Fonds-Skandal

Deutsche Bank im Visier amerikanischer Behörden

05.11.2003
, 18:02
Generalstaatsanwalt Spitzer ermittelt auch bei der Deutschen Bank wegen illegalen Handelspraktiken bei Investmentfonds. Die Ausweitung des Skandals könnte zu verschärften Gesetzen für die gesamte Branche führen.
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Im sich ausweitenden Skandal um möglicherweise illegale Geschäftspraktiken amerikanischer Investmentfonds steht auch die Deutsche Bank im Visier der Aufsichtsbehörden. Wie die Nachrichtenagentur Reuters jetzt berichtete, untersucht der New Yorker Generalstaatsanwalt Eliot Spitzer, ob die Deutsche Bank Investoren beim illegalen Handel mit Fondsanteilen unterstützt hat. Spitzer hatte schon vor geraumer Zeit Informationen über die Handelspraktiken der Deutschen Bank angefordert, hieß es in Kreisen der Staatsanwaltschaft. Bis jetzt sei die Staatsanwaltschaft bei ihren Untersuchungen aber zu keinem Ergebnis gekommen. In einer Stellungnahme teilte die Deutsche Bank mit, daß sie mit den Behörden kooperiere. Sollten Verstöße gegen das Wertpapierrecht zutage treten, könnte das zu einer zivil- oder strafrechtlichen Klage gegen die Deutsche Bank führen. "Unserer Kenntnis nach ermittelt keine Aufsichtsbehörde im Rahmen der branchenweiten Untersuchungen gezielt gegen die Deutsche Bank", hieß es.

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Die amerikanische Tochtergesellschaft des größten deutschen Kreditinstituts betreibt unter anderem eine Vermögensverwaltung und Wertpapiergeschäft für Privatkunden. Die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft konzentrieren sich wie bei den anderen Finanzinstituten vor allem auf die potentielle Unterstützung von Investoren bei zwei unterschiedlichen und offenbar weitverbreiteten Praktiken. Die erste ist der illegale Handel mit Fondsanteilen nach Börsenschluß zum Preis des Vortages. Da der Preis von Fondsanteilen nur einmal am Tag festgestellt wird, gilt für Aufträge nach Börsenschluß aber normalerweise der am nächsten Tag festgesetzte Kurs. Die zweite Praxis im Visier der Ermittler sind der häufige Kauf und Verkauf von Fondsanteilen, um Preisunterschiede auf internationalen Finanzmärkten auszunutzen. Dieses als Market-Timing bekannte Verfahren ist zwar nicht gesetzlich verboten, verstößt aber gegen die Richtlinien der meisten Fonds. Kleinanleger leiden darunter, weil die Transaktionskosten der Fonds dadurch steigen.

Verschärfte Gesetzen für die gesamte Branche möglich

Staatsanwalt Spitzer hatte die Ermittlungen gegen die Fondsbranche vor rund zwei Monaten angestoßen. Seither ist weitverbreiteter Mißbrauch zutage getreten. Nach Erkenntnissen der Börsenaufsicht SEC, die ebenfalls in dieser Angelegenheit ermittelt, haben mehr als ein Viertel der untersuchten Wertpapierhäuser, die Fonds verkaufen, ihren Kunden gesetzwidrigen Handel nach Börsenschluß ermöglicht.

Der sich ausweitende Skandal stößt auch im amerikanischen Kongreß auf großes Interesse, was zu verschärften Gesetzen für die gesamte Branche führen könnte. Bei einer Anhörung hatte Senator Peter Fitzgerald vor kurzem die Fondsgesellschaften als "Absahner" bezeichnet, die einen maßlosen Teil der Ersparnisse der Amerikaner aufsaugten.

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Ermittlungen gegen weitere illegale Praktiken

Die Vorwürfe gehen mittlerweile auch über die beiden bemängelten Handelsmethoden hinaus. Mary Schapiro, die stellvertretende Verwaltungsratsvorsitzende des Wertpapierhändlerverbandes NASD, hatte bei der Anhörung gesagt, daß Anlegern in den Jahren 2001 und 2002 Rabatte in Höhe von geschätzten 86 Millionen Dollar vorenthalten worden seien. Die Aufsichtsbehörden ermitteln außerdem wegen finanzieller Anreize, mit denen Fondsgesellschaften Wertpapierberater zum bevorzugten Vertrieb ihrer Produkte gebracht haben.

Die Behörden haben bereits verschiedene Klagen gegen Wertpapierfirmen und Einzelpersonen eingereicht. Am Dienstag klagten SEC und die Wertpapieraufsicht des Bundesstaates Massachusetts sieben ehemalige Mitarbeiter des Wertpapierhauses Prudential in Zusammenhang mit Handelspraktiken bei Investmentfonds an. Am Montag war Lawrence Lasser, Chef der fünftgrößten Fondsgesellschaft Putnam, unter Druck zurückgetreten. Zuvor hatten die Aufsichtsbehörden Putnam, eine Tochtergesellschaft des großen Versicherungsmaklers Marsh & McLennan, wegen Betrugs verklagt. Verschiedene Pensionsfonds hatten ihre Verträge mit der Gesellschaft daraufhin gekündigt.

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Quelle: nks., Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.11.2003, Nr. 258 / Seite 29
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