Fonds

London will vom Fondsskandal in Amerika profitieren

20.11.2003
, 17:32
Der amerikanische Fondsskandal zieht auch an Europas führendem Finanzplatz seine Kreise. Die britische Aufsichtsbehörde Financial Services Authority (FSA) befragt in London die Marktteilnehmer nach ihren Handelspraktiken.
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Der amerikanische Fondsskandal zieht auch an Europas führendem Finanzplatz seine Kreise. Die britische Aufsichtsbehörde Financial Services Authority (FSA) befragt in London die Marktteilnehmer nach ihren Handelspraktiken.

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Ähnliche Aktivitäten sind in Deutschland, Frankreich und den Niederlanden im Gange. Im Mittelpunkt steht die Praxis des "market timing" und "late trading". Beim "market timing" nutzen institutionelle Investoren kurzzeitig geltende Preisdifferenzen zwischen den auf verschiedenen Kontinenten gehandelten Fondsanteilen aus. Beim "late trading" werden Anlegern nach der Preisfeststellung noch die alten Kurse zugestanden. Das ist eine illegale Praxis, die nach Ansicht des New Yorker Generalstaatsanwalts Eliot Spitzer aber weit verbreitet ist. In beiden Fällen sind die Benachteiligten die Kleinanleger, denen keine bevorzugte Preise gestellt werden.

Fondspreise in London nicht zu einem bestimmten Zeitpunkt festgelegt

"Es hieße selbstzufrieden zu sein, wenn man einfach annehmen würde, daß ,market timing' in London kein Problem wäre", sagte ein Sprecher der FSA. Die Behörde hat Fragebogen an die Marktteilnehmer verschickt und die ersten Antworten zurückerhalten, will aber noch keine Auskunft über die Inhalte geben. In Londoner Marktkreisen wird jedoch der Eindruck vermittelt, daß sich die Probleme in Grenzen halten. Ein wichtiger Unterschied zu den Vereinigten Staaten ist die Tatsache, daß in London ansässige Fondsgesellschaften in der Regel die Preise für die Fondsanteile nicht zu einem bestimmten Zeitpunkt festlegen, sondern die künftigen Preise (also die des späteren Abends oder des künftigen Tages) für eine Transaktion zugrunde legen.

Damit gehen die Anleger zwar Geschäfte ein, deren Preise sie nicht genau kennen. Doch die Technik des "market timing" wird damit unterbunden. "Wir sagen nicht, daß es nicht passieren könnte, doch es gibt Instrumente dagegen, und viele unserer Mitglieder nutzen sie", sagt Jim Irving von der Investment Management Association (IMA). Mehrere Londoner Fondsgesellschaften seien auf die Möglichkeit von "market timing"-Transaktionen angesprochen worden, hätten diese aber abgelehnt, berichtet Irving.

Hartnäckig halten sich allerdings Gerüchte, daß in London Versicherungsgesellschaften bestimmten Brokern, die für vermögende Kunden arbeiten, Geschäfte zu Vorzugspreisen ermöglicht hätten. Doch Belege sind dafür noch nicht gefunden worden. "Market timing" ist zwar in London nicht ausdrücklich verboten, doch die Praxis wird aufgrund der ungleichen Behandlung der Kunden von der FSA bekämpft. Die Behörde hatte schon im Mai dieses Jahres Empfehlungen herausgebracht, die den Fondsgesellschaften eine "faire" Preisbildung nahe legten und sie zur Benutzung sogenannter "Verwässerungsgebühren" aufforderten.

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Neue Gesetze sollen Schlechterstellung von Kunden unterbinden

Fondsgesellschaften können von Hedgefonds, die häufig sehr schnell Anteile kaufen und verkaufen, solche Gebühren verlangen. Damit werden die "market timing"-Transaktionen weniger attraktiv. Anfang kommenden Jahres will die FSA neue Vorschriften herausbringen, die noch prägnanter die Praxis des "market timing" und die Schlechterstellung einzelner Kundengruppen unterbinden sollen, teilte eine Sprecher der Finanzaufsicht mit.

Einzelne Londoner Fondsgesellschaften behaupten, daß die amerikanische Fondsaffäre in Großbritannien zu einem Zufluß an neuen Anlegergeldern führen könnte. New Star Asset Management, von dem ehemaligen Jupiter-Gründer John Duffield ins Leben gerufen, berichtet, daß Kunden von der Bostoner Gesellschaft Putnam sich nach London gewandt hätten. Ebenfalls erwähnt werden als Profiteure des amerikanischen Fondsskandals die beiden schottischen Unternehmen Baillie Gifford, Walter Scott & Partners sowie Silchester International Investors aus London.

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"Die Zahl der Anfragen von Investoren ist in den vergangenen Wochen um 30 bis 40 Prozent gestiegen", sagt Mark Beale, stellvertretender Chief Executive von New Star, einer Gesellschaft, die heute rund 20 amerikanische Firmenkunden hat, darunter den Pensionsfonds von Coca-Cola und den Internationalen Währungsfonds. "Wir haben einen ähnlichen Investitionsstil wie Putnam und zeigen derzeit gute Gewinne. Daher haben uns einige Berater den verunsicherten Kunden in den Vereinigten Staaten empfohlen", sagt Beale.

Quelle: chs., Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.11.2003, Nr. 271 / Seite 27
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