Finanzmarkt

Politische Hängepartie kann Aktienmärkte nicht beflügeln

19.09.2005
, 07:12
Wahlausgang gibt zu denken
Enttäuscht reagieren die Finanzmärkte auf den unentschiedenen Wahlausgang in Deutschland. Der Euro steht unter Druck und die Börse tendiert leichter. Die Hoffnung auf eine entschiedene Wirtschaftspolitik schwindet.
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Am Morgen nach der Bundestagswahl ging der Dax erst einmal auf Talfahrt. Der Index brach zum Handelsauftakt am Montag knapp 2,3 Prozent auf 4.873 Punkte ein. Die Enttäuschung über das schwache Abschneiden der Union ließ vor allem die Kurse der Energieversorger Eon und RWE fallen. Auch der Euro ging in die Defensive und gab bis auf 1,2143 Dollar nach.

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Hatten manche Marktteilnehmer im Vorfeld der Wahl auf eine Konstellation gehofft, die auf die Fortsetzung oder gar noch eine Intensivierung der Reformen in Deutschland hindeuten würde, so dürften sie zunächst enttäuscht sein. So begründen Devisenhändler die Kursverluste der europäischen Einheitswährung denn auch mit dem unentschiedenen Wahlausgang und der schwindenden Hoffnung auf Steuersenkungen und niedrigere Arbeitskosten.

Kein Mumm zu Veränderungen

„Wenn man sich das Wahlergebnis so ansieht und die „Block“-Stimmen gegenüberstellt, hat der rot-rot-grüne Block gegenüber dem schwarz-gelben so gut wie nichts verloren. Daraus kann man unschwer erkennen, daß in Deutschland ein Umschwung der Meinung weg vom Versorgungsstaat und hin zu mehr Freiheit und Selbstverantwortung nicht stattgefunden hat und mit der weiteren Zunahme derjenigen, die von ihm abhängig sind, auch nicht stattfinden wird. „Schade, Deutschland: Der noch drittgrößte Industriestaat der Welt hatte nicht den Mumm, die Augen zu öffnen und richtig abzubiegen,“ kommentierte ein kritischer Beobachter den Wahlausgang auf die Schnelle.

Auch Experten sehen ihn eher kritisch. Zum Beispiel Heino Ruland, Aktienstratege und Analyst von Steubing. Deutschland stehe vor „Jahren des Stillstands“, so Ruland, der davon ausgeht, daß nun eine Große Koalition an die Regierung kommt. Ändern werde sich dadurch nichts: Mühsam erarbeitete Kompromisse in der Bundesregierung dürften von den Ländern zurückgewiesen werden und im Vermittlungsausschuß enden. „Das Hin und Her und der ewige Hickhack dürften also lediglich weitergehen“, so Ruland im Gespräch mit Dow Jones Newswires. Damit bleibe „alles beim Alten“.

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Für die Dax-Werte sei das Ergebnis prinzipiell neutral. Der Dax könnte zwar zur Eröffnung am Montag ein „Dip“ machen, damit werde aber die Freitags-Rally im Umfeld des großen Verfalltermins an den Terminbörsen „normalisiert“. Die Dax-Unternehmen seien wenig inlandsabhängig. Und die Anleger „schmerzende“ Gesetze zu Veräußerungsgewinnen, Dividenden- und Zinsbesteuerung dürften am Widerstand der Länder scheitern. Als Verlierer der Wahl sieht Ruland den Euro und die Anleihen. Den Euro, weil in der größten EU-Volkswirtschaft nun auf Jahre hinaus Stillstand herrsche. Die Renten dürften darunter leiden, daß die notwendigen Schritte zur Haushaltskonsolidierung nun wohl ausblieben.

Einzelaktien dürften sich weiterhin gut schlagen

Insgesamt dürfte es ratsam sein, insbesondere am Renten- und Devisenmarkt die weitere Entwicklung genauer zu beobachten. Spekulative Tendenzen könnten den Euro zumindest kurzfristig durchaus deutlicher unter Druck bringen, obwohl der Markt schon einiges vorweggenommen haben dürfte. Längerfristig ist noch lange nicht klar, was besser ist: Der „Sozialausgabenwahn“ in Europa oder der „Konsumwahn“ in den Vereinigten Staaten. Beide lassen sich nicht aus eigener Kraft finanzieren und dürften aus diesem Grund längerfristig nicht durchzuhalten sein.

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Der Dax beruhigte sich jedenfalls alsbald und schaffte sich bis auf 4.948 Punkte nach oben, bevor ihm eine schwache Eröffnung der Wall Street die Tour wieder vermasselte. Die Börsen kann eben grundsätzlich mit jeder politischen Konstellation leben, sofern sie nicht zu übermäßig restriktiven Konsequenzen führt. Denn Unternehmen passen sich nicht nur an die Gegebenheiten an, sondern können unter Umständen sogar von bestimmten Situationen profitieren. Nirgends zeigt sich das deutlicher als an den zur Zeit prosperierenden Solarunternehmen.

Gleichzeitig sind viele, selbst mittelständische Unternehmen, international orientiert. Sie können von gezielten Verlagerungen ihrer Aktivität profitieren und gute Gewinne erzielen, obwohl das Umfeld in Deutschland nicht ideal ist. In diesem Sinne dürfte der „Stockpicking-Ansatz“, also der Kauf gut gewählter Einzelwerte, erfolgversprechender sein als die Spekulation auf große wirtschaftliche Veränderungen.

Die in dem Beitrag geäußerte Einschätzung gibt die Meinung des Autors und nicht die der F.A.Z.-Redaktion wieder.

Quelle: @cri
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