Charttechnik

Wall Street ist reif für eine Trendwende

Von Mark Arbeter, technischer Chefstratege bei S&P
27.09.2005
, 10:26
Der Aktienmarkt hat eine harte Woche hinter sich. Alle wichtigen Indizes fielen wegen „Rita“ auf entscheidende kurz- bis mittelfristige Unterstützungsebenen zurück. Viele zeigen das Muster einer Baissetrendwende.

Bullenmarkthochs entwickeln sich historisch gesehen über viele Monate. Im Jahr 2000 zum Beispiel erreichte der S&P-500 sein Hoch erst nach acht Monaten. Im Grunde hat sich der Markt in 2005 bisher nur seitwärts bewegt, was aus unserer Sicht die Entstehung eines weiteren Hochs vorbereitet.

Im Zuge der Bildung von Markthochs kann man in der Regel eine Reihe von Nonconfirmations oder Divergenzen zwischen den wichtigen Indizes beobachten. Während zum Beispiel einige der wichtigen Indizes Anfang August ihren Höhepunkt erreichten, wie etwa der S&P 500, der Nasdaq, der Nasdaq 100, der Philadelphia Semiconductor Index und der Russell 2000, hatten einige andere bedeutende Indizes viele Monate zuvor Hochs zu verzeichnen. Der Morgan Stanley Cyclical Index, der Philadelphia Bank Index und der S&P Consumer Discretionary Index erreichten alle ihren Höhepunkt im Dezember 2004. Der Dow Jones Industrials sowie der Dow Jones Transports hatten ihr letztes Hoch im März 2005.

Kopf-Schulter-Formationen haben sich ausgebildet

Obwohl es möglich ist, daß diese Indizes eine Trendwende erleben und neue zyklische Bullenmarkthochs erreichen, sind die Formationen, die sie größtenteils nachzeichnen, allesamt potentielle Head-and-Shoulder-Reversal-Muster. Unserer Meinung nach sind diese Nonconfirmations ein Warnsignal für die Anleger und sollten nicht auf die leichte Schulter genommen werden.

Bild: FAZ.NET

In der vergangenen Woche fiel der S&P 500 auf zahlreiche Unterstützungsebenen im Bereich zwischen 1.205 und 1.210 Punkten und prallte wieder zurück. Bei 1.207 Zählern findet sich eine aus den Tiefs vom Juni und August abgeleitete Unterstützungstrendlinie. Chartunterstützung, die auf die August-Tiefs zurückgeht, liegt ebenfalls in diesem Bereich. Der exponentiell gleitende 150-Tage-Durchschnitt liegt bei 1.204, während bei 1.206 Trendlinienunterstützung aus den fallenden Hochs im August zu finden ist.

Durch den Rückgang in der vergangenen Woche befindet sich der S&P 500 erneut zwischen dem exponentiell gleitenden 50- und 200-Tage-Durchschnitt. Der für den S&P 500 entscheidende Bereich liegt unserer Ansicht nach bei etwa 1.200 Punkten bzw. den Tiefs vom August. Der Grund dafür ist, daß ein Schlußstand unterhalb dieser Ebene eine pessimistische Double-Top-Reversal-Formation abschließen und darauf hindeuten würde, daß ein Kursrückgang bevorsteht. Die Breite der Doppelspitze beträgt etwa 45 Punkte. Zieht man dies vom möglichen Punkt des Trendbruchs bei 1.200 ab, ergibt sich ein potentielles Nachgeben der Kurse in den Bereich bei 1.155 Punkten.

Der Bereich bei 1.155 Zählern ist aus zwei Gründen entscheidend. Erstens lagen die April-Tiefs in diesem Bereich, die eine Chartunterstützungsebene zwischen 1.137 und 1.165 Punkten darstellen. Zweitens liegt ein 50prozentiges Retracement der Kurserholung seit August 2004 genau bei 1.154.

Negative Signale vom Nasdaq Composite

Der Nasdaq Composite fiel unter sein jüngstes Schlußtief von 2.120,77 Zählern vom 26. August als er am Mittwoch bei 2.106,64 schloß. Im Verlauf der Börsensitzung vom Donnerstag fiel der Index sogar bis auf 2.093,06 Punkte, bevor er wieder stieg. Wie auch beim S&P-500 fand die Trendwende im Nasdaq in der Nähe einiger entscheidender Unterstützungsbereiche statt. Der exponentiell gleitende 150-Tage-Durchschnitt liegt bei 2.094, während deutliche Chartunterstützung bei 2.100 zum Tragen kommt.

