Finanzmärkte

Der deutsche Aktienmarkt ist eher unpolitisch

17.09.2005
, 10:32
Aktienkurse haben etwas mit der Politik zu tun, darüber sind sich Experten einig - allerdings nicht darüber, wie. Für Deutschland läßt sich kein systematischer Einfluß der einen oder anderen Partei auf die Rendite des Dax finden.
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Aktienkurse haben etwas mit der Politik zu tun, darüber sind sich Experten einig - alleine darüber, welcher Art dieser Zusammenhang ist, gibt es wenig Einigkeit. Klar ist zumindest, daß die Popularität einer Regierung auch, wenn nicht sogar vor allem vom Zustand der heimischen Wirtschaft abhängt - der sich dann auch in den Börsenkursen wiederfindet. Doch auch an den Börsenkursen selbst kann eine Regierung mittlerweile nicht mehr ohne weiteres vorbei: Sie sind Gegenstand der täglichen Berichterstattung, und viele Wähler spüren Kursverluste oder -gewinne unmittelbar in ihrer Brieftasche.

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Diese Überlegungen machen klar, daß es die Wirtschaft und die Börse sind, welche eine Regierung treiben oder aus dem Amt jagen können. Das sollte auch so sein: Schlechte Wirtschaftsdaten haben einen Machtverlust zur Folge, insofern sind die Regierungen ja richtigerweise dazu genötigt, sich um die Wirtschaft zu kümmern. Doch das muß nicht heißen, daß diese "List der Demokratie" auch immer korrekt funktioniert.

Die Theorie von „politische Konjunkturzyklen“ unterstellt manipulative Politik

Unter dem Begriff "politische Konjunkturzyklen" werden jedenfalls Theorien über wahltaktische Wirtschaftspolitik debattiert. Vereinfacht besagen sie, daß Politiker aus Eigennutz und wahltaktischen Motiven mittels expansiver Geld- und Fiskalpolitik Wirtschaft und Börse in Vorwahljahren stimulieren, um dann im Wahljahr mit dem konjunkturellen Rückenwind, den sie selbst künstlich entfacht haben, wieder ins Amt zu segeln. Die Quittung für die Wähler kommt später beispielsweise in Form steigender Inflationsraten.

Bild: F.A.Z.

Solche Theorien unterstellen, daß die Regierung in der Lage ist, die Wirtschaft kurzfristig positiv zu beeinflussen, beispielsweise indem über steigende Inflationsraten kurzfristig Beschäftigung kreiert wird - ein Zusammenhang, der mit der sogenannten Phillips-Kurve umschrieben wird. Je mehr allerdings die Bürger diesen kurzfristigen Zusammenhang durchschauen, weil sie über rationale Erwartungen verfügen und die opportunistische Politik der Regierung antizipieren, um so weniger funktioniert diese Strategie. Eine Studie für England, Amerika und die Bundesrepublik kommt, was die Folgen einer solchen wahlmotivierten Stopp-and-go-Politik angeht, zu einem negativen Urteil: Je unsicherer die Machtposition der aktuellen Regierung ist, um so mehr wird sie ihre Wirtschaftspolitik sehr kurzfristig auf Sicht steuern - allerdings mit negativen Folgen für das langfristige Wachstum.

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Als Beispiel für solche politischen Konjunkturzyklen wird oft der sogenannte Präsidentenzyklus angeführt, den man in den Vereinigten Staaten beobachten kann: Studien zufolge sind die amerikanischen Aktienkurse in Jahren vor Wahlen und in Wahljahren fester, schwächeln hingegen im ersten und zweiten Jahr nach den Wahlen. Das paßt zu einem Szenario, in dem die Regierung im Vorwahljahr die Wirtschaft stimuliert, im Wahljahr die Ernte einfährt und anschließend wieder konsolidieren muß, zumal der Strohfeuereffekt dieser kurzfristigen Politik verpufft. Für Deutschland sind Jörg Doepke und Christian Pierdzioch, zwei Wissenschaftler von der Bundesbank und dem Institut für Weltwirtschaft in Kiel, zu dem Ergebnis gekommen, daß es keine Anzeichen für einen "Bundeskanzlerzyklus" in der Bundesrepublik gibt - offenbar ist der deutsche Aktienmarkt ein unpolitischer Zeitgenosse.

