Charttechnik

Stoische Gelassenheit auf dem Aktienmarkt

Von Von Mark Arbeter, technischer Chefanalyst bei S&P
12.07.2005
, 09:56
Die Börse zeigte sich nach den Terroranschlägen in London sehr stabil. Es sieht ganz so aus, als hätten die Bullen kurzfristig gesehen die Oberhand.
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Die Anleger haben aus der Vergangenheit gelernt, daß einmalige Schockereignisse nur vorübergehende Auswirkungen auf den Aktienmarkt haben und es daher das Beste ist, nicht in Panik zu geraten. Der Einbruch der Börsenkurse am Donnerstag, den 7. Juli, als Reaktion auf die Terroranschläge in London kam prompt, traf die Aktienmärkte wie ein Schlag und war vernichtend für den Aktienterminhandel in den Vereinigten Staaten. Allerdings beruhigten sich die Märkte diesmal sehr schnell wieder und noch am selben Tag um die Mittagszeit hatten die wichtigsten Indizes alle ihren Schlußstand vom Vortag wieder erreicht.

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Angesichts der Nachrichtenflut am Donnerstag und der darauffolgenden Reaktion der Aktienmärkte hat die Börse unserer Ansicht nach zweifellos große Stabilität bewiesen. Wir glauben allerdings, daß dies zum Teil auch auf das Geschehen auf anderen Märkten zurückzuführen war. Bei den Rohölfutures gab es zu Beginn des Tages deutliche Verluste. Sie erholten sich später zwar wieder, schlossen aber dennoch mit einem Rückgang um fast ein Prozent. Der Rohölmarkt befand sich bisher und befindet sich unserer Meinung nach noch immer in einer ziemlich starken Erholungsphase.

Der Rentenmarkt, der ebenfalls einen Tiefpunkt bei den Renditen erreicht hat, erholte sich durch die Käufe sicherheitsorientierter Anleger. Die Rendite der zehnjährigen amerikanischen Schatzanweisung stieg dadurch wieder auf fast vier Prozent.

Erholung bei wenig beeindruckendem Handelvolumen

In der Zeit vor Donnerstag setzte die Börse zu einer Erholung an, aber das Handelsvolumen blieb wieder einmal wenig beeindruckend. Am Dienstag, den 5. Juli, stieg der S&P 500 um 0,9 Prozent, der Nasdaq um knapp über ein Prozent. An diesem relativ starken Handelstag wurde an der New Yorker Börse lediglich ein Handelsvolumen von 1,37 Milliarden Aktien erreicht, was unterhalb des gleitenden 50-Tage-Durchschnitts von 1,45 Milliarden Aktien liegt.

Am nächsten Tag kehrte sich die Entwicklung um und ein großer Teil der Kursgewinne ging verloren, wobei das Handelsvolumen allerdings auf 1,45 Milliarden Aktien stieg. Das Volumen an der Nasdaq blieb während der starken Phase am Dienstag deutlich unterhalb des Durchschnitts. Wir beobachten dieses Muster in jüngster Zeit immer wieder. An schwachen Handelstagen steigt das Handelsvolumen, während es an starken Tagen unter dem Durchschnitt bleibt.

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Boden herausgearbeitet

Was bedeutet das also für die Börse? Die Bullen werden wohl in der näheren Zukunft die Oberhand haben. Die Trendwende am Donnerstag war aus mehreren Gründen beeindruckend. Der offensichtlichste dieser Gründe ist, daß die Börse auf schlechte Nachrichten positiv reagiert hat. Außerdem haben der S&P 500 und der Dow Jones am Donnerstag ihre kurzfristige Chartunterstützung auf Tagesbasis durchbrochen und aus technischer Sicht sah es so aus, als würden sie schließlich zusammenbrechen.

Das jüngste Schlußtief des S&P 500 bei 1190,69 Punkten wurde in der Börsensitzung am Donnerstag unterboten, aber der Index erholte sich deutlich und schloß wieder oberhalb dieser Unterstützungsebene. Dabei zeichnete der S&P 500 die (kurzfristige) bullishe Candlestick-Formation, die als Hammer bezeichnet wird.

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Wir glauben, daß der Markt im Wesentlichen dabei war, einen Boden herauszuarbeiten. Der Dow Jones entwickelte sich ganz ähnlich wie der S&P 500. Das jüngste Schlußtief des Dow von 10.271 Punkten wurde auf Tagesbasis am Donnerstag unterboten, aber der Index konnte alle Verluste wieder aufholen und schloß oberhalb dieser kurzfristigen Unterstützungsebene.

Technisch gesehen war der Markt also in einer Situation, in der ein Zusammenbruch möglich gewesen wäre, aber die Bullen kamen ihm zu Hilfe. Unserer Meinung nach könnte dies zu einer Erholung der Indizes bis an die oberen Grenzen ihrer jüngsten Handelsspannen beitragen.

S&P-500 mit viel Unterstützung

Der S&P 500 fand am Donnerstag reichlich technische Unterstützung, zusätzlich zu der Unterstützung durch seine jüngste Handelsspanne. Der exponentiell gleitende 50-Tage-Durchschnitt liegt bei 1.193 Zählern, während aus den Tiefs im April und Mai abgeleitete Trendlinienunterstützung bei 1.192 Punkten zu finden ist. Darüber hinaus gab es am 18. Mai einen Handelstag mit starkem Handelsvolumen bzw. starker Akkumulierung mit einer Handelsspanne von 1.174 bis 1.188 Punkten. Das Tagestief am Donnerstag lag bei 1.183,55 Zählern.

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Anders als der S&P 500 und der DJIA unterbot der Nasdaq zu keinem Zeitpunkt zum Handelsschluß den Tiefpunkt seiner jüngsten Handelsspanne bei 2.045 Punkten und scheint schließlich sehr starken Widerstand im Bereich bei 2100 Zählern durchbrochen zu haben. Ein deutlicher Durchbruch über 2100 Punkte würde dann unserer Ansicht nach den Weg ebnen für einen Anstieg auf die zu Jahresbeginn erreichten Hochs im Bereich zwischen 2.180 und 2.200 Punkten.

Die Momentumindikatoren auf Tages- und Wochenbasis auf Grundlage des Nasdaq sind größtenteils neutral und geben unserer Meinung nach dem Index damit Spielraum nach oben. Die Advance/Decline-Modelle sind ebenfalls neutral, entwickeln sich aber positiv.

Rentenmarkt hat nur kurzfristig profitiert

Der Rentenmarkt profitierte am Donnerstag davon, daß viele Anleger sich in sichere Anlagen flüchten wollten, erlitt aber am Freitag einen ziemlich herben Rückschlag. Die Renditen der zehnjährigen amerikanischen Schatzanweisung lagen zum Wochenschluß bei 4,11 Prozent und erreichten damit den höchsten Stand seit Mitte Juni. Ein Anstieg auf über 4,13 Prozent, der höchsten Rendite im aktuellen Muster, würde endgültig zur Bildung eines doppelten Bodens bei den Renditen führen.

Im Verlauf der kommenden Monate würden die Renditen dann den Bereich zwischen 4,3 und 4,4 Prozent anpeilen. Das Momentum ist bearish, nachdem es sehr überkauft war, was uns zu der Annahme veranlaßt, daß die Renditen sich nach oben entwickeln werden.

Quelle: Standard & Poor's
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