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Crowdfunding

Die Internetfinanzierer schwärmen aus

Von Christian von Hiller und Franz Nestler
Aktualisiert am 06.07.2012
 - 19:56
Gute Idee: Eine Million für Strombergs Film durch Crowdfunding
In Deutschland etablieren sich Plattformen zur Finanzierung von Unternehmensgründungen. Bisher ist das Volumen relativ gering. Doch zwei neue Anbieter wollen noch in diesem Jahr an den Start gehen.

Etwas völlig Neues in der Welt der Finanzen entsteht fernab der großen Banken. Es geschieht mitten in Berlin zwischen Bundeswehrkrankenhaus, dem künftigen Sitz des Bundesnachrichtendienstes und dem Kirchhof der Französischen Gemeinde, auf dem Theodor Fontane begraben liegt. Hier hat Bergfürst seinen Sitz, das erste Unternehmen in Deutschland, das sich in den Bereich des Crowdinvesting in nennenswerten Größenordnungen wagt.

Crowd? Investing? An dieses Wort müssen sich viele Anleger noch gewöhnen. Crowd bedeutet im Englischen Menge, Menschenauflauf oder auch Schwarm und steht in der Welt des Internets für alle möglichen Arten von Finanzierungen, bei denen sich Internetnutzer ohne Banken zusammentun (siehe Kasten). „Bei Crowdinvesting geht es darum, Eigenkapital für neue Unternehmen über das Internet zu finden“, sagt Guido Sandler, Vorstand von Bergfürst, einer Finanzierungsplattform, die noch in diesem Jahr mit ersten Transaktionen beginnen will.

Unternehmensgründer kommen in der Regel nur schwer an Bankdarlehen und noch schwerer an Eigenkapital. Das Geschäft mit klassischen Börsengängen liegt ohnehin am Boden, erst recht für junge Unternehmen. „Wenn sich Crowdfinance durchsetzt, dann wäre das eine echte Alternative zu Banken“, sagt Torsten Schreiber, der eine ähnliche Plattform wie Bergfürst aufbaut. Best BC heißt diese.

Lebhafte Welt der Finanzierungen

Schwarmfinanzierungen bewegen längst die Massen. Im Internet hat sich eine lebhafte Welt der Finanzierungen entwickelt, bei denen sich Internetnutzer für eine gewisse Zeit zusammenschließen. Schwarmfinanzierungen gibt es in allen erdenklichen Formen. Es begann mit Finanzierungen von Musikproduktionen, Filmen und auch Büchern. Heute können sich die Nutzer auf einer Plattform Geld für den nächsten Urlaub oder einen neuen Auspuff besorgen. Mittlerweile lassen sich auf diese Weise auch größere Projekte finanzieren. Crowdfunding ist dem Stadium einer digitalen Almosensammelei entwachsen und hat sich etabliert.

Innerhalb weniger Stunden fanden sich Ende Dezember vergangenen Jahres per Schwarmfinanzierung eine Million Euro, um den Spielfilm der erfolgreichen Fernsehserie „Stromberg“ zu finanzieren. Mehr als 3000 Investoren haben sich laut der Produktionsgesellschaft Brainpool gemeldet, jeder davon hat für mindestens 50 Euro Anteile an dem Film erworben. Kommen eine Million Menschen ins Kino, bekommen die Anleger ihr Geld zurück. Werden mehr Tickets verkauft, ist ihnen sogar ein Bonus in Aussicht gestellt.

Der Vorstoß aus dem Internet in die Finanzwelt berührt das klassische Bankgeschäft. 37 Plattformen allein in Kontinentaleuropa greifen die Banken aus dem Internet in den verschiedensten Bereichen an, vom Zahlungsverkehr bis zu Crowdfinance, hat das Core Institute in Berlin in der Studie „Bank Attackers“ gezählt. Hinzu kommen 20 in Großbritannien und Irland, 40 an der amerikanischen Westküste und 26 an der Ostküste. Das können die Banken laut Core nicht ignorieren. „Passivität hat ein deutlich geringeres Wachstum zur Folge“, heißt es in der Studie.

Nach einem Tag eine Million Dollar

Das New Yorker Internetstartup Kickstarter war in den Vereinigten Staaten Vorreiter dieser Entwicklung. 2008 gegründet, finanziert unter Anderem von dem Twitter-Mitgründer Jack Dorsey und einigen Risikokapitalgebern, gelang der Durchbruch durch einige aufsehenerregende Projekte dieses Jahr. Neun der zehn bisher größten Projekte der Plattform sammelten 2012 ihr Geld ein. Bis heute gaben auf Kickstarter etwa 70.000 Menschen 250 Millionen Dollar. Insgesamt wurden 23.000 Projekte ins Rollen gebracht, das sind etwa die Hälfte der eingereichten Ideen. Allein für dieses Jahr prophezeien Analysten, dass Kickstarter etwa 300 Millionen Dollar für verschiedene Projekte einsammeln wird.

