Charttechnik

Zeit für eine defensive Anlagestrategie

Von Mark Arbeter
30.08.2005
, 10:52
Unbeirrt hohe Rohölpreise fordern langsam ihren Tribut. Auch im Hinblick auf die bevorstehenden historisch schwachen Börsenmonate und einen schwachen technischen Hintergrund, bleibt Standard & Poor's bei Aktien weiter defensiv.

Unserer Ansicht nach fordert der anhaltend hohe Ölpreis nun langsam seinen Tribut. Die Rohölpreise liegen seit Ende Juli über 60 Dollar pro Barrel und schlossen am 25. August mit einem Rekordhoch von 67,49 Dollar. Der rasante Anstieg des Rohölpreises am Mittwoch, den 24. August, hatte zur Folge, daß einige der wichtigsten Indizes entscheidende kurzfristige Unterstützungsebenen durchbrachen.

Insbesondere ist besorgniserregend, daß die Anleger allem Anschein nach langsam wegen der Ölpreisentwicklung vor dem Kauf wirtschaftlich anfälliger Aktien zurückschrecken und sich risikoärmeren Bereichen zuwenden. Viele Aktien im Bereich Einzelhandel sind gekippt, wobei auch in den Bereichen chemische Industrie, Wohnungsbau, Werbung, Stahlindustrie, Aluminiumindustrie, Forsterzeugnisse und Baustoffe Schwächen zu beobachten waren.

Die Anleger haben einen Teil ihrer Gelder in die Ölbranche verlagert, sich aber auch Bereichen wie landwirtschaftliche Erzeugnisse, Versorgungsunternehmen, Tabakwaren sowie Wein und Spirituosen zugewandt. Diese traditionellen Marktsegmente profitieren in der Regel, wenn die Anleger wegen der Marktentwicklung besorgt sind.

Historisch gesehen wird der gesamte Markt verwundbar, wenn die Führenden ins Straucheln geraten. Dabei sollten die Leser aber stets im Auge behalten, daß die historische Performance nicht notwendigerweise ein zutreffender Indikator für zukünftige Entwicklungen ist.

S&P 500 in enger Spanne gefangen

Der S&P 500 durchbrach am Mittwoch die entscheidende kurzfristige Unterstützung im Bereich bei 1.217 Punkten, wobei das Muster niedrigerer Hochs und niedrigerer Tiefs weiterhin Gültigkeit hat. Die Schlußstände zwischen dem 16. und dem 23. August bewegten sich innerhalb einer extrem kleinen Spanne von nur vier Punkten. Wir glauben, daß der S&P 500 sich so lange in diesem kleinen Bereich bewegte, weil sehr viele Unterstützungsbereiche sehr nahe beieinander lagen.

Der exponentiell gleitende 50-Tage-Durchschnitt sowie Chart- und Trendlinienunterstützung lieferten alle zusammen an diesem Punkt Unterstützung. Durch den Einbruch vom Mittwoch wird dieser Bereich nun zu einem entscheidenden kurzfristigen Widerstand.

Die nächste konzentrierte Unterstützungsebene für den Index liegt zwischen 1.183 und 1.205 Punkten. In diesem Bereich findet sich Chartunterstützung, die auf die leichte Konsolidierung im Juni und Juli zurückzuführen ist. Der exponentiell gleitende 150-Tage-Durchschnitt liegt bei 1.198 Zählern; der einfache 200-Tage-Durchschnitt liegt bei 1.195, der entsprechende exponentiell gleitende Durchschnitt bei 1.190 Punkten.

Ein Retracement der Kurserholung von April bis Anfang August um 38,2 Prozent führt in den Bereich bei 1.204 Punkten, während ein Retracement um 50 Prozent der jüngsten Kurserholung auf 1.191 Punkte zielt. Bei 1.190 Zählern kommt mittelfristige Trendlinienunterstützung zum Tragen, die auf die Tiefs von August 2004 und April 2005 zurückgeht. Somit dürfte unserer Ansicht nach zumindest der Bereich zwischen 1.183 und 1.205 im Zuge des derzeitigen Rücksetzers bzw. einer Korrektur Unterstützung für den Index liefern.

Täglich überverkauft, wöchentlich überkauft

Die technischen Indikatoren auf Tagesbasis haben sich in den überverkauften Bereich bewegt, was darauf hindeutet, daß die Möglichkeit einer Kurserholung entgegen dem Trend in der nächsten Woche oder kurz danach besteht. Der Sechs-Tage-Relative-Stärke-Index (RSI) fiel am 24. August auf 25, was dem Stand während des Rücksetzers Ende Juni entspricht.

Der stochastische Tagesschwankungsindikator fiel auf den am deutlichsten überverkauften Stand seit April, als der letzte mittelfristige Boden erreicht worden war. Die technischen Indikatoren auf Wochenbasis sehen jedoch völlig anders aus, was unserer Meinung nach nicht gerade schön ist. Der stochastische Wochenschwankungsindikator ist, nachdem er überkauft war, gekippt und sendet mittelfristig ein Signal zum Verkauf aus.

