Charttechnik

September ade! Willkommen zurück, Aktienmarkt?!

Von Mike Arbeter
05.10.2005
, 11:00
Bis zum vergangenen Donnerstag war das Beobachten des amerikanischen Aktienmarktes ungefähr so spannend, wie Farbe beim Trocknen zuzusehen. Da der September keinen Schaden hinterlassen hat, kann der Markt mit etwas Rückenwind ins letzte Quartal starten.

Nach dem Mini-Schwächeanfall des S&P-500 Mitte September, der dafür sorgte, daß der Index auf mehrere Unterstützungen im Bereich von 1.200 bis 1.205 Punkten traf, konnte sich der „500“ in dieser Woche gut erholen und seinen exponentiell gleitenden Zehn-, 20- und 50-Tage-Durchschnitt wiedererobern. Nun liegt es am Markt und den Bullen unter den Marktteilnehmern, sich selbst zu beweisen.

Ein wichtiger kurzfristiger Chartwiderstand liegt bei 1.230 bis 1.245 Punkten, dem zyklischen Bullenmarkthoch. Der von den Höchstständen Anfang August und Anfang September abgeleitete Trendlinienwiderstand kommt bei 1.241 Zählern ins Spiel. Darüber, bei 1.253, befindet sich das 61,8-Prozent-Retracement des Bärenmarktes. Außerdem gibt es bei 1.260 Punkten einen langfristigen Trendlinienwiderstand, der sich aus den im Dezember 2004, März 2005 und August 2005 markierten Höchstständen ergibt.

Der S&P-500 scheint eingeklemmt

Gen Süden treffen wir im 1.200- bis 1.205-Punkte-Bereich sowohl auf Chart-, als auch auf Trendlinienunterstützung. Der exponentiell gleitende 150-Tage-Durchschnitt liegt bei 1.205 und das 200-Tage-Pendant bei 1.196. Die von den Tiefständen im August und April 2005 abgeleitete langfristige Trendlinienunterstützung ist bei 1.195 Punkten zu finden. Der S&P 500 scheint in Anbetracht des massiven Widerstands einerseits und der zahlreichen Unterstützungen andererseits regelrecht „eingeklemmt“ zu sein - unfähig, weder nach oben noch nach unten auszubrechen. Die Bullen oder die Bären werden schließlich das Zepter übernehmen. Man darf gespannt sein.

Bild: FAZ.NET

Der Nasdaq Composite konnte eine wichtige, mittelfristige Chartunterstützung bei 2.100 Punkten hinter sich lassen, doch warten nach unserer Meinung unzählige Widerstände auf ihn - nicht anders wie beim S&P-500. Ein Chartwiderstand verläuft von 2.150 bis 2.220 Punkten, was exakt dem vorigen zyklischen Höhepunkt des Bullenmarktes entspricht. Der von den jüngsten Tiefständen im Juli und August abgeleitete Trendlinienwiderstand liegt bei 2.150.

Diese Trendlinie verkörperte früher einmal eine Unterstützung, doch nachdem sie durchbrochen wurde, stellt sie nun einen Widerstand dar. Der von den Höchstständen im August und September abgeleitete Trendlinienwiderstand befindet sich bei 2.170 Punkten. Bei 2.228 kommt langfristiger Trendlinienwiderstand ins Spiel, der die Höchststände vom Januar 2004, Dezember 2004 und August 2005 nachzeichnet. Auch der Nasdaq Composite konnte seinen exponentiell gleitenden 20- und 50-Tage-Durchschnitt zurückerobern.

Keine Erklärung für ein neues zyklisches Pänomen

Eine interessante Beobachtung, die sich in letzter Zeit am Aktienmarkt anstellen läßt, ist die häufige Trendumkehr gegen Monatsende. Leider fehlt uns für dieses Kursverhalten eine plausible Erklärung. Doch die seit Ende 2004 zu beobachtende Serie von Umkehrungen ist ziemlich bemerkenswert.

So erreichte der S&P-500 Ende Dezember 2004 einen Höchststand, markierte dann einen Tiefstand und entwickelte sich gegen Ende Januar 2005 wieder in die entgegengesetzte Richtung; dem folgten kurzfristige Tiefstände Ende Februar, März, April und Juni. Danach erreichte der Index Ende Juli einen Höchststand und Ende August einen Tiefstand, bevor er sich unmittelbar vor Ende September noch einmal an einem Tiefpunkt versuchte.

Als Beobachter gibt es nach unserer Auffassung bestimmte Zyklen, die einen großen Einfluß auf die Performance und Richtung des Aktienmarktes haben. So haben wir beispielsweise schon viele Male über den bedeutenden Vierjahreszyklus bei Aktien gesprochen. Größere bzw. kleinere Aktienmarkttiefs markierten die Jahre 1970, 1974, 1978, 1982, 1987 (hier gibt es eine Abweichung um ein Jahr), 1990, 1994, 1998 und 2002.