Das Konzept von Kickstarter ist einfach: Wer eine Produktidee hat, kann diese auf der Plattform vorstellen. Internetnutzer, die diese Idee gut finden, geben kleinere Geldbeträge. Wenn sich viele Nutzer für eine Idee begeistern, kommt ein stattlicher Betrag zusammen. Im Gegenzug erhalten die Geldgeber zum Beispiel das Produkt der ersten Serie, in einer speziellen Ausführung oder mit einem Preisnachlass. Nur wenn innerhalb des vorher festgelegten Investitionszeitraums die vereinbarte Summe gesammelt wurde, wird das Geld auch an die Projektinitiatoren ausbezahlt - ansonsten geht es zurück an die Geldgeber. Kickstarter erhält bei erfolgreichen Projekten 5 Prozent Vermittlungsprovision.

Das erste Projekt, das Aufsehen erregte, war die Entwicklung eines PC-Spiels von Tim Schafer, einer Legende in der Welt der Computerspiele. Nur acht Stunden nach Start des Projekts wurden die veranschlagten 400.000 Dollar eingesammelt, nach einem Tag war es eine Million Dollar und am Ende der Sammelaktion mehr als 3,3 Millionen Dollar - nie zuvor wurde so schnell eine Million Dollar per Schwarm finanziert. Während die klassische Musikbranche über sinkende Einnahmen klagt, überzeugte Amanda Palmer 23.000 Menschen, ihre neue CD und Tour zu finanzieren. Ihre Plattenfirma hatte sich geweigert, dieses Risiko auf sich zu nehmen. Amanda Palmer wollte nur 100.000 Dollar und bekam eine Million. Die Projekte haben sich längst vom Metier der klassischen Kreativindustrie weg entwickelt.

Der Emittent haftet

Der beeindruckendste Erfolg der Schwarmfinanzierer ist bisher die Uhr Pebble. Sie verbindet sich via Bluetooth mit Apples iPhone oder Googles Android-Telefon. Mit ihr kann man Anrufe entgegennehmen, SMS oder Mails lesen - und erfährt sogar die Uhrzeit. 100.000 Dollar sollten eingesammelt werden, um das Projekt am Leben zu halten. Das Ziel wurde nach zwei Stunden erreicht, am Ende der Sammelaktion standen 10 Millionen Dollar von 70000 Kunden auf der Habenseite - das Hundertfache des angepeilten Betrags. Im September sollen die ersten Exemplare ausgeliefert werden.

Kickstarter war schon vor dem Pebble-Erfolg eine große Nummer in der Schwarm-Szene. Mehr als eine Million Geldgeber sind dort registriert. Von diesen Dimensionen sind die Schwarmfinanzierer in Deutschland weit entfernt. Alle Crowdfunding-Plattformen zusammen erreichten zuletzt die Marke von 700000 Euro, geht aus Daten des Portals Für-Gründer.de hervor. Das durchschnittliche Volumen liegt bei der größten Plattform My Sherpas bei etwas mehr als 4500 Euro je Projekt.

Die Finanzierung von Startups wird in Deutschland auch durch das Verkaufsprospektgesetz gebremst. Dieses schreibt zum Schutz der Anleger vor, dass ein Emittent einen Prospekt erstellen muss, wenn er öffentlich Beteiligungen anbietet. Dieser muss sämtliche Umstände enthalten, die für die Entscheidung des Anlegers von Bedeutung sein können. Diese Prospekte werden leicht mehrere hundert Seiten dick. Für etwaige Fehler in diesen Konvoluten muss der Emittent haften.

„Eine starke Begrenzung“

Allerdings greift der Zwang, einen Prospekt anzufertigen, erst von einem Beteiligungsangebot von 100.000 Euro an. „Das ist eine starke Begrenzung“, sagt Bergfürst-Gründer Sandler. Die Plattform Seedmatch in Dresden, die Unternehmensgründungen in Deutschland finanziert, bleibt deshalb tunlichst unterhalb dieser Grenze. In den Vereinigten Staaten ist das Vertrauen so stark, dass im JOBS-Gesetz die bürokratischen Hürden für Schwarmfinanzierungen abgebaut wurden. JOBS steht für Jumpstart Our Business Startups und soll Unternehmensgründungen in den Vereinigten Staaten erleichtern.