Unseres Erachtens besteht die Gefahr, daß auch vom gleitenden Wochendurchschnitt des Convergence/Divergence-Verhältnisses (MACD) ein weiteres Verkaufssignal ausgehen könnte. Der Wochen-MACD hat seit Anfang 2004 eine Reihe niedrigerer Hochs nachgezeichnet und dabei zahlreiche negative Divergenzen ausgewiesen. Die letzte Serie von Wochen-MACD-Divergenzen gab es 1998, 1999 und Anfang 2000.

Der 14-Wochen-RSI ist nicht einmal annähernd überverkauft und weist ebenfalls ein Muster negativer Divergenzen auf. Obwohl es also unter Umständen zu einem kurzfristigen Kurssprung kommen könnte, zeigt sich aus unserer Sicht mittelfristig weiterhin ein eindeutig pessimistisches Szenario.

Optimistische Stimmung kühlt ab

Die jüngste Entwicklung wird unserer Ansicht nach noch dadurch verschlimmert, daß die institutionellen Anleger sich offenbar vermehrt risikoärmeren Marktbereichen zuwenden und außerdem ihre Aktienportfolios ausdünnen. Der Kursumbruch am Mittwoch war übel und führt das Muster erfolgloser Tageskurserholungen fort.

Darüber hinaus ist an schwachen Markttagen auch weiterhin ein Anstieg des Handelsvolumens zu beobachten, wobei Erholungsphasen bisher bei schwachem Handel stattfanden. Unsere Advance/Decline-Modelle für die NYSE und die Nasdaq zeigen weiterhin pessimistische Strukturen und wir gehen davon aus, daß dies zu weiteren Kursverlusten führen wird.

Die bisher extrem optimistische Stimmung unter den Anlegern kühlt langsam etwas ab, was unserer Ansicht nach letztendlich gut für den Markt sein wird. Wenn die Anlegerstimmung jedoch zunächst extrem optimistisch war und die Anleger dann langsam etwas vorsichtiger werden, ist das in der Regel ein Zeichen dafür, daß der Markt nach unten tendiert. Bevor die Anlegerstimmung ins pessimistische Lager gewechselt ist kann der Markt unseres Erachtens keinen Tiefpunkt erreichen.

Wenn die meisten Anleger optimistisch sind, haben sie nur zwei Möglichkeiten: sie können während einer Durststrecke durchhalten oder aber das Handtuch werfen und verkaufen. Ein mittelfristiges Markttief wird meist dann erreicht, wenn die Mehrheit der Anleger das Handtuch geworfen hat. Leider dauert das eine Weile und drückt unserer Meinung nach die Kurse.

Gewinnmitnahmen bei Öl überfällig

Während bisher der Rohölpreis zum Teil für die jüngste Schwäche auf dem Aktienmarkt verantwortlich gemacht worden ist, erwarten wir in den kommenden Monaten eine Korrektur der Ölpreise. Im Herbst zeigt sich üblicherweise eine saisonale Schwäche sowohl auf dem gesamten Aktienmarkt als auch bei den Ölpreisen. Es wird interessant sein, zu sehen, ob eine gleichzeitige Korrektur von Aktienkursen und Ölpreisen möglich ist. In den vergangenen Jahren sind die Aktienkurse mit steigenden Rohölpreisen gestiegen. Warum also sollten nicht beide in der bevorstehenden saisonalen Schwächeperiode fallen?

Die Rohölpreise haben in der vergangenen Woche den höchsten bisher dagewesenen Schlußstand von 67,49 Dollar erreicht und damit den Spitzenwert von Mitte August knapp übertroffen. Seit 20. Mai ist der Rohölpreis um enorme 44 Prozent gestiegen und wir glauben, daß Gewinnmitnahmen überfällig sind. Die technischen Indikatoren auf Tages- und Wochenbasis sind sehr überkauft und deuten damit unserer Meinung nach darauf hin, daß ein Rücksetzer oder eine Korrektur möglich ist. Kurzfristige Trendlinienunterstützung findet sich bei 63 Dollar, entscheidende Chartunterstützung liegt bei 57 Dollar. Langfristige Trendlinienunterstützung kommt bei 50 Dollar dazu.

Renditen könnten kippen

Die Rendite der zehnjährigen amerikanischen Schatzanweisung hat sich seit ihrem Höchststand bei 4,42 Prozent vom 8. August ganz ordentlich erholt und schloß in dieser Woche bei 4,19 Prozent. Damit hat sie sich auf den Chartwiderstand zurückgezogen, der bei 4,19 Prozent beginnt. Darüber hinaus hat die Anleihe ein Retracement von 50 Prozent der Entwicklung von Juni bis August erlebt.

Wir glauben, daß ein Teil der jüngsten Stärke auf dem Rentenmarkt auf Kosten des Aktienmarktes gegangen ist. Wenn die Anleger beginnen, eine defensivere Strategie zu fahren, wenden sie sich unter anderem meist auch Anleihen zu. Die Stimmung unter den Anlegern in Bezug auf den Rentenmarkt hat erneut ein ziemlich optimistisches Niveau erreicht, wobei laut MarketVane 70 Prozent der Anleger zu den Marktoptimisten gehören.

Während der Rentenmarkt von einer weiteren Schwäche an der Börse profitieren könnte, glauben wir, daß die Rentenrenditen angesichts der bereits so optimistischen Anlegerstimmung kippen und somit wieder steigen könnten.

Quelle: Mark Arbeter ist technischer Chefanalyst bei S&P.
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