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Erfolg mit Hedgefonds

Der rücksichtslose Mr. Dalio

Von Dennis Kremer
11.04.2016
, 16:22
Ray Dalio ist Chef von Bridgewater, eines der größten und erfolgreichsten Hedgefonds der Welt. Bild: Reuters
Ray Dalio ist der erfolgreichste Hedgefondsmanager der Welt. Das verdankt er nicht nur seinem ungewöhnlichen Anlagestil. Sondern auch der totalen Überwachung seiner Untergebenen.
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Es gibt nichts, was Ray Dalio in seinem Leben wichtiger findet als Offenheit. Extreme Offenheit. Der Chef des größten und erfolgreichsten Hedgefonds der Welt selbst spricht von „radikaler Transparenz“. Was sich anhört wie eine Floskel, meint dieser Mann wirklich so. Der 66-jährige Amerikaner kann sehr eindringlich dreinblicken: Dies geschieht besonders dann, wenn er anderen vormacht, wie sein Konzept in der Praxis funktioniert. Nicht wenige sagen, es sei zum Fürchten.

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Aus der Zentrale von Bridgewater Associates, wie Dalio seine Firma getauft hat, sind Szenen überliefert, die sanfteren Gemütern durchaus zusetzen können. Einmal, so heißt es, habe Dalio dort in Connecticut unweit vor den Toren New Yorks einen jungen Mann zum Gespräch empfangen, der für ihn arbeiten wollte. Der Bewerber hatte hervorragende Noten vorzuweisen, doch ohne auch nur ein Wort der Begrüßung ließ Dalio ihn gleich wissen: „Sie sind für diesen Job nicht geeignet.“ Als der junge Mann zu einer kleinen Verteidigungsrede ansetzte, blieben Dalios Gesichtszüge kalt. Gedemütigt musste der Bewerber den Heimweg antreten.

Ein anderes Mal diskutierte Dalio mit seinem Team, welchen Einfluss Chinas schwächeres Wachstum auf die Weltwirtschaft habe. Einer aus der Mannschaft stand auf, versuchte sich an einer Erklärung. „Hören Sie auf zu raten! Denken Sie.“ Der andere probierte es wieder. Dalio schickte ihn aus dem Raum. Immer, wirklich immer zu sagen, was man denkt, lautet das nicht gerade angenehme Credo des Hedgefondsmanagers. Und jeder seiner insgesamt gut 1500 Angestellten muss ständig mit der Kündigung rechnen, wenn er nicht die Leistung zeigt, die der Chef von ihm verlangt. „Leute zu feuern ist für mich keine große Sache“, lautet noch so ein Satz, den Ray Dalio stets wiederholt.

„Schmerz + Reflexion = Fortschritt“

Er kann sich dieses Verhalten leisten. Denn der Erfolg seines Hedgefonds hat nicht nur ihn reich gemacht, sondern auch viele seiner Mitarbeiter. Der „Pure Alpha Fonds“ hat seit seiner Auflage in den 1970er Jahren unfassbare 45 Milliarden Dollar Gewinn erzielt. Damit ist Dalios Fonds laut einer branchenweit anerkannten Auswertung der beste Hedgefonds aller Zeiten: Sogar den legendären Investor George Soros (einst berühmt geworden durch seine Spekulation auf den Wertverfall des britischen Pfunds) verweist er in die Schranken.

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Wie hat er das gemacht? Hedgefonds zeichnen sich in aller Regel dadurch aus, dass sie zumindest in der Theorie alles dürfen. Sie können auf steigende oder fallende Kurse spekulieren, nach Lust und Laune Finanzinstrumente aller Art einsetzen: Jede Wette, die man am Finanzmarkt eingehen kann - und sei sie auch noch so durchgeknallt -, steht Hedgefonds offen. In der Praxis allerdings tut dies so gut wie niemand. Mit einer Ausnahme: Dalios Firma Bridgewater. So radikal der Chef mit seinen Mitarbeitern umgeht, so radikal geht er auch bei der Geldanlage vor: Er schreckt vor nichts zurück, nimmt keine Rücksicht auf Konventionen. Auch wenn man es nicht sympathisch finden mag: Viel spricht dafür, dass Dalio deswegen so erfolgreich ist.

Er selbst jedenfalls ist sich dessen absolut sicher. Auf die Internetseite von Bridgewater hat er für jeden einsehbar ein 106 Seiten langes Dokument gestellt. „Überzeugungen“ lautet die simple Überschrift, doch der Inhalt hat es in sich. Denn hierin erläutert der Manager in einfachen Worten, warum seine, zurückhaltend ausgedrückt, ungewöhnliche Art der Menschenführung seiner Meinung nach zwangsläufig zum Erfolg an den Finanzmärkten führen muss. Sein Weltbild gipfelt in einer knappen Formel. „Schmerz + Reflexion = Fortschritt“ lautet sie.

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Nur echte, rücksichtslos geäußerte Kritik könne am Ende neue und bessere Anlageideen erzeugen, ist Dalio überzeugt. Darum lässt er seinen Mitarbeitern nichts durchgehen, darum ist er stets so brutal ehrlich: weil er glaubt, dass der psychische Schmerz, den man angesichts der eigenen Fehler empfindet, zum Antrieb für bessere Arbeit wird.

