Fondsmarkt

Die erste Anlegerpflicht ist - Besonnenheit

EIN KOMMENTAR Von Hanno Beck
11.10.2004
, 19:11
Der Frankfurter Immobilienskandal beutelt Immobilienfonds. Den Investoren muß aber klarwerden, daß Besonnenheit nun erste Anlegerpflicht ist. Und daß sie sich im Zweifelsfall mit einer kollektiven Panik nur selbst schaden.
ANZEIGE

Im Hitchcock-Film "Der zerrissene Vorhang" sitzt der Held in einem Theater und bemerkt während der Vorstellung, daß seine Häscher ihm auf den Fersen sind und jeden Ausgang des Theaters abgeriegelt haben. In seiner Not kommt er auf einen genialen Einfall: Mitten in der Vorstellung springt er auf und ruft laut "Feuer". Er tut dies so überzeugend, daß die anderen Zuschauer in Panik geraten, aufspringen, zu den Ausgängen drängen und die Häscher überrennen, die dort auf den Helden warten - der Held kann entkommen.

ANZEIGE

In der Fondsbranche kennt man, wenn nicht den Film, dann doch die verhängnisvollen Mechanismen, die solche Paniken auslösen - und hat Angst davor. Auch wenn es niemand laut sagen mag: In Frankfurt geht die Angst vor einer Massenflucht aus offenen Immobilienfonds um. Ausgelöst wurden die Probleme durch die Deka, die Fondsgesellschaft der Sparkassen, als bekannt wurde, daß der Deutschland-Immobilienfonds der Gesellschaft in diesem Jahr Mittelabflüsse von mehr als 1,2 Milliarden Euro verbuchte - Tendenz steigend.

Und jetzt fürchtet man, daß es zu einer Panik kommen könnte: Den bereits abgezogenen Geldern folgen weitere Kunden, die ihre Mittel abziehen wollen, getrieben von der Angst, daß ihr Immobilienfonds in Liquiditätsschwierigkeiten kommen könnte. Nun muß es grundsätzlich kein Problem sein, wenn die Anleger ihren Fonds Mittel entziehen. Doch bei offenen Immobilienfonds beschleicht viele in der Branche ein ungutes Gefühl. Warum?

Fonds binden Geld in Beton

Das Grundproblem der offenen Immobilienfonds ist in der Konzeption dieser Produkte angelegt und damit quasi systemimmanent: Die Fonds nehmen Geld, das jederzeit kurzfristig abgezogen werden kann, und binden es in Beton. Jedes normale Unternehmen vermeidet es, langfristige Investitionen mit kurzfristigen Mitteln zu finanzieren, denn das Risiko liegt auf der Hand: Ziehen zu viele Geldgeber gleichzeitig ihre Mittel ab und hat das Unternehmen zu wenig Liquidität, dann droht entweder die Illiquidität, oder aber das langfristig gebundene Kapital muß veräußert werden - möglicherweise mit hohen Verlusten. Das Kalkül offener Immobilienfonds funktioniert also nur, wenn der Saldo aus Mittelzu- und -abflüssen nicht die verfügbare Liquidität übersteigt. In normalen Zeiten funktioniert dies, doch die vergangenen Jahre waren keine normalen Zeiten für offene Immobilienfonds.

ANZEIGE

Waren diese Produkte zur Zeit vor der Internetblase die Mauerblümchen des öffentlichen Interesses, so griffen die Anleger nach dem Platzen dieser Seifenblase voller Gier nach den Produkten, die Rendite und Sicherheit versprachen. Viele Anleger verkannten, daß solche Produkte kein kurzfristiger Parkplatz für liquide Mittel sind, und die Gesellschaften wollten nicht wahrhaben, daß ihre Produkte als Ersatz für Geldmarktfonds genutzt wurden - und so warf man die Gesellschaften mit Geld zu, und diese wehrten sich nicht. Jetzt hat sich der Wind gedreht: Immobilienkrise und Immobilienskandal führen dazu, daß Anleger Mittel abziehen und die Gesellschaften nun dazu zwingen könnten, den Beton wieder in liquide Mittel umzuwandeln - mit entsprechenden Folgen für den Wert der Immobilien, die angesichts des schlechten Marktes bei Notverkäufen keinen guten Preis erzielen dürften.

Rücknahme der Anteilscheine zeitweilig aussetzen

Im Extremfall sieht Paragraph 81 des Investmentgesetzes vor, daß die Gesellschaft die Rücknahme der Anteilscheine zeitweilig aussetzen kann. Je nach Vertragsbedingungen beträgt diese Frist drei Monate. Danach verlangt das Gesetz, daß die Gesellschaft Vermögensgegenstände des Sondervermögens veräußert. Dann hat sie noch einmal ein Jahr Zeit, um die entsprechenden Vermögensgegenstände zu angemessenen Konditionen zu verkaufen - je nach Prospekt können dies bis zu zwei Jahre sein. Im Extremfall kann die Gesellschaft dann Objekte über die vorgeschriebene Belastungsgrenze beleihen, um Anteilseigner auszuzahlen. All diese Mechanismen sollen einen geordneten Rückzug der Anleger sicherstellen. Doch so gut diese Regeln klingen, sie haben einen Haken: Sie wurden noch nie in der Praxis erprobt.

ANZEIGE

Die Angst der Fondsgesellschaften ist klar: Haben genug Medien und Anleger "Feuer" gerufen, könnte es passieren, daß zu viele Anleger gleichzeitig ihre Anteile veräußern - eine Panikspirale, die sich rasch beschleunigen und dazu führen kann, daß noch mehr Fonds ein Liquiditätsproblem bekommen, auch wenn es dazu keinen Anlaß gäbe. Dieses einzelwirtschaftlich rationale Verhalten der Anleger könnte zu einer kollektiven Katastrophe führen, in der alle verlieren, obwohl eigentlich kein Grund zur Panik besteht. In der Diskussion um die Liquiditätskrise der offenen Immobilienfonds geht - abgesehen davon, daß man genau zwischen einzelnen Fonds unterscheiden muß - der Umstand unter, daß den Anlegergeldern ja reale Werte gegenüberstehen, nämlich die Immobilien der Sondervermögen.

Bewertungsverluste erst mal nur auf dem Papier

Natürlich haben diese im Zuge der Immobilienkrise an Wert verloren. Doch zum einen bringen sie weiter laufende Mieteinnahmen. Zum anderen stehen die Bewertungsverluste erst mal nur auf dem Papier. Zieht die Konjunktur an und geht die Immobilienkrise vorüber, dann ließe sich auch sicherlich ein Teil der jüngsten Verluste wieder aufholen. Werden die Fonds jedoch aufgrund der Panik der Kunden gezwungen, in die Krise hinein zu verkaufen, dann könnten am Ende alle als Verlierer dastehen - die Fondsgesellschaften und die Anleger.

Schon werden Auffanglösungen diskutiert: Beispielsweise könnten einzelne Gesellschaften krisengeschüttelten Konkurrenten Objekte abkaufen, um deren Liquidität zu sichern, wohl wissend, daß das Virus der Liquiditätsangst auch auf sie übergreifen könnte. Den Anlegern muß aber genauso klarwerden, daß Besonnenheit nun erste Anlegerpflicht ist und daß sie sich im Zweifelsfall mit einer kollektiven Panik nur selbst schaden ähnlich wie bei Bränden: Zumeist fordert nicht das Feuer die Opfer. Die größte Gefahr ist es, von der Menge überrannt zu werden.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.10.2004, Nr. 238 / Seite 23
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot
ANZEIGE