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Finanzdynastien (4): JP Morgan

Im traditionsreichen Haus der Morgans wohnen neue Herren

Von Norbert Kuls
 - 07:15
JP Morgan sr. rettete 1907 das Land vor einer Wirtschaftskrise, die er mit verursacht hattezur Bildergalerie

Der Name Morgan hat an der Wall Street einen ganz besonderen Klang. Immerhin trägt die, gemessen am Börsenwert, größte amerikanische Bank, die J. P. Morgan Chase, diesen Namen. Und die Nummer zwei unter den New Yorker Investmentbanken heißt Morgan Stanley. Bis Ende der achtziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts gab es in Großbritannien zudem die Investmentbank Morgan Grenfell. All diese Institute haben die gleichen Wurzeln, sind Relikte einer grandiosen Dynastie amerikanischer Bankiers.

Der berühmteste von ihnen war John Pierpont Morgan, der vor hundert Jahren mächtigste Finanzier der Vereinigten Staaten. Aber schon seit 1943, als dessen Sohn John Pierpont „Jack“ Morgan Jr. starb, steht kein Morgan mehr an der Spitze dieser Banken. Geblieben sind nur die Namen der Institute, und auch diese sind zum Teil schon Geschichte.

Geblieben ist nur der Schreibtisch

Als die Deutsche Bank Ende der achtziger Jahre Morgan Grenfell kaufte, wurde die neue Tochtergesellschaft erst in Deutsche Morgan Grenfell umgetauft. Nachdem die Deutsche Bank sich dann selber einen Namen als Investmentbank gemacht hatte, war das Renommee des Namens Morgan nicht mehr nötig. Er wurde gestrichen.

Heute steht auf der Chefetage von J. P. Morgan nur noch der Mahagoni-Schreibtisch von Pierpont Morgan, wie der Bankier meist genannt wurde. Seine Nachkommen haben schon seit den achtziger Jahren keine starken Verbindungen mehr zu J. P. Morgan oder Morgan Stanley.

„Schon seit Jahren ist niemand mehr aus der Familie wirklich an der Bank beteiligt“, sagte John A. Morgan, ein Großenkel von Pierpont senior, vor acht Jahren dem „Wall Street Journal“. Deswegen gab es in der Familie auch keine emotionalen Reaktionen, als J. P. Morgan im Jahr 2000 für 36 Milliarden Dollar an die Großbank Chase Manhattan verkauft wurde.

Von der Großbank zum kleinen Investmenthaus

Nicht, dass die Morgans keine Finanziers mehr hervorbringen. Der Großenkel ist selbst Investmentbanker. Aber er arbeitet nicht für J. P. Morgan oder Morgan Stanley, sondern gründete ein eigenes kleines Investmenthaus in New York, das unter dem Namen Morgan Joseph firmiert. Denn auch dieser Gründergeist hat Tradition in der Familie.

Die Vorläufer der Bank reichen bis ins Jahr 1838. Damals wurde die George Peabody & Company aus der Taufe gehoben. Der Vater von Pierpont Morgan, Junius Spencer Morgan, war dort einer der Partner. Filius Pierpont begann seine Karriere mit 19 in der Londoner Filiale, nachdem ihn sein Vater unter anderem sechs Monate an die Universität Göttingen geschickt hatte, um Deutsch zu lernen. Pierpont Morgan gründete dann 1871 mit dem aus Philadelphia stammenden Banker Anthony Drexel die Bank Drexel, Morgan & Co. Nach dessen Tod wurde das Haus 1895 schließlich zur J. P. Morgan & Company.

„Morganisieren“ - Vorläufer des Finanzinvestorentums

Pierpont Morgan war zu diesem Zeitpunkt schon ein einflussreicher Bankier geworden. Er hatte nach dem Bürgerkrieg Wachstumschancen bei Eisenbahnen gewittert. Er sammelte Geld bei ausländischen Investoren ein, war aber nicht nur Finanzier, sondern sorgte auch für die Umstrukturierung und Konsolidierung von angeschlagenen Gesellschaften.

Seine Art, in Schwierigkeiten geratene Unternehmen zu übernehmen und neu auszurichten, wurde damals als „Morganisierung“ bezeichnet. Morgan war für einige der größten Fusionen verantwortlich, die damals die amerikanische Wirtschaft prägten. So arrangierte er 1892 den Zusammenschluss zweier Unternehmen zum Glühbirnenhersteller General Electric, der als Mischkonzern bis heute besteht. Diese Beziehungen nutzte Morgan auch privat. Sein Haus an der Madison Avenue war das erste elektrisch beleuchtete Privathaus in New York.

Sein größter Coup aber war die Schaffung des größten amerikanischen Stahlkonzerns. Morgan kaufte 1901 dem Stahlmagnaten Andrew Carnegie sein Unternehmen ab, um es mit anderen Gesellschaften zur United States Steel Corporation zusammenzuführen.

Fast eine Zentralbank

Morgan war damals so mächtig, wie es heute nur der Vorsitzende der Notenbank Federal Reserve ist, die erst 1913 gegründet wurde. „Das frühe Haus Morgan war eine Art Mischung zwischen einer Zentralbank und einer Privatbank“, schreibt Ron Chernow in seiner Biographie der Bankiersdynastie „The House of Morgan“.