Das schließt jedoch nicht aus, daß bestimmte Parteien für die Börse besser sind als ihre Konkurrenten. In den Vereinigten Staaten, so schätzen Studien, waren die Demokraten in der Vergangenheit die "börsenfreundlichere" Partei. Der Börsengewinner schlechthin unter den amerikanischen Präsidenten ist dabei Bill Clinton, dessen erste Amtszeit dem Dow-Jones-Index die höchsten Zuwachsraten bescherte. Auf Platz zwei liegt Ronald Reagan mit seiner zweiten Amtszeit, gefolgt von der zweiten Amtszeit von Bill Clinton. Das muß allerdings nicht bedeuten, daß Demokraten automatisch gut sind für die Wirtschaft - die steigenden Renditen können entweder Ausdruck einer freundlicheren Wirtschaftsentwicklung sein oder aber auch Ausdruck eines gestiegenen ökonomischen Risikos, für das der Markt höher entlohnt sein will.

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Kein systematischer Einfluß der Politik auf die deutsche Börse

Für die Bundesrepublik Deutschland läßt sich nach Schätzungen von Doepke und Pierdzioch allerdings kein systematischer Einfluß der einen oder anderen Partei auf die Rendite des Dax finden; allerdings gibt es leichte Hinweise darauf, daß konservativere Regierungen die besseren Börsenjahre hatten. Am besten schneidet hier Helmut Kohl ab, der in fünf Amtsperioden keine einzige Periode mit fallenden Kursen erlebte. Die erste Legislaturperiode seines Nachfolgers stand ganz im Zeichen einer platzenden Spekulationsblase - kein Bundeskanzler mußte seine Wähler über so massive Kursverluste hinwegtrösten wie Gerhard Schröder. Allerdings lassen sich die Kursverluste in diesem Ausmaß nicht der Regierung Schröder zurechnen, zu viele andere Einflußfaktoren bestimmen die Kurse zusätzlich - ein Problem, das jede Analyse zum Zusammenhang zwischen Börsenkursen und Politikregimes angreifbar macht.

Wie sieht es aber aus, wenn es zu einem Regierungswechsel kommt? Hier finden sich Theorien, die politische Konjunkturzyklen postulieren, wenn ein Regierungswechsel mit einem Wechsel der ideologischen Ausrichtung einhergeht: Eher links ausgerichtete Regierungen neigen nach dieser Lesart zu expansiverer Politik und damit zu mehr Inflation, konservativere Regierungen hingegen sind dieser Theorie zufolge eher bemüht, Inflation zu vermeiden. Trifft diese Theorie zu, so müßte man zumindest bei solchen Regierungswechseln einen Schwenk in den makroökonomischen Variablen und den Börsenkursen beobachten können. Zumindest der Deutsche Aktienindex Dax gibt Doepke und Pierdzioch zufolge aber keinen Hinweis darauf, daß ein Wechsel von rechts nach links oder umgekehrt einen signifikanten Einfluß auf die Kurse gehabt hätte. Allerdings kann auch schon ein Wechsel per se die Kurse bewegen, beispielsweise wenn die Börse auf eine Neuorientierung der Politik setzt, von der sie sich ökonomische Besserung verspricht. Anekdotische Evidenz deutet zumindest darauf hin, daß dem in Deutschland so sein könnte: Schaut man sich die Aktienkurse der Vergangenheit 12 Monate vor bis 12 Monate nach einer Wahl an, so laufen diese im Falle einer unveränderten Regierungskonstellation mehr oder weniger seitwärts; gab es aber einen Machtwechsel, so zeigen die Kurse im Schnitt innerhalb dieses Zeitraums konstant nach oben - vor und nach dem Regierungswechsel waren da jeweils zehn Prozent drin.

Quelle: hbe., F.A.Z., 17.09.2005, Nr. 217 / Seite 26
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