Unglücklicherweise steht das nächste Vierjahrestief 2006 ins Haus. Für gewöhnlich treten diese Tiefpunkte in den letzten vier Monaten des Jahres auf. Auch dem sogenannten 78-Wochen-Zyklus schenken wir eine sehr große Beachtung, weil er sich in letzter Zeit als recht zuverlässig erwiesen hat. Das jüngste Tief dieses Zyklus fiel in etwa genau mit dem im August 2004 markierten Tiefstand zusammen. Frühere 78-Wochen-Tiefs konnten im März 2003 sowie im September 2001 und September 1998 beobachtet werden. Analog zum Vierjahreszyklus soll das nächste planmäßige 78-Wochen-Tief im Februar/März des kommenden Jahres ins Haus stehen.

Präsidentschaftszyklus macht wenig Hoffnung für 2006

Ein weiterer Zyklus, der nach unserer Ansicht eine Menge mit der Genauigkeit des vierjährigen Zyklus zu tun hat, ist der Präsidentschaftswahlzyklus. In der Vergangenheit haben sich Bärenmärkte gerne in der ersten Hälfte dieses Zyklus eingestellt, während die Bullen für gewöhnlich in der zweiten Zyklushälfte Einzug halten. Der auf historischer Basis bei weitem beste Teil des Präsidentschaftszyklus ist das dritte Jahr bzw. Vorwahljahr. Seit 1929 hat der S&P 500 während des Vorwahljahres um beeindruckende 14,7 Prozent zugelegt.

Das zweitbeste Jahr in diesem Zyklus ist das Wahljahr, also das vierte Jahr. Bleiben somit das erste Jahr (Nachwahljahr) und das zweite Jahr (sogenanntes „Midterm“-Jahr) als die beiden schlechtesten Jahre. Je nachdem, wie weit die Performancemessung zurückreicht, läßt sich erkennen, daß diese beiden Jahre für gewöhnlich deutlich schlechter abschneiden als die Jahre drei und vier. Da es sich beim nächsten Jahr um ein Midterm-Jahr handelt (Jahr zwei), würden wir uns - ausgehend von der Historie des Präsidentschaftszyklus - in punkto Performance nicht allzu große Hoffnungen machen. Seit 1929 verzeichnete der S&P-500 im zweiten Jahr der Präsidentenamtszeit im Schnitt lediglich ein Plus von 3,5 Prozent. Seit 1945 fällt die Performance mit 4,3 Prozent ein klein wenig besser aus.

Rohöl am Scheideweg

Die Rohölpreise, die sich den ganzen September über seitwärts bewegt haben, sind von 64,19 Dollar auf 66,15 Dollar je Barrel gestiegen. Bisher, während des jüngsten Preisrückgangs, hat die Chartunterstützung bei 62,50 Dollar gute Dienste geleistet. Unterstützung kam auch von Seiten des exponentiell gleitenden 55-Tage-Durchschnitts.

Nach unserer Meinung befindet sich der Preis für Rohöl aus einer Reihe von Gründen derzeit an einem wichtigen Scheideweg: So arbeitet Rohöl momentan möglicherweise an einem kleinen Double Bottom Reversal. Zur Vervollständigung dieser Formation müßte das schwarze Gold oberhalb von 68,00 Dollar schließen. Danach ließe sich ein maßvoller Anstieg bis in den Bereich von 73,50 Dollar prognostizieren.

Ein Blick auf das Open Interest (also den Bestand an offenen Positionen) am Optionsmarkt zeigt, daß das Sentiment so pessimistisch ist wie seit Mai nicht mehr. Damals markierte Rohöl sein letztes größeres Tief. Wir betrachten dies aus der entgegengesetzten Perspektive als positiv. Negativ ist dagegen, daß sich der MACD- und der RSI-Indikator auf Wochenbasis nach wie vor in überkauftem Terrain befinden - entsprechend bedarf es zur Milderung dieses Zustands möglicherweise einer weiteren Korrektur.

Renditen zeigen nach oben

Die Rendite zehnjähriger amerikanischer Schatzanweisungen kletterte am Freitag, den 30. September, auf 4,33 Prozent und ließ damit das am 26. September bei 4,29 Prozent markierte Hoch hinter sich. Die zehnjährige Rendite befindet sich aktuell auf ihrem höchsten Stand seit Mitte August. Sie machte sich geradewegs zu einer bedeutenden Trendlinieunterstützung auf, die von den Renditehöchstständen im März und August 2005 abgeleitet ist.

Sollte diese Trendlinienunterstützung nach oben hin durchbrochen werden, ist die nächste Unterstützung im Bereich von 4,4 Prozent (das Renditehoch von August) zu finden. Oberhalb davon befindet sich Trendlinienunterstützung bei 4,5 Prozent und zusätzliche Chartunterstützung bei 4,6 Prozent.

Negativ für Anleihen ist nach unserer Meinung die Tatsache, daß der wöchentliche MACD erstmals seit Anfang März wieder oberhalb der Nullinie notiert. Außerdem ist das Sentiment laut Umfragen immer noch bullish.

Der Autor ist technischer Chefanalyst bei Standard & Poor's.

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