Pierpont Morgan hatte die Stadt New York dreimal vor dem Bankrott bewahrt und Streitigkeiten in der Finanzbranche geschlichtet. Am legendärsten ist seine Rolle bei der Bankpanik von 1907. Bankkunden fürchteten damals um die Sicherheit ihrer Einlagen und wollten massiv Gelder abziehen. Morgan versammelte 50 Bankiers in seinem privaten Anwesen und brachte sie dazu, in Not geratenen Finanzinstituten aus der Klemme zu helfen. Das half, die Panik zu stoppen.

Leben, Luxus, keine Photos

Pierpont Morgan selbst gab die für solche Aktionen nötige imposante Figur ab. Er hatte breite Schultern, einen buschigen Schnurrbart und qualmte Dutzende Zigarren pro Tag. Die Zigarren waren so groß, dass Zeitgenossen sie als „Hercules Clubs“ bezeichneten. Besuchern vermittelte Morgan das Gefühl, als ob ein Sturm durch das Haus gefegt sei. Morgan hatte stechende Augen und - als Folge der Hautkrankheit Rosazea - eine verformte, purpurrote Nase. Er mochte deswegen keine Öffentlichkeit und hasste es, fotografiert zu werden. Porträts wurden retuschiert.

Aber Morgan liebte dennoch Leben und Luxus. Neben seiner Frau, mit der er vier Kinder hatte, wissen Historiker von einigen Affären. Zudem besaß der Bankier mehrere Yachten. Als ihn einmal ein Besucher nach den Kosten für die Unterhaltung der Schiffe fragte, soll Morgan geantwortet haben: „Wenn man nach dem Preis fragen muss, kann man es sich nicht leisten.“ Dazu sammelte Morgan Kunst und Edelsteine.

Pierpont Morgan starb 1913 im Alter von 75 Jahren. Das ein Jahr später gebaute Hauptquartier des Bankhauses mit der Adresse „23 Wall Street“ blieb jahrzehntelang die wichtigste Adresse der amerikanischen Finanzwelt.

Entflechtung nach der Weltwirtschaftskrise

In den dreißiger Jahren hatte es jedoch einen kräftigen Einschnitt im Hause Morgan gegeben. Als Reaktion auf den großen Börsenkrach von 1929 hatte der amerikanische Kongress das Glass-Steagall-Gesetz verabschiedet. Das sah die Trennung von Kredit- und Wertpapiergeschäft vor.

Nachdem J. P. Morgan sich deswegen aus dem Wertpapiergeschäft zurückgezogen hatte, gründete ein Sohn von Pierpont Jr., Henry Morgan, 1935 gemeinsam mit anderen ehemaligen Partnern von J. P. Morgan die Investmentbank Morgan Stanley. Morgan Grenfell in London entstand durch die Abspaltung des Auslandsgeschäfts von J. P. Morgan.

Vornehme Kundschaft

J. P. Morgan, die zwischenzeitlich unter Morgan Guaranty Trust firmierte, behielt trotz der Veränderungen aber immer eine exklusive Aura. Zu den Kunden gehörten Regierungen, die besten Unternehmen und die reichsten Privatleute. Im Vorwort zu seiner 1990 erschienenen Morgan-Biographie zitiert Chernow Analysten, die das Institut als „erstklassig in jeder Art und Weise“ und als „perfekte Bank“ bezeichneten.

In den neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts wendete sich das Blatt allerdings. Gegen Ende des Jahrzehnts wurde das Glass-Steagall-Gesetz wieder abgeschafft. Es entstanden auch in Amerika Universalbanken europäischen Zuschnitts. J. P. Morgan hätte davon eigentlich profitieren müssen, denn die Bank machte mit einer Ausnahmegenehmigung schon seit den achtziger Jahren begrenzt Wertpapiergeschäfte.

Zu viel Dünkel

Aber J. P. Morgan verlor schnell den Vorsprung, weil sich die Bank weiter auf ihre exklusive Klientel stützte. Die blaublütigen Privatkunden und Traditionsunternehmen prägten die Wall Street in den neunziger Jahren aber nicht mehr. Die Wall Street wurde vielmehr demokratisiert, Privatanleger investierten zunehmend in Investmentfonds oder handelten online.

Der zweite große Trend war die Hausse der Technologieaktien. Das lukrative Geschäft mit den Aktienemissionen junger Technologiefirmen machten damals die Rivalen - unter anderen Morgan Stanley. J. P. Morgan spielte nicht mehr in der ersten Liga der Wall Street und wurde schließlich zum Übernahmekandidaten.

Auf dem Weg zum Comeback

Der Vorstandschef der heutigen J. P. Morgan Chase & Co., James Dimon, tritt aber wieder in die Fußstapfen von Pierpont Morgan. Im März hatte er mit Hilfe der Notenbank Fed die New Yorker Investmentbank Bear Stearns mit einer raschen Übernahme vor dem Konkurs bewahrt.

Damit hatte Dimon geholfen, eine drohende Eskalation der globalen Finanzkrise zu verhindern, die von fallenden Häuserpreisen und Ausfällen bei zweitklassigen Hypotheken ausgelöst worden war. Und so schickt sich Dimon heute an, die moderne J. P. Morgan Chase wieder zur mächtigsten Bank der Vereinigten Staaten zu machen.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Kuls, Norbert (nks.)
Norbert Kuls
Freier Autor in der Wirtschaft.
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