährigen Schatzwechsel sanken von ihrem Hoch von 3,95 Prozent in der Vorwoche auf 3,78 Prozent am vergangenen Donnerstag, während die zweijährigen Schatzwechsel auf 3,83 Prozent von 4,06 Prozent zurückgingen. Obwohl diese Bewegung bei den kurzfristigen Zinssätzen vorübergehend sein könnte, deutet sie unserer Ansicht nach auf die Erwartung hin, daß die Fed nun für etwas geldpolitische Entspannung sorgen könnte, nachdem sie seit Juni 2004 regelmäßig die Zinsen erhöht hat.

Bild: FAZ.NET

S&P 500 hat Rally zum Teil nachgezeichnet

Wir sind der Meinung, daß ein Teil der Reaktion der vergangenen Woche auf technische Faktoren zurückgeht. Der S&P 500 hatte sich in einen Bereich bewegt, wo zahlreiche Unterstützungszonen liegen. Darüber hinaus war der Index auf Tagesbasis überkauft.

Der S&P 500 hat eine sehr dichte Unterstützungszone zwischen 1183 und 1205 Punkten. Zwischen diesen beiden Niveaus kommt die Unterstützung, die auf eine kleine Konsolidierung im Juni und Juli zurückgeht. Der exponentielle gleitende 150-Tage-Durchschnitt liegt bei 1199 Punkten, der einfache 200-Tage-Durchschnitt befindet sich bei 1196, während der exponentielle gleitende 200-Tage-Durchschnitt bei 1190 Punkten liegt.

Zu 38,2 Prozent hat der Index die Rally von April bis Anfang August nachgezeichnet und zielt auf das Niveau von 1204 Punkten, während bei 1191 Punkten die jüngste Rally zu 50 Prozent nachgezeichnet ist. Mittelfristige Unterstützung der Trendlinie von den Tiefs vom August 2004 und April 2005 kommt im Bereich von 1190 Punkten. Darüber hinaus hat der Index das untere Bollingerband berührt, was oftmals als Unterstützung wirkt.

Die nächsten Wochen sind entscheidend

Die starke Rally vom vergangenen Mittwoch und die darauf folgenden kleineren Gewinne am Donnerstag haben den S&P 500 direkt zu seinem Anfangswiderstand geführt. Die Trendlinie, die auf die jüngsten Hochs seit Anfang August zurückgeht, kommt im Bereich von 1.222 Punkten - genau dort, wo der Index am vergangenen Donnerstag geschlossen hat. In dieser Zone gibt es ebenfalls einen kleinen Widerstand. Das mittlere Bollingerband, das dem einfachen gleitenden 20-Tage-Durchschnitt entspricht, liegt auch bei 1.222 Punkten.

Da die Käufe am vergangenen Donnerstag und Freitag jedoch nicht anhielten, scheint es, als müßten die jüngsten Tiefs abermals getestet werden, bevor ein weiterer Versuch nach oben in Angriff genommen werden kann. Wir achten immer noch darauf, ob die jüngsten Tiefs halten. Ein leichter Umsatztest könnte unserer Einschätzung nach allerdings Wunder bewirken und den derzeitigen Trend nach oben schrauben. Aus diesem Grund halten wir die Entwicklung in dieser und der kommenden Woche aus mittelfristiger Sicht für sehr wichtig.

Die täglichen Momentum-Indikatoren haben sich verbessert und der stochastische Indikator gibt ein Kaufsignal. Der tägliche „Moving Average Convergence/Divergence“-Indikator (MACD) hat seinen Abwärtstrend gedreht, zeigt jedoch noch kein Kaufsignal.

Die wöchentlichen Momentum-Indikatoren geben immer noch ein pessimistisches Bild, deshalb sind wir weiter auf der Hut. Der wöchentliche stochastische Indikator hat aus einer überkauften Situation gedreht und steht nun auf „verkaufen“.

Der wöchentliche MACD gibt ebenfalls ein Verkaufssignal, nachdem er zahlreiche negative Divergenzen seit Anfang 2004 verzeichnet hat. Der tägliche Index der relativen Stärke (RSI) hat sich in eine ziemlich überkaufte Situation bewegt, während sich der wöchentliche RSI auf neutralem Boden befindet. Er hat jedoch auch eine Reihe niedrigerer Hochs gezeigt, während die Kurse auf höhere Hochs stiegen.

Öl weiter im Abwärtstrend

Die Rohölpreise bewegten sich rauf und runter in der vergangenen Woche. Unserer Ansicht nach sieht der Markt aus, als sei er anfällig für eine Korrektur. Nachdem der Ölpreis in der vorvergangenen Woche bei 66,13 Dollar pro Barrel (Faß zu 159 Liter) geschlossen hatte, stieg er am Dienstag vergangener Woche auf das Rekordniveau von 70,85 Dollar. Am Freitag gerieten die Notierungen dann unter Druck, der Ölpreis fiel um 1,90 Dollar auf 67,57 Dollar.

Aus technischer Sicht kommt anfängliche Unterstützung von einer Trendlinie, die von den Tiefs von Mai, Juli und August stammt und bei 66 Dollar liegt. Angesichts der extremen Aufwärtsbewegung seit Mai, als der Ölpreis bei 47 Dollar lag, und der überkauften Situation des Marktes auf täglicher und wöchentlicher Basis rechnen wir mit einem weiteren Abwärtstrend, wenn die Trendlinienunterstützung nachgibt. Eine weitere wesentliche Unterstützungszone liegt im Bereich zwischen 50 Dollar und 60 Dollar. Jede Korrektur ist allerdings nur eine Gegenbewegung innerhalb eines langfristigen Bullenmarktes.

Viele Widerstände bei Anleihen

Eigentlich ging es in der vergangenen Woche nicht um Rohöl, sondern um den Preisanstieg bei Benzin, Diesel und Gas. Diese Energieträger sind für den durchschnittlichen Verbraucher wichtiger, weil er damit sein Auto tankt und sein Haus heizt. Die Benzinpreise stiegen von 1,96 Dollar pro Gallone (3,78 Liter) auf 2,71 Dollar in der vergangenen Woche, während die Preise für Diesel von 1,87 Dollar je Gallone auf 2,28 Dollar kletterten. Die Gaspreise stiegen von 9,85 Dollar je Millionen BTU (British Thermal Units) auf 12,65 Dollar. Aktien von Einzelhändlern, Hotels, Kasinos oder Restaurants wurden selbstverständlich schwer von der Entwicklung getroffen. Andererseits waren Ölaktien in der vergangenen Woche sehr stark.

Die Anleiherenditen verzeichneten in der vergangenen Woche einen weiteren Rückgang; die zehnjährigen Treasuries fielen von 4,19 Prozent, wo sie am 26. August geschlossen hatten, auf 4,03 Prozent. Für eine kurze Zeit gab die Rendite für Zehnjährige am vergangenen Donnerstag auf unter 4,00 Prozent nach. Es gibt eine Reihe von Schlüsselwiderständen, die sehr nah beieinander liegen. Der erste Widerstand befindet sich in der Zone zwischen 3,80 Prozent und 3,90 Prozent. Zudem liegen die Trendlinie und der Chartwiderstand im Bereich von 3,70 Prozent. Wir rechnen nicht damit, daß die Renditen unter diesen Bereich fallen, da das zyklische 40-Wochen-Tief in der dritten vollen Woche im September ansteht.

Mark Arbeter ist technischer Chefanalyst bei Standard & Poor's.

Quelle: Standard & Poor's
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