Der Bereich bei 2.100 Zählern hat den Nasdaq in 2005 bisher die meiste Zeit deutlich nach oben begrenzt, weshalb wir glauben, daß hier eine entscheidende mittelfristige Unterstützungsebene liegt. Unterhalb der 2.100 Punkte gibt es eine Unterstützung, die sich bis in den Bereich bei 2.040 Punkten zieht. Sowohl der einfache als auch der exponentiell gleitende 200-Tage-Durchschnitt liegen genau bei 2.077.

Der Nasdaq ist der erste wichtige Index, der ein klares niedrigeres Hoch und niedrigeres Tief verzeichnet, was eines der ersten Anzeichen für eine Kurstendenz nach unten ist. Der exponentiell gleitende 50-Tage-Durchschnitt des Nasdaq liegt zum ersten Mal seit Jahresbeginn tiefer, was unserer Ansicht nach ein weiteres negatives Signal ist.

Höchstkurse werden immer seltener

Die interne Marktkonstellation wird schwächer, je länger die Hausse anhält. Dies wird deutlich, wenn man sich die Zahl der Aktien ansieht, die neue Höchstkurse erreichen, und wenn man einen Blick auf die Advance/Decline-Modelle wirft. Der prozentuale Anteil der neuen Höchstkurse an allen gehandelten Werten im Nasdaq hat seit Mitte 2003 stetig abgenommen. Dies geschieht während der Nasdaq im Lauf der vergangenen Jahre eine Reihe höherer Hochs zu verzeichnen hatte. Wir beobachten dieses Muster auch, wenn wir das Verhältnis von Volumenzunahme und -rückgang über zehn Tage sowohl an der Nasdaq als auch an der NYSE betrachten.

Ein mögliches positives Signal für den Markt ist unserer Meinung nach der starke Anstieg des Verhältnisses von Put- zu Call-Optionen an der Börse Chicago in der jüngsten Zeit. Am Donnerstag, den 22. September, erreichte dieses Verhältnis auf Tagesbasis 1,41, was ein extremer und zugleich der höchste Tageswert seit 15. April ist. Das Verhältnis von Put- zu Call-Optionen lag in dieser Woche an drei Tagen in Folge über eins, wodurch das entsprechende Verhältnis über zehn Tage auf 1,04 und somit den höchsten Wert seit April stieg. Das Verhältnis von Put- zu Call-Optionen über 30 Tage erreichte mit 0,97 den höchsten Stand seit Juni 2004. In jüngster Zeit gingen entsprechend extreme Werte jedoch häufig Markttiefs voraus, sodaß trotz der hohen Zahlen eine weitere Kurstendenz nach unten möglich ist.

Optionsbörse antizipiert womöglich die Baisse

Im Zusammenhang mit dem Verhältnis von Put- zu Call-Optionen ist langfristig ein tendenzieller Auf- bzw. Abwärtstrend über längere Zeit zu beobachten, je nachdem ob der Markt sich gerade in einer Hausse- oder Baisse-Phase befindet. Von Ende 1994 bis Anfang 2000 tendierten die entsprechenden Werte während des starken Bullenmarktes niedriger. Von 2000 bis Ende 2002 tendierten sie während des Bärenmarktes höher. Von Oktober 2002 bis Januar 2004 fiel das Verhältnis von Put- zu Call-Optionen während des größten Teils des zyklischen Bullenmarktes.

In jüngster Zeit jedoch ging die Tendenz beim Verhältnis von Put- zu Call-Optionen trotz des allmählichen Marktanstiegs nach oben. Was das zu bedeuten hat, wissen die Götter, aber man sollte die Entwicklung im Auge behalten. Antizipiert die Optionsbörse eine neue Baisse - oder ist es nur übertriebener Pessimismus im Hinblick auf die zukünftige Entwicklung der wichtigen Indizes? Das wird sich zeigen. Wir bleiben kurzfristig gesehen selbstverständlich weiterhin vorsichtig und blicken einigermaßen sorgenvoll auf 2006.

Mark Arbeter ist technischer Chefanalyst bei S&P.

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