Fondsmarkt

Bric - steht für Brasilien, Rußland, Indien und China

Von Hanno Beck
13.06.2005
, 19:25
Mit bewußt gewagten Wachstumsprognosen für die Bric-Staaten sorgte Goldman Sachs vor einigen Monaten für Aufmerksamkeit. Fondsgesellschaften zogen nach und legten Bric-Fonds auf. Sind sie mehr als ein Marketinggag?

Wer weiß schon, was die Zukunft bringt? Während manche Ereignisse sicher zu sein scheinen wie das Amen in der Kirche, kommen einem bei manchen Prognosen profilierter Zukunftsforscher rasch Zweifel, vor allem, wenn man weiß, daß eine erfolgreiche Prognose auch davon lebt, daß sie einfach, eingängig, schlagworttauglich und, bitte schön, auch ein wenig provokant ist.

Da können rasch Fragezeichen hinter der Durchschlagskraft einer solchen Weissagung stehen. Allerdings sollten solche Zweifel nicht davon abhalten, sich mit den Botschaften der gedanklichen Zeitreisenden zu beschäftigen. Eine solche Botschaft, welche Bewegung in die Fondslandschaft gebracht hat, verkündete vor anderthalb Jahren die Investmentbank Goldman Sachs, als sie gedanklich den Weg ins Jahr 2050 beschritt.

Vom bewußt gewagten Zukunftskonzept zum Marketinggag?

Dort, in dieser fernen Zukunft, glauben die Goldman-Forscher einen großen Trend ausgemacht zu haben, dem sie den einprägsamen Namen "Bric" verpaßten Die Staaten Brasilien, Rußland, Indien und China, deren Anfangsbuchstaben das Akronym "Bric" ergeben, so ihre Prognose, werden in dieser für Investmentstrategen eher fernen Zukunft in Dollar gerechnet zu den sechs größten Volkswirtschaften der Welt gehören. Bereits heute seien die Wachstumsraten dieser vier Staaten höher als in den industrialisierten Staaten, und in den nächsten Jahren spielten diese Länder eine Schlüsselrolle für das Wachstum der Weltwirtschaft. Angesichts solcher Aussichten fragt sich der geneigte Investor natürlich, was dies denn für sein Portfolio bedeuten könnte, und ein Blick in die Produktkataloge der Fondsgesellschaften gibt ihm auch die Antwort: Längst sind die ersten Bric-Fonds am Start, die auf die vier Länder mit den entsprechenden Anfangsbuchstaben setzen. Was ein Glück für die Marketing-Strategen, daß unter den vier Hoffnungsträgern wenigstens ein Staat mit einem Vokal ist - und Land Nummer vier statt Indien nicht etwa Venezuela ist, denn "Brvc" läßt sich zu Marketing-Zwecken nun wirklich nicht sonderlich gut verwenden.

Womit auch schon der entscheidende Punkt für Freunde, Gegner und potentielle Käufer der Bric-Produkte genannt wäre: Handelt es sich um ein ernst zu nehmendes Anlagekonzept oder aber um einen Marketing-Gag - wobei zugegebenermaßen letzterer Vorwurf ein gerne verwendeter ist? Grundsätzlich, da sind sich Investment-Strategen auch einig, handelt es sich bei diesen Ländern um gute Wetten auf die Zukunft - doch reichen sie alleine aus, um ein Fondskonzept zu bestreiten? "Diese Staaten können nur eine Säule in einem Schwellenländerfonds bilden - warum soll ich freiwillig darauf verzichten, in andere Staaten zu investieren, wo mitunter sogar bessere Anlagemöglichkeiten zu finden sind?" fragt Alexander Karpov, Schwellenlandexperte und Fondsmanager bei der Fondsgesellschaft Union Investment. Er trifft damit den entscheidenden Kritikpunkt der Bric-Gegner: Kann man nicht durch das Hinzufügen weiterer Staaten das Fondsportfolio besser diversifizieren und damit die risikoadjustierte Rendite des Fonds verbessern? Wenn ja, wäre das Bric-Konzept aus investmenttheoretischer Perspektive suboptimal. Normalen Schwellenland-Fondsmanagern wie Karpov ist das Korsett eines Bric-Fonds zu eng: "Wir setzen stark auf Einzeltitelauswahl, und gute Einzeltitel gibt es nicht nur in den Bric-Staaten. Warum soll ich mir solche guten Werte versagen?" fragt Karpov.

Bric-Staaten sind die Schwergewichte unter den Schwellenländern

Weil es nicht nötig ist, hält Christian Deseglise von HSBC dagegen, einer der verantwortlichen Experten für den Bric-Fonds von HSBC: "Die Korrelationen der Bric-Märkte mit den Industrienationen sind erstaunlich niedrig. Deshalb eignen sich die vier Länder so gut zur Diversifikation." In der Tat sind die Kursschwankungen der vier Staaten voneinander recht unabhängig: Steigt beispielsweise der Ölpreis, dann leidet zwar China als ein großer Importeur von Öl, zugleich freuen sich aber die Inhaber russischer Aktien, denn das Land profitiert vom steigenden Ölpreis. Ist aber der Zusammenhang zwischen den Kursbewegungen der vier Länder hinreichend gering, dann könnten Werte aus den vier Regionen bereits genügen, um ein ausreichend diversifiziertes Portfolio zu konstruieren. Eine Hinzunahme weiterer Staaten würde dann sogar dazu führen, daß das Portfolio überdiversifiziert und damit ineffizient wäre. Immerhin machen die Bric-Länder rund zwei Drittel der Marktkapitalisierung der gesamten Schwellenländer aus. Das kann, wer will, als Indiz dafür werten, daß man mit diesen vier Staaten ausreichend diversifiziert wäre.

Ein weiterer Vorwurf der Bric-Verfechter zielt auf die Portfolios der Konkurrenten ab: In vielen Schwellenländer-Fonds fänden sich auch Staaten, von denen man sich schon fragen kann, ob es sich bei ihnen noch um Schwellenländer handelt: "In vielen Schwellenland-Fonds finden sie Werte aus Korea, Taiwan oder Südafrika - sind das noch echte Schwellenländer?" fragt Thomas Gerhardt, der für das Bric-Produkt der DWS zuständige Fondsmanager. Allerdings investiert Gerhardt auch nicht nur ausschließlich in die vier Staaten, er kann auch ein wenig über den regional eher engen Tellerrand des Bric-Konzeptes hinausschauen und in Unternehmen investieren, die zwar in anderen Staaten tätig sind, aber vom erhofften Bric-Boom profitieren sollten. Zwischen 70 und 80 Prozent seines Portfolios allerdings sind in Unternehmen investiert, deren Heimatland mit einem B, R, I oder C anfängt. Konsequenter ist man da bei HSBC: Bei diesem Produkt handelt es sich um einen reinrassigen Bric-Fonds. "Keine Kompromisse" lautet hier die Devise.

Keine Frage, unabhängig davon, wie sehr hier auch die Marketing-Abteilungen der Fondsgesellschaften ihr Händchen im Spiel hatten, ist das Bric-Konzept durchaus ein diskussionswürdiges, und wer weiß, was er will, kann gute Gründe dafür finden zu investieren. Doch gut überlegt sein will dieses Investment allemal, denn unabhängig davon, wie die Zukunft denn nun in fünfzig Jahren aussehen mag, eines ist sicher: Auch 2050 wird man das für Anleger wirklich entscheidende Wörtchen immer noch genauso buchstabieren wie heute, nämlich R-e-n-d-i-t-e.

Quelle: F.A.Z., 14.06.2005, Nr. 135 / Seite 21
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