Natürlich bleibt ein derart mechanistischer Ansatz selbst in der eigentlich recht hart gesottenen Hedgefondsbranche nicht ohne Widerspruch. Ehemalige Bridgewater-Mitarbeiter berichten, dass es in dem Unternehmen bisweilen zugehe wie in einer Sekte: Alles sei auf Ray Dalio ausgerichtet. Glaubt man ihnen, führt dies mitunter zu recht absurden Situationen. So habe der Chef einmal in einem seiner schriftlichen Marktkommentare einen Apostroph an der falschen Stelle gesetzt. Worauf sich unter seinen Angestellten eine lebhafte Diskussion entspann, ob diese falsche Plazierung nicht vielleicht doch Absicht gewesen sein könnte.

Verbrieft ist jedenfalls, dass jeder Mitarbeiter des Unternehmens einer weiteren Ungeheuerlichkeit zustimmen muss: Dalio lässt jedes Gespräch in den Firmenräumen aufzeichnen, viele sogar auf Video. Der Manager argumentiert: Nur so lasse sich sicherstellen, dass jede Kritik tatsächlich offen geäußert werde. Wer dies nicht beherzige und trotzdem hinter dem Rücken über andere Kollegen rede, behindere nicht nur die Entwicklung des Unternehmens, sondern sei außerdem ein „schleimiger Betrüger“, der identifiziert werden müsse. Selbst eine wohlwollende Betrachtung lässt allerdings nur einen Schluss zu: Was Dalio da praktiziert, ist die totale Überwachung.

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Durch Zufall in die Finanzwelt geraten

Fakt ist jedoch auch: Seine Untergebenen haben sich freiwillig für diese Tätigkeit entschieden, und auch seine Kunden stören sich nicht daran. Zu ihnen zählen unter anderem wichtige amerikanische Pensionskassen, insgesamt haben sie Bridgewater beeindruckende 155 Milliarden Dollar anvertraut. Kein Hedgefonds der Welt verwaltet mehr Geld.

Wie aber legt Dalio nun konkret an? Blöderweise lässt sich dies gar nicht so ganz genau sagen. Denn der Hedgefondsmanager zählt zu den Erfindern eines Investmentstils, der in der Branche unter dem Namen „Risk-Parity“-Ansatz (zu Deutsch in etwa: Risikogleichheit) bekannt ist. Die Idee dahinter: Dalio geht an den Märkten so viele Spekulationen ein, wie er es gerade für aussichtsreich hält. Oft setzt er dafür sogenannte Derivate ein, die den Gewinn im Erfolgsfall vervielfachen - allerdings auch den Verlust, falls die Sache schiefgeht.

Wichtig bei all diesen Wetten ist nur: Sie sollen möglichst unabhängig voneinander sein, was bedeutet, dass die Investments unter keinen Umständen alle gleichzeitig an Wert verlieren dürfen. Der Fachbegriff der Finanzbranche dafür heißt „negative Korrelation“. Klassischerweise ließ sich dieses Ziel beispielsweise erreichen, indem man Aktien und Staatsanleihen zugleich kaufte. War die konjunkturelle Lage schlecht, verloren zwar Aktien an Wert, die Kurse von Staatsanleihen jedoch stiegen. Blühte die Konjunktur dagegen auf, stiegen die Aktienkurse und die Kurse von Staatsanleihen gaben nach.

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Dieses klassische Muster allerdings funktioniert seit der Finanzkrise 2008 nicht mehr so gut wie früher. Um im Jargon zu bleiben: Die Korrelationen haben zugenommen. Angesichts dessen zeigt sich Dalios „Pure Alpha Fonds“ erstaunlich robust, auch wenn selbst er zuletzt etwas weniger Rendite als noch in früheren Zeiten erzielte. Wie ein Besessener tüftelt der 66-Jährige darum daran, Fehler auszumerzen und eine Risikomischung zu finden, die in möglichst jedem denkbaren Szenario funktioniert.

Dass er es auf diese Weise einmal zu einem Vermögen von rund 15 Milliarden Dollar bringen würde, war so nicht unbedingt vorherzusehen. Der Sohn eines Jazzmusikers und einer Hausfrau war eher durch Zufall in die Finanzwelt geraten. Als Jugendlicher verdiente er sich sein Taschengeld als Caddie in einem Golfclub in New York. Viele der Mitglieder arbeiteten an der Wall Street: So schnappte Dalio immer wieder Aktienempfehlungen auf, versuchte es irgendwann einmal selbst - und hatte Blut geleckt.

Bis heute kommt er von dieser Leidenschaft nicht mehr los. Dass viele Hedgefonds zuletzt schwächere Resultate erzielten, bereitet ihm allerdings Sorge. Dalio will alles dafür tun, dass seine Firma an der Spitze bleibt. Im März konnte er einen echten Coup verkünden: Jon Rubinstein, Entwickler des Apple-Musikgeräts iPod, arbeitet nun für Bridgewater. Er soll Dalio dabei helfen, die Computeranalysen auf einen neuen Level zu heben, die Bridgewater bei der Suche nach Anlageideen einsetzt. Einfach wird die Arbeit sicher nicht werden. Bleibt zu hoffen, dass der neue Mann ein paar deutliche Worte vertragen kann.

Quelle: F.A.S.
Dennis Kremer
Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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