Sandler nimmt die 100000-Euro-Hürde auf andere Weise: Bergfürst hat im Frühjahr eine Lizenz bei der Finanzaufsichtsbehörde Bafin beantragt. Das fällt ihm insofern leicht, als dass er seit gut 20 Jahren im Bankgeschäft aktiv ist, unter anderem bei der BHF-Bank und bei der Berliner Effektenbank, die er 1995 mitgegründet hatte. Sobald er die Lizenz hat, will er vom vierten Quartal dieses Jahres an über Bergfürst erste Finanzierungen anbieten. Den Bereich von 2 bis 5 Millionen Euro Kapitalbedarf peilt er an. Damit wäre dies die erste Plattform in Deutschland, über die sich ernsthaft Unternehmensgründungen finanzieren ließen.

„Ein Mentor mit viel Erfahrung“

Die Internetnutzer erhalten bei Bergfürst ausschließlich vinkulierte Namensaktien. Bei dieser Aktienform werden die Aktionäre in einem Register erfasst, das in diesem Fall Bergfürst führt. Vinkulierte Namensaktien dürfen nur mit Zustimmung des Unternehmens gehandelt werden, in diesem Fall auf der Plattform von Bergfürst. Durch diese Konstruktion können die Startups leicht mit ihren Anteilseignern kommunizieren und deren Netzwerke nutzen, beispielsweise um neue Produkte bekanntzumachen.

Welchen Vorteil haben Schwarmfinanzierungen? „Wir eröffnen den Anlegern einen direkten Zugang zu Venture Capital und Private Equity“, sagt Sandler. Bisher können sie in ganz junge Unternehmen nur investieren, wenn sie sich an entsprechenden Fonds beteiligen.

Noch bevor Sandler mit Bergfürst an den Start geht, könnte er Konkurrenz bekommen. In den nächsten zwei Monaten soll Best BC in Frankfurt erste Projekte finanzieren. Schreiber will mit Best BC den jungen Unternehmen außer Investoren einen Mentor zur Seite stellen: „Aus unserem Netzwerk wird ein Mentor mit viel Erfahrung das Projekt vom Start über die Crowdinvesting-Phase hinaus in die Zukunft begleiten.“

Die Welt der Schwarmfinanzierungen

Der Auspuff ist kaputt, das Weihnachtsgeld in weiter Ferne und der Berater in der Sparkasse zugeknöpft? Das Internet könnte Abhilfe schaffen. Auf einigen Plattformen werden Nutzer, die Geld suchen, mit möglichen Finanziers zusammengeführt. Crowdlending heißt diese Form der Schwarmfinanzierung. Hier stellen die Kreditnehmer ihre Idee und ihre finanziellen Verhältnisse in der Hoffnung vor, dass viele andere Nutzer einen jeweils kleinen Betrag beisteuern. Bei Schwarmfinanzierungen gilt stets das Prinzip „alles oder nichts“: Wird der angestrebte Betrag nicht erreicht, wird das Projekt nicht finanziert. Das soll helfen, damit sich diejenigen, die sich Geld im Internet besorgen, nicht einfach davonmachen. Überhaupt hängt bei Schwarmfinanzierungen viel an der Reputation der Geldnehmer. Die Geldgeber können sie wie bei eBay bewerten. Dies soll einen gewissen Gruppendruck erzeugen. Smava bietet in Deutschland solche Kredite an.

Doch Konsumfinanzierungen haben hierzulande bisher weniger Erfolg als Crowdfunding. Hier werden viele Projekte aus dem sozialen Bereich finanziert, aber auch Musikprojekte, Bücher, Filme, selbst investigative Rechercheprojekte von Journalisten. Die deutschsprachigen Plattformen heißen hier Respekt.net, Startnext, Pling, My Sherpas, Inkubato oder Vision Bakery. Bei Friendfund in Berlin beispielsweise finanziert ein Freundeskreis ein gemeinsames Geburtstagsgeschenk für einen Freund. Plattformen wie Sellaband oder Sonic Angel sind ganz auf die Finanzierung von Musikproduktionen spezialisiert. Andere wie Betterplace oder Helpedia nutzen Crowdfunding für das Einsammeln von Spenden.

Crowdinvesting ist noch relativ neu in Deutschland. Seedmatch finanziert den Start relativ kleiner Unternehmen. Größere Ambitionen haben Bergfürst und Best BC, die bisher noch nicht am Start sind. In der Schweiz gibt es Investiere.ch.

Schwarmfinanzierungen kommen ursprünglich aus der Welt des Crowdsourcing. Wie bei der Schwarmintelligenz soll das Zusammenbringen von vielen kleinen Einzelleistungen etwas viel Größeres hervorbringen.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Nestler, Franz
Franz Nestler
Redakteur in der Wirtschaft.
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